Sich die Kante geben

Der Pizzo Badile ist ein Granitberg erster Güte. Über die Nordkante erklettert man ihn mit moderaten Schwierigkeiten – und ist danach doch ordentlich ausgelaugt.

Angenehm schwierig: Der Autor in der Wand. Foto: Gabor Fuchs

Angenehm schwierig: Der Autor in der Wand. Foto: Gabor Fuchs

Wir sind etwas spät dran, als wir zur Sasc-Furä-Hütte kommen. Das Nacht­essen haben wir verpasst. Alpinisten ­sitzen entlang der vier Wände. Gelegentlich murmeln sie etwas. Zu sagen gibt es nichts.Das ist immer so, wenn das Wetter die Pläne durchkreuzt. Am Tag zuvor brachte eine Kaltfront Schnee bis auf 1700 Meter. Der Wetterbericht versprach aber Sonne, die den Fels zu diesem Zeitpunkt hätte von Schnee und Eis befreien sollen.

Das trifft nun, da wir uns in die Runde setzen und von Heidi noch ein Essen serviert bekommen, nicht ganz zu. Leider blieben die Sonnenstunden aus, der ­Badile war an jenem Julitag lang in ­Wolken gehüllt und behielt sein winterliches Kleid. Heidi ist die Hüttenwartin der Sasc Furä. Sie sagt: «Die Cassin könnt ihr morgen vergessen, die Kamine im oberen Wandteil werden winterlich sein. Ausserdem geht ein kalter Wind.» Darum ist die Stimmung bedrückt. Denn die meisten sind gekommen, um die Cassin zu klettern – die legendäre Route durch die Nordostwand des Pizzo Badile. Alle, wir eingeschlossen, müssen sich gedacht haben: Das Wetter ist nicht top, aber es könnte hinhauen, und dann werden wir allein am Berg sein. Aber jetzt sieht alles anders aus. Manche ­sagen sich: Ich gehe trotzdem, das wird schon passen, und ich werde erst recht allein sein. Sie hüten ihren Geheimplan wie ein Ei, verschränken die Arme und wirken noch verschlossener. Ins Hüttenbuch kritzeln sie unter «geplante Tour» wenig präzise: Badile.

Andere denken: Dann nehme ich halt die Nordkante, die ist einfacher und sonniger. Auch sie geben sich geheimnisvoll. Und damit ist das Rennen programmiert: Wer wird als Erster am Einstieg sein und freie Bahn haben?

Nach und nach gehen die Alpinisten schlafen. Wir haben keine Lust auf ein Rennen morgens um vier. Darum beschliessen wir, spät einzusteigen und auf dem Gipfel zu nächtigen. Es gibt dort nämlich das Bivacco Redaelli, eine gelbe Blechkiste. Es ist ein Notbiwak, darum sollte man es nicht so in die Touren­planung integrieren, wie wir es taten.

Atemberaubendes Licht

Wer vom Silvaplanersee über den Malojapass ins Bergell kommt, spürt einen klimatischen Wandel hin zum Mediterranen. Die Dörfer sind nicht mehr vom Tourismus geprägt, sondern von Abwanderung, was dem Tal einen eigenen Charme verleiht. Abrupt wechselt auch das Gestein vom brüchigen Bündner Schiefer zum grundsoliden Granit der Bergeller Intrusion.

Der Granit ist rau.Hier wollen ­Kletterer ihre ­Finger bluten ­sehen

Der Pizzo Badile ist folglich ein Granit­berg erster Güte, der von einer ähnlich wuchtigen Historie um­geben ist wie der El Capitan in Kalifornien oder der Cerro Torre in Patagonien. Seine Nordostwand ist nach innen gewölbt und sieht aus wie eine gigantische Schaufel (darum Badile). Hier wollen Kletterer ihre Finger bluten sehen. Am nächsten Tag steigen wir kurz vor Mittag in die Nordkante ein. Einige Alpinis­ten sind schon weit oben am Grat zu sehen. Wir rollen das Feld von hinten auf, nicht, weil wir besonders schnell sind, sondern, weil die anderen um­kehren. Sie berichten von furchtbaren Winden, Schnee und Eis weiter oben.

