Eine Reise zur Freiheit

Der amerikanische Süden stand lange für Sklaverei und Rassismus. Nun etabliert sich dort ein Tourismus auf den Spuren der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Ikone der Bürgerrechtsbewegung: Rosa Parks fährt im Cleveland-Avenue-Bus in Montgomery, Alabama. Foto: Getty Images

Ikone der Bürgerrechtsbewegung: Rosa Parks fährt im Cleveland-Avenue-Bus in Montgomery, Alabama. Foto: Getty Images

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Die Ampel bremst Elaine Turner aus, und da fällt es ihr wieder ein. «An genau dieser Kreuzung wurde ich verhaftet», sagt die 72-Jährige, die schon so manche Nacht in einer Zelle verbracht hat.

Ihre Vergehen waren immer die gleichen: mit dem Bus gefahren, im Kino gewesen, ein Restaurant besucht. In den 60er-Jahren waren das für die meisten Amerikaner selbstverständliche Freizeitbeschäftigungen. Für Turner nicht, denn sie ist schwarz. Wer damals ihre Hautfarbe hatte, musste im Kino und im Bus hinten sitzen, den Weissen vorbehaltene Restaurants waren tabu. Doch das scherte Turner nicht. Sie wollte aufmerksam machen auf die Ungerechtigkeit in ihrem Land, wollte provozieren –und tat es wieder und wieder. Und landete im Gefängnis.

Ein schwarzer Präsident? «Das hätte ich früher nie für möglich gehalten. Als Obama gewählt wurde, war ich unglaublich glücklich», sagt Elaine Turner, 72. Foto: Steve Przybilla

Heute organisiert Turner Stadtrundfahrten und betreibt ein kleines Museum in Memphis. Die Polizeiwache liegt gleich nebenan. Als die adrette ältere Dame auf die Strasse tritt, winkt ein Cop freundlich herüber. Andere Zeiten. «Hier hat sich viel geändert im Laufe der Zeit», sagt sie. Ein schwarzer Präsident? «Das hätte ich früher nie für möglich gehalten. Als Obama gewählt wurde, war ich unglaublich glücklich.» In ihrem Museum dreht sich vieles um William C. Handy, einen Vater des Blues. Ohne seinen Einfluss, sagt Turner, hätte es Elvis nie gegeben. Auch Memphis wäre eine andere Stadt. Doch die Musik ist nicht der einzige Grund, warum Touristen in die Südstaatenmetropole kommen: Die Geschichte der Schwarzen ist hip. Immer mehr Amerikaner, auch Weisse, interessieren sich dafür. Im Museum ist auch ein Nachbau des Busses ausgestellt, in dem die Schwarze Rosa Parks am 1. Dezember 1955 in Montgomery verhaftet wurde, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz für einen Weissen zu räumen.

«Alles nur Schläger»

In Zeiten, in denen regelmässig unbewaffnete Schwarze von der Polizei erschossen werden, bekommt die Bürgerrechtsbewegung neue Aktualität. Zumal der neue US-Präsident Donald Trump sich schon vor der Wahl abfällig über Protestierende geäussert hatte, die gegen Polizeigewalt auf die Strasse gehen: «Alles nur Schläger.» Demgegenüber steht eine neue Bewegung: der Civil-Rights-Tourismus. Im Februar eröffnete Obama das National Museum of African American History in Washington. Doch vor allem im Deep South, den ehemaligen Sklavenstaaten, boomt diese Form des Tourismus.

In Memphis setzt sich das nationale Civil-Rights-Museum seit 1991 mit der Vergangenheit auseinander. In Atlanta eröffnete 2014 das National Center for Civil and Human Rights. In Jackson, der Hauptstadt des Bundesstaates Mississippi, wird ein Museum gebaut, derweil in Montgomery, Alabama, eine Privatinitiative an die Opfer von Lynchmorden erinnert. All das wirkt auf den ersten Blick sehr positiv.

Immerhin investieren der Staat und private Förderer viel Geld, um an die Geschichte der Schwarzen zu erinnern. Allein die letzte Sanierung des Civil-Rights-Museums in Memphis kostete rund 27,5 Millionen Dollar. Andererseits entstehen derartige Leuchtturmprojekte vor allem in den Grossstädten. Auf dem Land fehlen vielerorts prominente Gedenkstätten. Und wenn es sie gibt, leiden sie oft an Geldnot.

Auf die Gedenktafel wurde oft geschossen

Beispiel Sumner. Die Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi hat sich ins kollektive Gedächtnis vieler ­Afroamerikaner eingebrannt. Hier wurde 1955 der schwarze Teenager Emmett Till ermordet, weil er einer weissen Frau hinterhergepfiffen haben soll. Die mutmasslichen Täter wurden vor Gericht freigesprochen. Ein Jahr später gestanden sie die Tat. Der Gerichtssaal, der bis heute genutzt wird, dient vielen Schwarzen als Mahnmal. Eine Gedenktafel auf dem Vorplatz erinnert an die Geschehnisse. Eine weitere Gedenktafel am Tatort wurde kürzlich entfernt. Auf sie wurde so oft geschossen, dass die Inschrift unleserlich wurde.

