Das Burgenland ist wie geschaffen für eine Genussreise

Im kleinsten Bundesland Österreichs gedeihen die besten Rotweine.

Edle Tropfen: Das Burgenland verfügt über eine Rebfläche von über 16'000 Hektaren. Foto: PD

Edle Tropfen: Das Burgenland verfügt über eine Rebfläche von über 16'000 Hektaren. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Rand seines Weingartens hat Hans Feiler einen Tisch und zwei Bänke aufgestellt. Aber wir kommen erst mal nicht zum Trinken, weil die Aussicht uns betört: Sanft fallen die Rebzeilen ab, bis zu den beiden Kirchtürmen, um die sich die roten Ziegeldächer des Städtchens Rust glucken. Dahinter liegt der breite Schilfgürtel, der den Neusiedler See umgibt. Wildgänse fliegen auf, ein paar Segelboote kreuzen auf Europas grösstem Steppensee – kein Wunder, dass die UNESCO diese Landschaft zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Das Weingut, das die Familie Feiler seit Generationen im Burgenland betreibt, liegt an der gepflasterten Hauptstrasse von Rust. Aber auch dort kommen wir nicht gleich zum Probieren, weil wir schon wieder staunen: Die Barockfassade strahlt in Weiss und Habsburgergelb, durch das alte Holztor gehts in einen Innenhof mit Arkadengängen, auf dem Dach nistet ein Storchenpaar. Kein Wunder, dass dieses Idyll ins Fernsehen kam – die Serie «Der Winzerkönig» wurde hier gedreht.

Hans Feiler ist trotzdem ein herzlicher Mensch geblieben. Mit Stolz, aber ohne Überheblichkeit öffnet er in seiner romantischen Probierstube die Flaschen uns lässt uns probieren: vom frischen Neuburger, vom tiefen Pinot Noir, von der roten Cuvée «Solitaire». Dazu gibt’s Grammelpogatscherl, gebacken von Frau Feiler, freundlicherweise übersetzt ihr Mann für uns Ausländer: «Das sind Plätzchen mit Schweinegrieben.»

Vor allem aber schenkt Feiler von seinem Ruster Ausbruch ein. Dieser Süsswein gehört zu den besten Österreichs, und wer ihn gekostet hat, hält die Geschichte für glaubhaft, die Gemeinde Rust habe sich im 17. Jahrhundert mit grossen Mengen dieses Weins das Recht einer Freistadt erkauft.

Der Lemberger heisst hier Blaufränkisch

Das Burgenland ist das kleinste Bundesland Österreichs. Für die nationale Weinkarte hat es grosse Bedeutung: Es bereichert das traditionelle Weissweinland um rote Gewächse. Der Lemberger heisst hier Blaufränkisch, und die Winzer sind zu Recht stolz auf diesen dichten, samtigen Wein.

Das Burgenland ist wie geschaffen für eine Genussreise. Es liegt am östlichen Rand Österreichs, die Wiener machen sich gern lustig über diese vermeintlich rückständige Provinz, die bis 1921 zu Ungarn gehörte. Die Landschaft am Neusiedler See sieht noch heute so aus, wie man sich die Puszta vorstellt: Hölzerne Ziehbrunnen ragen aus der pannonischen Tiefebene. In den Dörfern ducken sich niedrige Häuser, in den flachen Rebflächen stehen spitze Schilfhütten, dort schliefen früher die Weingartenhüter. Im Nationalpark Seewinkel kann man mehr als 300 Vogelarten beobachten. Ein Schild weist den Weg zu einer besonderen Attraktion: zum tiefstgelegenen Punkt Österreichs, 115 Meter über Meereshöhe.

Gegen Süden ändert sich die Landschaft. Hier türmen sich Hügel auf, weiter hinten sogar Berge. Auf Strassen mit erfreulich wenig Verkehr fahren wir durch eine Gegend, die ihren Namen zu Recht trägt – sie heisst «Bucklige Welt». In der Kellergasse von Heiligenbrunn sitzen Männer beim Kartenspiel: mit Hut und Hosenträgern, das leibhaftige Gegenteil der Diät- und Fitnessgesellschaft, «magst was trinken?»

Kein Wunder, dass Schöngeister sich hier alte Bauernhöfe kaufen.

Die schmalen Kelterhäuschen am Fuss der Weinberge haben sich seit 150 Jahren kaum verändert: Strohdächer, weiss getünchte Mauern, der Fussboden ist oft noch aus gestampftem Lehm, in eine grossen Weinpresse ist die Jahreszahl 1885 geschnitzt. Das Hügelland ringsum ist kaum zersiedelt, keine Industrieanlagen stören das Bild, Burgen ungarischer Adelsgeschlechter krönen die Anhöhen und verleiten zu romantischer Landschaftsträumerei. Kein Wunder, dass Künstler und andere Schöngeister sich hier alte Bauernhöfe kaufen.

