Fragile, faszinierende Unterwasserwelt

Im australischen Great Barrier Reef kann die Korallenbleiche die Stimmung von Gästen und Hotelbesitzern nicht trüben. Auf Great Keppel Island heisst es: Schuhe ausziehen, Stress runterfahren.

Im südlichen Teil des Great Barrier Reef gibt es noch mehr intakte Korallen zu bestaunen. Foto: chameleonseye (iStock)

Im südlichen Teil des Great Barrier Reef gibt es noch mehr intakte Korallen zu bestaunen. Foto: chameleonseye (iStock)

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Jemand aus der Schnorchelgruppe hat etwas entdeckt und winkt. Nein, kein Hai, auch keine Schildkröte. Korallenbleiche! Taucht man bei Great Keppel Island ins Meer ab, sieht man zwar unzählige Clownfische, mit Glück auch Manta-Rochen und Schildkröten. Doch zwischen den bunten Korallenarmen herrscht vereinzelt graue Totenstarre. Die Lebewesen bleichen aus, wenn die Algen absterben, mit denen sie in einer Symbiose leben. Der Grund dafür sind die zu hohen Wassertemperaturen, die durch Zyklone und die globale Erderwärmung entstehen. Wenn die Korallen sterben,stirbt auch die Artenvielfalt inklusive Fische.

Heisst dies, dass das berühmte Korallenmeer wirklich bald tot ist, wie Fachzeitschriften und Umweltschützer besonders in den vergangenen Monaten immer wieder warnen? Fakt ist, dass nach der grossen Korallenbleiche im australischen Sommer 2015/16 nun, im eben beendeten Sommer 2016/17, schon wieder eine grosse Bleiche stattfand, diesmal mehr im mittleren Teil des Riffs, vor den Städten Cairns und Townsville. Somit war innerhalb von nur zwei Jahren das Riff auf 1500 Kilometern Länge betroffen. Und dann gab es Ende März auch noch den Zyklon Debbie, der bisher nicht betroffene Teile des Riffs verwüstet hat.

Da stellt sich die Frage: Möchte man überhaupt noch hier Ferien verbringen?

Bleiche Korallen sterben nicht unbedingt

Bei oberflächlicher Betrachtung scheint auf Great Keppel Island, der grössten von 18 Inseln der Keppel-Gruppe, keine Untergangsstimmung zu herrschen. Die Inseln liegen eher im südlichen Teil, der nicht so stark betroffen war. Brett Lorraway wirkt wie jemand, der sich keine grossen Sorgen macht. Breitschultrig-machohaft empfängt der 44-jährige Hotelier seine Gäste im Great Keppel Island Hideaway direkt an der Fähre, die nur eine halbe Stunde vom Festland hierher gebraucht hat. Sein erster Blick fällt auf die Schuhe der Gäste: «Ausziehen!», befiehlt er. Die Barfusszone beginnt, denn es gibt nicht viel mehr hier als Sand. Lorraway lebt seit seiner Geburt auf der Insel, mittlerweile mit Frau und drei kleinen Kindern. Ausser ihm wohnen hier noch 20 Einheimische, die zwischen 17 verschiedenen Stränden auswählen können.

Lorraway, sorgenfrei wie er ist, glaubt an den normalen Lauf der Natur: Korallen sterben und vermehren sich wieder. Er schätzt, dass rund um die Insel 75 Prozent der Korallen durch Zyklone zerstört wurden, 25 Prozent sich bereits wieder regeneriert hätten. Doch würde er den Besuchern auch etwas anderes erzählen? Wohl kaum. Gesicherte Zahlen hat er zu seinem Hotel: Viermal mehr Übernachtungen als im Vorjahr habe er verzeichnen können, trotz der schlechten Nachrichten über das Riff.In guten Zeiten brate sein Küchenteam mehr als 600 Burger am Tag. Es können maximal 140 Menschen hier übernachten. Da die Insel so nah am Festland liegt, kommen auch viele Tagestouristen. Die meisten Taucher wissen nicht, dass sie in eine angeschlagene Umwelt schauen.

Das grösste Riff der Welt erstreckt sich von Cape York im Norden Queenslands bis in den Süden nach Bundaberg, über 2300 Kilometer. An berühmten Orten wie Cairns oder rund um Whitsunday Island reiht sich ganzjährig ein Ausflugsboot ans andere. Nach Schätzungen der Regierung bringt der Besucherstrom umgerechnet mehr als vier Milliarden Franken. Diese Einnahmequelle könnte wegbrechen, wenn die Korallen grossflächig absterben. Zu steigenden Wassertemperaturen und Wirbelstürmen kommen immer wieder unachtsame Taucher, die mit ihren Schwimmflossen auf Korallen treten oder sie als Souvenir abbrechen. Bleiche Korallen sterben nicht unbedingt, sie können sich wieder erholen. Aber das dauert Jahre.

Noch sind die Strände einsam

Alison Jones, eine einheimische Wissenschaftlerin, die das Riff erforscht, regt sich darüber auf, dass immer wieder behauptet wird, das Korallenmeer sei schon so gut wie tot und der Tourismus sei schuld. «Das Riff hat vor allem an den Zyklonen der letzten sechs Jahre gelitten, aber es ist zum grossen Teil intakt.» Das Wasser sei wärmer als sonst gewesen, weil es aus dem Südpazifik ins Korallenmeer gespült worden ist. «Dies ist aber zuvor auch schon passiert», so Jones. Auf jeden Fall sei das Korallensterben im nördlichen Riff deutlich grösser.

Die Korallenbleiche ist eine Folge der Versauerung des Wassers. Foto: Keystone

Auf Great Keppel Island befindet man sich südlich, noch etwas abseits des Touristenbetriebs. Die Preise für Touren und Unterkunft sind bezahlbar, die Temperaturen milder. Die Korallen liegen näher an der Küste, und man kann einen Strand für sich alleine finden. Ausserdem gibt es hier im Gegensatz zum Norden keine giftigen Quallen.Vor drei Jahren eröffnete Lorraways neue Hotelanlage mit Strand-Bungalows und recht schlichten Doppelzimmern sowie einem Bar-Restaurant mit Strandblick. Ein unspektakuläres, aber gemütliches Hotel. Der neue Slogan, den der Familienvater verbreitet, lautet «I dream of Keppel», und Besucher sind nun vor allem Familien, Brautpaare und Schnorchler.

Um 23 Uhr gehen die Lichter aus, und man muss mit der Taschenlampe zum Zimmer schleichen. Noch ist der grösste Teil der Insel unbebaut, man kann sich wandernd zu einsamen Stränden durchschlagen. Aber es gibt immer mal wieder heiss diskutierte Pläne für grössere Hotelanlagen. «Das könnte das Gleichgewicht zum Kippen bringen, das Ökosystem ist sehr fragil», sagt Lorraway. Sein plötzlich aufkommendes Ökobewusstsein hat wohl noch einen anderen Grund: Angst vor Konkurrenz.

Anreise: Cathay Pacific fliegt täglich ab Zürich via Hongkong nach Cairns. Weiter im Mietwagen. Unterkunft: Great Keppel Island Hideaway, ab 130 Franken p. P. im DZ inkl. Vollpension. Veranstalter: wwww.knecht-reisen.ch. Allgemeine Infos: www.queensland.com. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 24.05.2017, 11:46 Uhr

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