Die neuen Athleten am Berg

Ueli Steck hat das moderne Bergsteigen wesentlich geprägt. Jetzt wird seine Technik weiterentwickelt – und zwei Schweizer sind ganz vorne dabei.

Der moderne Bergsteiger ist ein Hochleistungssportler: Alpinisten in der Slowakei. Foto: Balazs Mohai (Keystone)

Der moderne Bergsteiger ist ein Hochleistungssportler: Alpinisten in der Slowakei. Foto: Balazs Mohai (Keystone)

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Am vergangenen Wochenende erreichte der Spanier Kilian Jornet innert 26 Stunden den Mount Everest, er verwendete weder Fixseile noch zusätzlichen Sauerstoff. Damit setzt er den Stil fort, den Ueli Steck zuletzt prägte. Mit seinem schnellen Bergsteigen hat Steck eine Richtung eingeschlagen, die in den ­Augen vieler als die logische Form der alpinistischen Steigerung gilt. Oft verwechselt mit Rekordjagd, bedeutete sein Stil auch die Erweiterung des Spektrums menschenmöglicher Touren. Die Everest-Lhotse-Überschreitung hätte zu einem wesentlichen Teil in der Todeszone stattgefunden – wo sich ein Mensch nur über einen begrenzten Zeitraum aufhalten kann. Nun steht die Frage im Raum, wie die alpinistische Entwicklung weitergehen wird.

Wenige Bergsteiger sind so unterwegs, wie es Steck zuletzt war: topfit, technisch in allen Disziplinen stark und mit viel Erfahrung im Höhenbergsteigen. Der Spitzenalpinismus der Zukunft dürfte aber weiterhin in der kontinuierlichen Kombination der beiden Maxime Tempo und Schwierigkeit liegen.

Ein Volk von Bergführern

Die Schweiz muss man als Spitzennation bezeichnen, was Bergsteigen anbelangt. Das ist nicht weiter verwunderlich, verortet man die sportlichen Fähigkeiten einer Bevölkerung auch an der Landschaft, die sie bewohnt. Der Bergführerberuf geniesst nirgends derart lange Tradition sowie hohen Standard wie hierzulande, die Schweizer Bergführerausbildung gilt als eine der härtesten weltweit.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) ist mit rund 150'000 Mitgliedern einer der grössten Sportverbände der Schweiz. Seit 2009 setzt er sich auch für das Leistungsbergsteigen ein: Alle drei Jahre wird ein Expeditionsteam von zehn jungen Bergsteigern und Bergsteigerinnen zusammengestellt, die in einem umfangreichen Lehrgang zu Profis ausgebildet und in die Gebirge der Welt entsandt werden.

Nicolas Hojac will seine eigenen alpinistischen Ziele verfolgen. Foto: PD

Aktueller Vorzeigeathlet ist der 25-jährige Nicolas Hojac. Schon bei den Aufnahmeprüfungen fiel er auf: Er offenbarte grosses Können im Sportklettern und im Mixedklettern, also im kombinierten Gelände von Fels und Eis. Das war 2014. Ein Jahr später stellte er zusammen mit Ueli Steck den Seilschafts­rekord in der Eigernordwand auf (3:46 Std.). Fast spektakulärer als der Rekord ist eine Begehung der beiden, die im letzten Dezember stattfand: Steck landete von Brüssel kommend in Zürich und stieg noch am selben Nachmittag mit ­Hojac durch die Nordwand auf den Eiger.

Eine ungewöhnliche Haltung

Mit Vorträgen verdient er bereits Geld, daneben studiert der Berner Maschinenbau an der Fachhochschule in Burgdorf. In Zukunft möchte er bei seinem Hauptsponsor, dem Ausrüster Mammut, in der Produktentwicklung mitarbeiten und so den Spagat zwischen Bergsteigen und Arbeitsleben machen. Er sagt: «Vielleicht werde ich ab einem gewissen Punkt auch ganz auf den Sport setzen.» Dass er von Sport spricht und nicht vom Bergsteigen ist bezeichnend für die gegenwärtige Neuerfindung des Profibergsteigers: Der Athlet löst den Abenteurer ab, ein systematisches Training rückt ins Zentrum.

Die Ausbildung zum Bergführer scheint für Hojac kein Thema zu sein. «Als Bergführer ist es schwierig, regelmässig zu trainieren und bei guten Bedingungen Zeit für die eigenen Projekte zu haben.» Lieber wolle er die Zeit nutzen, seine eigenen alpinistischen Ziele zu verfolgen. Eine ebenso nachvollziehbare wie ungewöhnliche Haltung: Die meisten professionellen Bergsteiger sind auch Bergführer, gerade weil sie so Beruf und Berufung vereinen können. Ueli Steck war eine Ausnahme, er liess sich nie zum Bergführer ausbilden. Doch einen gewichtigen Unterschied zu seinem Mentor offenbart Hojac dann doch: Die höchsten Berge der Welt ­interessieren ihn kaum, zumindest im Moment: «Es gibt schon einen Grund, weshalb man ab 8000 Metern von der Todeszone spricht.»

Jonas Schild beginnt bald die Ausbildung zum Bergführer. Foto: PD

Ein regelmässiger Seilschaftspartner von Hojac ist der ebenfalls 25-jährige ­Jonas Schild. Der Vater ist Bergführer, Schild geht schon seit seiner Kindheit in die Berge. Bis vor kurzem wurde er vor allem als starker Sportkletterer wahr­genommen. Doch er entpuppte sich als eindrücklicher Allrounder: Diesen April stieg er zum zehnten Mal durch die Eigernordwand (auf diversen Routen). Für Aufsehen sorgte auch, als er letzten Dezember innert einer Woche mit Mönch, Petit Dru und Eiger gleich drei Winterbegehungen grosser Nordwände hinlegte. Am Mönch war er solo unterwegs und für den Eiger brauchte er zusammen mit dem Schweizer Altmeister Roger Schäli gerade einmal sechs Stunden. Der Berner studiert Geografie und wird im kommenden Herbst die Aus­bildung zum Bergführer beginnen.

Überragende Kletterer

Erstaunlich an Schild und Hojac sind ihre überragenden Kletterfähigkeiten. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man am oberen Ende der Schwierigkeitsskala klettert (Sportklettern) und gleichzeitig die Widrigkeiten des klassischen Bergsteigens aufsucht. Sportklettern war schon fast eine dem Alpinismus abtrünnig geglaubte Disziplin. Es galt als Opposition des Bergsteigens, verwurzelt im Umschwung vom Eroberungs- hin zum Schwierigkeits­alpinismus. Allrounder wie die beiden ­Deutschen Thomas und Alexander Huber oder der Österreicher David Lama sind wichtige Akteure der Wiedervereinigung.

Und nun eben auch Schild und Hojac, welche aktuell die grösste Aufmerksamkeit unter den Newcomern in der Schweiz geniessen. Allerdings fliegt eine Handvoll ähnlicher Schweizer Cracks noch unter dem Radar. So kletterte Schild etwa mit dem Walliser Fabian Borter in unter 24 Stunden durch die sehr anspruchsvolle Route Divine Providence auf den Mont Blanc. Es dürfte die schnellste Begehung sein – und eine ­Ansage für die Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2017, 11:18 Uhr

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