In Deutschkreutz lässt sich die Moderne der burgenländischen Winzer besichtigen. Walter Kirnbauer steht auf der Terrasse seines neuen Weinguts, hebt zum Gruss ein Glas Blaufränkisch und sagt: «Der Weinskandal in den 80er-Jahren war unsere Rettung.» Als die glykolgepanschten Billigweine aufflogen, bekamen die Qualitätswinzer eine neue Chance.

Inspiriert von progressiven Winzern in anderen Ländern, liess sich Kirnbauer ein architektonisch anspruchsvolles Weingut mitten in die Hügel des Blaufränkischlands bauen. Für die Terrasse hat er indischen Sandstein mit roten Einschlüssen gewählt, grinsend erklärt er: «Da sieht man die Rotweinflecken nicht so.»

«Der Zweigelt ist ein Schmeichler»

Der Bau verbindet die klare Formensprache des Designers mit der Wärme des Geniessens. Eine breite Treppe führt hinunter in den Schaukeller mit mehr als 500 Barrique-Fässern. Kirnbauer zeigt auf ein Eichenfass, in dem 4000 Liter Blaufränkisch liegen, lacht ansteckend und sagt: «Das ist die Jahresration eines Winzers. Wenn er die nicht austrinkt, werden ihm die Weingärten weggenommen.»

Sein bekanntester Wein ist allerdings eine Cuvée. Sie heisst «Das Phantom», und bei der Weinprobe am gebeizten Eichentisch erzählt Kirnbauer, wie sie zustande kommt. An Weihnachten trifft sich die Familie zur Blindprobe. Jeder hat zehn Gläser vor sich stehen, schnüffelt und süffelt, trinkt und urteilt. Bis entschieden ist, wie viel Merlot und Cabernet Sauvignon den Blaufränkisch in die ideale Balance bringen. Eine vierte Rebsorte gehört freilich auch noch zum Phantom. «Der Zweigelt ist ein Schmeichler», sagt Walter Kirnbauer geniesserisch, «den brauchts zum Bauchpinseln.»


www.weinburgenland.at (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.03.2017, 10:11 Uhr

Top Five – bei diesen Winzern kann man probieren und kaufen


  • Feiler-Artinger, Hauptstr. 3, 7071 Rust, Tel 0043-2685-237, www.feiler-artinger.at; Mo-Sa 8-19 Uhr; der Ruster Ausbruch gehört zur Weltelite der Süssweine

  • Ernst Triebaumer, Raiffeisenstr. 9, 7071 Rust, Tel 0043-2685-528, www.triebaumer.com; Mo-Fr 8-16 Uhr, Voranmeldung willkommen; unbedingt probieren: Blaufränkisch Mariental

  • Gernot Heinrich, Baumgarten 60, 7122 Gols, Tel 0043-2173-3176, www.heinrich.at; die Cuvée «Pannobile» ist zu Recht berühmt

  • Gut Meinklang, Hauptstr. 86, 7152 Pamhagen, Tel 0043-2174-216811, www.meinklang.at; Mo-Fr 8-16 Uhr, Kellerführung und Verkostung auf Anmeldung; spannende «Orange Wines»: biodynamisch, spontanvergoren, unfiltriert

  • K+K Kirnbauer, Rotweinweg 1, 7301 Deutschkreutz, Tel 0043-2613-89722, www.phantom.at; Mo-Sa 10-12, 13-18 Uhr; die Cuvée «Das Phantom» gehört zu den bekanntesten Rotweinen Österreichs

Artikel zum Thema

Wege zum blauen Wunder

Vogelbeere, Williams-Birne, Roter Holunder: Das Tirol ist ein Schnapsparadies. Eine Wanderroute erschliesst innovative Brennereien. Mehr...

Zeit, die Seele baumeln zu lassen

Majestätische Bergkulissen, grosszügige Spa-Landschaften und preisgekrönte Gourmetküche: Österreich bietet ein vielfältiges Angebot für Naturbegeisterte und Geniesser. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Blogs

Mamablog Darf man Kinder hungern lassen?

Sweet Home Ganz schön unordentlich

Anzeigen

Zeit, die Seele baumeln zu lassen

Österreich bietet ein vielfältiges Angebot für Naturbegeisterte und Geniesser. Mehr...

Wege zum blauen Wunder

Vogelbeere, Williams-Birne, Roter Holunder: Das Tirol ist ein Schnapsparadies. Eine Wanderroute erschliesst innovative Brennereien. Mehr...

Wie geschaffen für eine Genussreise

Im kleinsten Bundesland Österreichs, dem Burgenland, gedeihen die besten Rotweine. Mehr...