Heisser Sand und steife Brise

Vom Wind umtost und erfolgsverwöhnt: Sylt bleibt ein Lieblingsziel, nicht nur der Deutschen. Doch die Nordseeinsel kämpft auch mit Problemen.

Raues Naturschauspiel: Die steigende Zahl an Sylt-Fans verdankt die Insel nicht zuletzt den langen Stränden und Brechern der Nordsee. Foto: Getty Images

Raues Naturschauspiel: Die steigende Zahl an Sylt-Fans verdankt die Insel nicht zuletzt den langen Stränden und Brechern der Nordsee. Foto: Getty Images

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Das Geschenk ruht auf der Fensterbank hinter der Sofalandschaft. Das akkurat in Seidenpapier gewickelte Präsent entpuppt sich als Versandkatalog. Die Angebote zielen auf eine Klientel, die sich diese Unterkunft leistet.

Wir können wählen zwischen «Boulevard-Eiche, 14 bis 16 Meter hoch, 32 Jahre, 11'000 Euro» oder «Platane als Bonsai, 10 bis 11 Meter, 35 Jahre, 22'000 Euro». Der Preis enthält die Lieferung per Tieflader.

Wer Ferien im Watthüs in Kampen auf Sylt gebucht hat, kann sich auch mal einen gut gewachsenen Baum für den Garten zu Hause leisten. 630 Euro kostet das 90-Quadratmeter-Kuschelhaus auf der Düne pro Nacht in der Hochsaison. Durch das Halbrund der Fensterfront im Erdgeschoss geht der Blick auf das Wattenmeer. Das Geschnatter von Eiderenten und Graugänsen, die in den Salzwiesen Nahrung suchen, weckt die Feriengäste. Sie erwachen in den Alkovenbetten und glauben zu träumen ob der heimeligen Ambiance in diesem engen, aber sehr luxuriös ausstaffierten Domizil.

Es fehlt an nichts im Watthüs: zwei Badezimmer, Cheminée, Fernseher auf allen drei Etagen und ein Glaspavillon im Garten. Gratis umtost der Wind das reetgedeckte Ferienhaus, klopft der Regen an die weissen Aussenwände und die Butzenscheiben. Die Nachbarschaft ist erlesen – nebenan wird gerade das Schlösschen von Thomas Straumann (Zahnimplantate, Hotel Trois Rois Basel) renoviert, und mit etwas Jagdglück erheischt man einen Blick auf den Kultfussballtrainer Jürgen Klopp oder den alternden Liedermacher Reinhard Mey.

Insel der Stars und Statisten

«Sylts Image als Insel der Promis passt nur zum Teil, ist dem Geschäft aber durchaus dienlich», sagt Pius Regli. «Denn die Schönen und Reichen fühlen sich hier wohl, weil ihnen die Normalbürger zugucken. Es braucht auf dem Set Stars und Statisten.» Regli wirtet seit dreissig Jahren im Manne Pahl, einem der angesagten Restaurants von Kampen. Der gebürtige Luzerner kam in den 70ern auf die Insel. «Ich hatte mir als Jugendlicher in Luzern den Sexfilm ‹Heisser Sand auf Sylt› reingezogen – und diese Traumwelt ging mir nicht mehr aus dem Kopf.»

Der harte Alltag zwischen Watt und Nordsee entpuppte sich zwar nicht gerade als Softporno: «Aber mit Fleiss kann man sich hier auch als Auswärtiger etwas aufbauen.» Regli wundert sich: «Sylt ist schlecht erreichbar. Damit setzen wir eine touristische Grundregel ausser Kraft. Wie geil muss es auf der Insel sein, dass so viele Leute hier Ferien verbringen wollen?»

Auf 20'000 Einwohner kommen pro Jahr 900'000 Gäste, die für fast 7 Millionen Übernachtungen sorgen. Tendenz: steigend. Auch die Zahl von Schweizer Sylt-Fans nimmt zu. Regli: «Die Bedürfnisse haben sich geändert. Es zählen nicht mehr nur Sonne und heisser Sand, heute lieben es die Touristen, bei steifer Brise und 8 Grad am Strand zu laufen.»

Sylt ist die Insel der kurzen Wege; hinter Dünen und Deichen regiert die Natur.

Gesagt, getan: Der Parkplatz vor dem Hauptübergang zum Strand von Rantum ist verdächtig leer. Der Sturm heult über die Düne. Die Brecher der Nordsee zerstäuben am langen Sandstreifen. Nur die Möwen scheinen Gefallen zu finden an diesem Naturschauspiel. Regungslos lassen sie sich übers schäumende Wasser tragen, stürzen kreischend auf die für uns unsichtbare Beute.

