Auf dem Velo Dampf ablassen

Auf ehemaligen Bahntrassees durchs frühlingshafte Andalusien ist nicht nur was für Sportler.

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Einst schnaubten hier schwer beladene Züge die Steigung hoch. Tempi passati: Heute strampeln wir Lokomotiven gleich auf unseren Mountainbikes durch die andalusische Frühlingslandschaft. Unterwegs auf der Via Verde de Aceite, einer der vielen stillgelegten Bahnstrecken in Spanien. Sie wurden zu Rad- und Wanderwegen umgebaut, die Trassees von Schienen befreit und mit fahrtauglichen Belägen ausgestattet. Die mittlerweile über 100 ehemaligen Eisenbahnstrecken heissen Vias Verdes, grüne Wege. Mehr als 2000 Kilometer stehen Radfahrern, Skatern und Wanderern autofrei in den schönsten Gegenden zur Auswahl. Die Vias avancierten zum touristischen Grosserfolg für Spanien, zum Vorzeigeprojekt, das jedes Jahr mehr Gäste anzieht. Die Touren werden aber auch zur Reise in die spanische Eisenbahngeschichte. Abenteuerliche Viadukte, verfallene Wassertürme, enge Tunnel und restaurierte alte Bahnhöfe wechseln sich ab. Im spanischen Bürgerkrieg zerstörte Strecken leben wieder auf.

Eine sanfte Abfahrt führt durch leuchtend roten Mohn, der von gelbem Ginster abgelöst wird. Ein Zwischenspurt, und bald erreichen wir den Windschatten des spanischen Freundes Sebastian, der über die beste Kondition in unserem kleinen Velofahrerfeld verfügt. Die im Jahr 1879 vollendete Bahnlinie war einst eine Pionierleistung. Mehr als 100 Jahre dampften Lokomotiven mit Güterwagen voller Olivenölfässer mit bescheidenen 30 Kilometern pro Stunden durch die Landschaft. 1984 wurde die Strecke aufgegeben. Auch wir nehmen es gemütlich in Erinnerung an die unaufgeregt schmauchenden Dampfloks. Wir hatten uns einen besonders hübschen Abschnitt der 120 Kilometer langen Originalstrecke, die von Jaén nach Puente Genil führt, herausgepickt. Die Strecke von Martos nach Lucena ist in zwei Tagen zu machen.

Fleisch von glücklichen Rindern Nach knapp 3 Stunden erreichen wir den liebevoll restaurierten Bahnhof von Luque. Historische Eisenbahnwagen, Dampf­lokomotiven und ein kleines ­Museum erfreuen die Bahnfreaks. Einfache Tische und Stühle warten auf dem Perron und zwischen den Gleisen, Waggons wurden zu schmucken Locations umgebaut und können für Feste und Feiern gebucht werden. Uns ziehen die herrlichen Düfte aus einer Küche magisch an. Ein lebendiger Bahnhof wie in alten Tagen, nur dass seit 30 Jahren kein Zug mehr fährt.

Heute kommt man nicht mehr zum Bahnhof, um einen Zug zu besteigen oder Güter zu laden, sondern vor allem wegen fleischlicher Genüsse: Carmen, die Juniorchefin des kleinen Restaurants, serviert die besten Solomillos, Rindsfilets, der Gegend. Die perfekten Kraftspender für hungrige Biker. 300 Gramm Fleisch von glücklichen Rindern kosten samt handgefertigten Pommes frites und Gemüse lediglich 14 Euro. Klar, dass wir nicht widerstehen können. Die Gewissensfrage: Trinken wir den offerierten Verdauungsschnaps, bevor wir wieder aufs Rad steigen? Die Antwort bleiben wir schuldig.

Ausfahrt vor dem Abendmahl

Wir radeln gestärkt weiter und nehmen die im Reiseführer angekündigte kräftige Steigung ohne Probleme. Wirklich steile Aufstiege finden sich auf den Vias Verdes keine, mussten doch die Ingenieure die Strecken den Möglichkeiten der Lokomotiven anpassen. Doch dann zwingt uns die Topografie vom Velo. Wir verlassen das Trassee und wagen einen Abstecher zum weissen Dorf Zuheros. Die Anfahrt ist einfach zu steil für Hobbyradler. Belohnt werden wir durch eine Traumaussicht von der Terrasse der imposanten Burg. Im milden Licht der Abendsonne geniessen wir später das Ausrollen Richtung Etappenziel Doña Mencía. Die Strecke wird jetzt sehr lebendig. Links und rechts flitzen Einheimische an uns vorbei. Die Andalusier geniessen den Ausritt auf dem Zweirad vor dem Abendmahl. Auch sind auffallend viele Spaziergänger unterwegs. Beim Bahnhof mit Bar und Mietstation treffen wir junge französische Mountainbiker beim Grillieren. Sie haben es sich gemütlich gemacht zwischen Wohnmobilen.