Rings um den Marktplatz stehen Einfamilienhäuser mit Schaukel und Pick-up-Truck im Vorgarten – die Wohngebiete der Weissen. In den Aussenbezirken zeigt sich ein anderes Bild: heruntergekommene Wohnwagen, Schlaglöcher, gross wie Mondkrater. Hier wohnen vor allem Schwarze. Öffentlich ausgetragen werden die Rassenkonflikte nicht mehr. Doch man spürt, dass unter der Oberfläche etwas lauert und jederzeit wieder auftauchen kann.

«Viele Menschen haben sich mit der Geschichte nie wirklich auseinandergesetzt», klagt Benjamin Saulsberry, ein Einwohner. Wie er ist hier die Hälfte der Bevölkerung schwarz. «Bei uns ist der Mord an Emmett Till Teil der Kultur», sagt der 32-Jährige. «Schon als Kind haben mir meine Eltern davon erzählt.» In der Öffentlichkeit sei die Tat aber nie richtig aufgearbeitet worden. «Das sieht man an dem zerschossenen Schild», sagt Saulsberry. «Wir haben bis heute nicht genug Geld, es zu ersetzen.»

«Schon als Kind haben mir meine Eltern von Emmett Till erzählt.»Banjamin Saulsberry, 32

In Tennessee will das Fremdenverkehrsamt die Civil-Rights-­Attraktionen stärker bewerben. Gleichzeitig fliessen aber weiter Steuermittel in die Pflege diverser Südstaatendenkmäler. So thront in Memphis etwa der Sklavenhändler Nathan Bedford Forrest auf einem steinernen Ross. Er wurde berühmt, weil er im Bürgerkrieg besonders brutal gegen gegnerische Truppen vorging. Später beteiligte er sich an der Gründung des Ku-Klux-Klan. Seit langem tobt eine Debatte, ob man das Denkmal nicht entfernen sollte.

Für viele Schwarze ist das Denkmal ein Affront. Schon mehrmals wurde es beschädigt. Im Juli 2016 sprühten Unbekannte «Black ­Lives Matter» auf den Sockel, den Schlachtruf der Demonstranten, die gegen rassistische Polizei­gewalt protestieren.

Doch auch Symbole der Bürgerrechtler ziehen Hass auf sich. 2014 legten Mitglieder einer Studentenverbindung in Oxford, Mississippi, einer Statue eine Schlinge um den Hals. Es handelte sich um das Abbild von James Meredith, der als erster Schwarzer 1962 an der Universität zugelassen wurde. Die Tat – zunächst als Dummejungenstreich abgetan – löste massive Proteste aus und führte zur Auflösung der Studentenverbindung.

Vier Millionen Schwarze zur Arbeit gezwungen

In Memphis hat sich im Civil-Rights-Museum eine lange Schlange gebildet. Die Besucher bleiben andächtig vor den Exponaten stehen. Das Stethoskop eines schwarzen Arztes. Gasmasken von Polizisten. Der Tresen in einem Diner («Nur für Weisse»).

Sklaverei, so lernt man, war ein grosses Geschäft. Noch 1860 wurden über vier Millionen Schwarze zur Arbeit gezwungen, vor allem auf den Baumwollplantagen des Südens. Geschätzter Gesamtwert der menschlichen Waren: acht Milliarden Dollar. Wie viel seither passiert ist, sieht man an den Besuchern des Museums. Pärchen mit unterschiedlicher Hautfarbe gehen Hand in Hand. Ein Blick in die Zukunft an einem Ort der Vergangenheit. Genau hier wurde 1968 der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Damals war das Gebäude ein Motel, ohne Strassensperren und Einlasskontrollen. Heute müssen Besucher einen Metalldetektor passieren und ihre Taschen abgeben – ganz gleich ob Schwarz oder Weiss.


Die Reise wurde unterstützt vom offiziellen Verkehrsbüro Memphis-Tennessee. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 16:22 Uhr

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Anreise Direktflüge ab Zürich nach Memphis gibt es keine. British Airways bietet die Reise mit zwei Stopps ab 730 Franken an, mit Swiss und United Airlines mit nur einem Stopp kostet der Flug ab 1130 Franken.

Reiseveranstalter Grosse USA-Programme etwa bei Travelhouse, TUI Suisse oder Knecht Reisen.

Unterkunft
In Memphis: Sleep Inn at Court Square, DZ ab 120 Franken.
In Jackson: Fairview Inn, DZ ab 200 Franken.

Erinnerungskultur In Memphis hat das National Civil Rights Museum von 9 bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt: 15 Dollar; ­Stadtrundfahrten zum Thema gibt es bei www.memphistravel.com/heritage-tours. Das Medgar Evers House in Jackson kann kostenlos besichtigt werden, ebenso die Bibliothek am Tougaloo College: libraryservices@tougaloo.edu. Führungen vom Emmett Till Interpretive Center.
Allgemeine Informationen www.memphis-mississippi.de

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