Sylt ist die Insel der kurzen Wege; neben den lärmigen, in der Hochsaison mitunter verstopften Hauptverkehrsachsen erheben sich Dünen und Deiche, dahinter regiert die Natur. Heute stehen wir vor dem Restaurant Strandmuschel in Rantum und beobachten die Flugshow der Möwen, gestern begleitete uns das Pfeifen der Austernfischer bei der Wanderung durch Heckenrosen und Strandhafer über dem Morsum-Kliff, einem geologischen Phänomen in Schwarz-Rot-Gold.

Unerschwingliches Wohneigentum

70 Prozent der nördlichsten Insel Deutschlands sind geschützt. Schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als aus strategischen Gründen der Hindenburgdamm zum Festland gebaut wurde, schied man Naturschutzgebiete aus. Kehrseite der Medaille: Wohnraum ist heute sehr knapp. Eine Villa oder ein Appartement auf Sylt gilt als sichere Wertanlage, die Immobilienpreise übertreffen jene der Münchner Innenstadt. Für Normalverdiener unter den Einheimischen oder die zugezogenen Arbeitskräfte bleibt Wohneigentum unerschwinglich, die Miete ein Problem.

«Die Dörfer veröden; Schulen und Läden schliessen», sagt Lothar Koch. «Sylt bekommt ein gesellschaftspolitisches Problem.» Koch ist vor 30 Jahren auf die Insel gekommen und hat 2015 im Eigenverlag das Buch «Syltopia» herausgegeben, in dem er die Zustände auf dem Eiland aus der Perspektive von 2050 beschreibt. «Keine futuristischen Schreckenszenarien», versichert der studierte Biologe, «mein Buch erzählt Tatsachen.»

In der Öffentlichkeit ist Lothar Koch vor allem bekannt geworden als Hüter der Schweinswale. Die Meeressäuger kommen vor den Nordfriesischen Inseln besonders häufig vor. Nach langem Kampf ist es Koch und seinen Mitstreitern gelungen, den Nationalpark Wattenmeer auf die Nordsee hinaus auszudehnen, bis zur Grenze der Zwölfmeilenzone. Auf den neu errungenen 1200 Quadratkilometer Schutzgebiet tummeln sich bis zu 6000 Schweinswale. «Aber die Chance, den kleinsten Wal zu sehen», räumt Koch ein, «ist relativ klein.»

Schicksal der Schweinswale

Seit letztem Jahr erfahren Insulaner und Touristen mehr über das Schicksal der maximal 180 Zentimeter langen Meeressäuger: An Sylts wichtigen Strandzugängen erklären Informations­tafeln Leben und Sterben der Tiere. Diesen Sommer gesellen sich zwölf neue Stationen dazu: Bahn frei zu einer Themenroute für Velofahrer zwischen List im Norden und Hörnum im Sylter Süden.

Ob sich die Schönen und Reichen mit dem Thema Schweinswale abmühen? Solvente Villenbesitzer treiben andere Sorgen um. Der Sommer naht, die Gärten müssen schöngemacht werden. Jeden Tag fällt eine Armada Gartenbauer per Zug auf der Insel ein. Bonsai-Platanen oder Boulevard-Eichen aus dem Katalog bleiben auf dem Festland. Denn viel mehr als manikürter Rasen und sturmerprobte Kiefern gedeiht nicht auf dem heissen Sand von Sylt.


Die Reise wurde unterstützt von Sylt Marketing GmbH und Air Berlin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 16:49 Uhr

Sylt

Tipps und Infos

Anreise: Air Berlin fliegt bis Mitte Oktober zweimal pro Woche von Zürich direkt nach Westerland, Sylt. Weitere Nonstop-Verbindungen ab Zürich mit Swiss, ab Basel / Bern mit Skywork. Die Zugfahrt Basel–Westerland dauert 10 Stunden.

Watthüs: Je nach Saison zwischen 290 und 630 Euro pro Nacht (max. 3 Personen), www.kampeninfo.de

Arrangement: Eine Woche im Marin Hotel Sylt***, Westerland, kostet bei Railtour im DZ mit Frühstück ab 1073 Fr. p. P., Flug ab Zürich.

Restaurants: www.manne-pahl.de; www.grande-plage.de; www.brot-und-bier.de

Literatur: Lothar Koch: «Syltopia. Total durchgeknallt: Revolution auf der Insel».

Allgemeine Infos: www.sylt-tourismus.de

Karte

TA-Grafik ib

«Es braucht auf dem Set Stars und Statisten»: Der gebürtige Luzerner Pius Regli, Wirt im Manne Pahl auf Sylt.

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