Die Väter der Via Verde haben neben den Hauptstrecken Trainingsrouten für Biker ausgeschildert und locken so nicht nur Genussfahrer, sondern auch ambitionierte Sportler an.

Unser Hotel ist neu, besitzt ein Restaurant, einen Pool und einen grossen Garten. Die Dreisternherberge wurde gebaut, um die Übernachtungsbedürfnisse der Via-Verde-Touristen abzudecken. Gleichzeitig entstanden zwölf neue Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region.

Die Olivenbäume weichen schroffen Felsen

Das Frühstück am andern Morgen stärkt jeden: Churros, das spanische Fettgebäck, und Kaffee für Sebastian, Schinken mit Eiern für die Schweizer. Cabra de Córdoba, auf Deutsch die Geiss aus Córdoba, ist unsere nächste Station nach einer guten Stunde Fahrt. Eine grosse Lokomotive namens Mikado steht dekorativ im alten Bahnhof. «Sie ist zwar ein beliebtes Fotosujet – fuhr aber nie auf dieser Strecke», erklärt ein freundlicher älterer Señor. Die Via Verde hat es möglich gemacht: Das eiserne Ungetüm wurde hübsch renoviert und erfreut die Besucher. Aufschlussreich der Small Talk mit zwei Bikern aus Calgary, die momentan in Sevilla studieren. Die Kanadier tummeln sich in der Freizeit auf den alten Bahnstrecken – und unsere Frage nach der schönsten Via Verde beantworten sie ohne zu zögern: die Senda del Oso, der Bärenpfad bei Oviedo in Nordspanien. Die 40 Kilometer lange Strecke einer ehemaligen Minenbahn war von 1847 bis 1964 in Betrieb und galt als gefährlich und abenteuerlich. Heute geniessen Biker die Schluchtenfahrt auf dem Bärenpfad über imposante Viadukte und durch enge Tunnel. Die Unterlage sei sicher und gepflegt, sagen die beiden Biker.

Wir radeln statt durch nordspanische Schluchten weiter durch die Frühlingslandschaft. Allmählich weichen die Olivenbäume schroffen Felsen, die sich fotogen vor tiefblauem Himmel präsentieren. Die Route ist vorbildlich signalisiert, und für Eisenbahnnostalgiker gibt es zahlreiche technische Informationen. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir das Städtchen Lucena, die «Leuchtende», unser Ziel auf der Via Verde. Ein spanischer Rentner bietet zu einem fairen Preis einen Transport samt Velos zurück zum Startort an.

Der touristische Erfolg der Via Verde bringt auch dem Mann Segen und ein willkommenes Nebeneinkommen.

Im Auto des rüstigen Chauffeurs beschäftigt uns eine letzte ungelöste Frage: Warum, um Himmels willen, hiess der kleine Viadukt auf dem letzten Streckenabschnitt Los Dientes de la Vieja – Die Zähne der Alten? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2017, 12:35 Uhr

Mit dem Bus zur Velomietstation

Anreise zum beschriebenen Teilstück Mit Mietwagen ab Córdoba, ­Málaga oder Sevilla zum Bahnhof Luque, Doña Mencía oder Cabra, alle mit Velomietstationen. Ab Córdoba Buslinie (Carrera S. A.) zu fast allen Orten an der Strecke.
Via Verde de Aceite Die ganze Route führt von Jaén nach Puente Genil und ist 128 km lang. Mietvelos in Jaén. Auf www.bahntrassenradwege.de findet man die besten Informationen in Deutsch. Sehr ausführlich mit Routen und Karten. Unter www.viasverdes.com auch in Spanisch und Englisch. Luque: www.estaciondeluque.es
Unterkunft Doña Mencía: www.menciahoteles.com
Allgemeine Infos www.andalucia.org/de; www.spain.info (Infografik: Jürg Candrian)

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