Mit Stille lockt man den König

Der Bestand von Namibias Raubkatzen hat sich erholt. Das ist dem «Löwen-Mann» zu verdanken.

Namibischer Wüstenlöwe: Der Bestand hat sich verzehnfacht. Foto: Daniel Schüz

Namibischer Wüstenlöwe: Der Bestand hat sich verzehnfacht. Foto: Daniel Schüz

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«Sie sind ganz nah», sagt Arnold mit gedämpfter Stimme. «Bleibt ruhig und seid leise. Vermeidet abrupte Bewegungen – und vor allem: Lehnt euch nicht aus dem Wagen.»

Arnold ist Wildhüter, Safari-Fahrer und Touristenführer; natürlich hat er auch einen afrikanischen Namen, aber seinen Gästen, die mit dem Kleinflugzeug eingeflogen sind, stellt er sich, wie ­viele Namibier, die im Tourismus arbeiten, mit seinem zweiten, dem deutschen Namen vor. Der Flug über endlose Wüsten und schroffe Gebirge hat während zweier schweisstreibender Stunden vor Augen geführt, wie dünn dieses Land besiedelt ist. Auf 800'000 Quadratkilometern leben wenig mehr als zwei Millionen Menschen. Besonders einsam und abgelegen die Kunene-­Region. Zwischen der Skelettküste und dem Damaraland in Namibias Nordwesten ist dieses Paradies zur Heimat für Elefanten und Löwen geworden, aber auch für Nashörner, Hyänen und Antilopen – sie alle haben lernen müssen, sich in einem kargen, unwirtlichen Lebensraum zu behaupten.

Hier bleibt das Flugzeug die einzige Verbindung zum Rest der Welt.

Umso erstaunlicher mutet der Luxus an, den das vor drei Jahren ­eröffnete Hoanib Skeleton Coast Camp bietet. Freundlich lächelnde Menschen empfangen den Neuankömmling mit feuchten Frotteetüchern und einem erfrischenden Welcome-Drink. Kaum hat man den Zelt-Bungalow bezogen und sich im Swimmingpool abgekühlt, erwartet Arnold seine Gäste zum ersten Game Drive, einer abend­lichen Ausfahrt ins Reich der wilden Tiere.

«Die Löwen sind dort oben.» Arnold zeigt auf einen Hügel, während er anhält, um einer Herde wandernder Wüstenelefanten den Vortritt zu gewähren. Die grauen Riesen bedanken sich, indem sie den Rüssel in die Höhe recken und mit den Ohren winken.

Zwei Weibchen dösen, das Männchen leckt sich die Lefzen

Jetzt verlässt Arnold das Bett des ausgetrockneten Hoanib Rivers und lässt seinen Land Cruiser ­zwischen Kemeldornbäumen und riesigen Felsformationen auf die Anhöhe klettern. Plötzlich sind sie da – rund herum, eine ganze ­Familie. Zwei Weibchen liegen ­dösend auf dem heissen staubigen Boden und nehmen demonstrativ keine Notiz von der Blechkiste auf vier Rädern. Der Chef des Raubkatzenclans hockt auf einem ­Felsbrocken und leckt sich die ­Lefzen. Spätestens jetzt wird den Eindringlingen bewusst, dass ihr Gefährt weder Fensterscheiben noch Türen hat. «Keine Sorge», flüstert Arnold. «Das Auto erkennen sie nicht als Feind – und ­Menschen nehmen sie nicht wahr, solange sie sich nicht auffällig ­verhalten.»

Andächtiges Schweigen. Noch nie war das Klicken der Kameraverschlüsse so laut. «Schaut mal den dort», flüstert jemand. «Der hat ein Halsband an!» «Pssssst», tönt es mahnend von allen Seiten zurück.

Da zerreisst ein fürchterliches Gebrüll die Stille. Verwundert heben die beiden Löwinnen den Schädel, schauen witternd um sich. Aber es ist nicht ihr Männchen, das gerufen hat.

Philip Stander hat das Nickerchen der Löwendamen gestört. Wenige Hundert Meter entfernt hat der Wissenschaftler ein Gefährt parkiert, das äusserlich aussieht wie ein Geländewagen, innen jedoch als Schlafgemach, Labor, Büro, vor allem aber als Löwen-Disco mit beeindruckenden Lautsprecher-Boxen dient. «Der Brüll-Sound», sagt Stander, der sich am liebsten Flip nennen lässt, «lockt die Löwen an.»

Zunahme der Löwenpopulation um das Zehnfache

Stander, blaue Augen, roter Zottelbart, drahtige Figur, ist in Namibia aufgewachsen und hat in Cambridge Biologie studiert, bevor er sein Leben den Löwen widmete. 1998, als der Bestand der Wüstenlöwen auf dramatische zwanzig Tiere geschrumpft war, gründete er das Desert Lion Projekt. The Lion-Man hat sein Leben bedingungslos in den Dienst der Natur gestellt und mit Hingabe, gezielter Forschung und breiter Aufklärung die Wüstenlöwen gerettet: Ihre Zahl ist um das Zehnfache gewachsen.

Mit GPS-Sendern, die er betäubten Tieren an einem Lederband um den Hals schnallt, verfolgt Stander die Wanderungen und das Verhalten der Tiere. «Oft», bedauert er, «muss ich vergiftete oder angeschossene Tiere gesund pflegen.» Den Viehhirten, die immer wieder Löwen töten, erklärt er, dass ein Zaun ihre Herden viel besser schützt und letztlich auch billiger und sinnvoller ist, weil ­immer mehr Touristen viel Geld bezahlen, um lebendige Tiere zu fotografieren.


www.namibia-tourism.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2017, 16:48 Uhr

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