Aber mindestens eine Seilschaft musste zu diesem Zeitpunkt den Gipfel bereits erreicht haben. Also gehen wir weiter. Der Wind ist tatsächlich lästig, Schnee und Eis geben der Tour aber eine interessante Note von Winter­berg­steigen.

Und das Licht ist atemberaubend. Rundum ist alles gestochen scharf, als hätte das Bergell ein 4-K-Update vor­genommen. Der Granit unter unseren Fingern ist angenehm rau. Je höher wir kommen, desto tiefer steht die Sonne, und als wir die gelbe Biwakschachtel ­erreichen, leuchtet schon der Mond am blauen Himmel.

Das Biwak ist mit dem Nötigsten ausgestattet. Hier finden sechs Menschen Unterschlupf, denn es soll sich nie mehr wiederholen, was Mario Molteni und Giuseppe Valsecchi widerfuhr, die im Jahr 1937 zusammen mit Riccardo ­Cassin, Luigi Esposito und Vittorio Ratti die Nordostwand erstmals bezwangen. Im Abstieg starben die beiden an Erschöpfung – die Seilschaft war vom schlechten Wetter überrascht worden und führte einen dreitägigen Kampf ums Überleben.

Ein ganzer Berg Abfall

Das ist auf den Tag genau 79 Jahre her, als wir das Biwak betreten. Wir tun das ohne jede Not – der Himmel ist zahm wie ein Lamm und überrascht uns nur noch mit einigen Sternschnuppen. Der Hauch eines schlechten Gewissens veranlasst uns tags darauf, einen Berg Abfall aus dem Biwak zu Tal zu tragen.

Theoretisch könnte man über die Nordkante abseilen, ein angeblich ­mühsames Manöver, da sich eine Kante ­selten zum Abseilen eignet. Ausserdem sind Seilverhänger gut möglich beim ­Abziehen. Auch über die beiden Nordwände gibt es keine schlaue Abseilpiste, obschon gemunkelt wird, dass zwei wage­mutige Basler im jugendlichen Leichtsinn schon einen äusserst direkten Weg in die Nordostwandroute ­«Another Day in Paradise» gefunden ­haben sollen. Diese Route ist ab der 13. Seillänge ideal eingerichtet zum ­Abseilen, vom Nordgrat aus ist sie aber nicht einfach zu finden. Die beiden ­Basler behaupten, in weniger als drei Stunden wieder am Einstieg gestanden zu sein – was wohl dem schnellsten ­Abstieg entspräche.

Über zwei Pässe zurück

Doch der Weg des Vernünftigen führt ein gutes Stück durch Italien. Rasch ist man über die Südwand abgeseilt und abgeklettert, über weite Geröllfelder erreicht man die Gianetti-Hütte, in der es italienischen Kaffee gibt für einen wohligen Start in den Tag. Zurück zur Sasc Furä ist es dann aber eine ordentliche Wanderung über zwei Pässe, auf der man stunden­lang seine Gedanken sortieren kann und sich am Ende so aufgeräumt vorkommt wie der Geräteschuppen eines durchschnittlichen Schweizer Schrebergärtners.

Je nach Getränk geniesst man bei der Hütte bald die selige Gelassenheit des Angetrunkenen zusammen mit dem erstrebenswertesten Zustand mensch­licher Befindlichkeit: der physischen Müdigkeit. Wenn nur jeder Tag so enden würde. Zeitgleich mit uns ist die Jugend­organisation des SAC Tödi zurück an der Hütte – die Truppe war am gleichen Morgen von der Sasc Furä via Nordkante zum Badile gestartet. Die Jungen werden immer stärker, wo soll das nur hin­führen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2016, 11:11 Uhr

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