No Guns! Austin, das andere Texas

Die liberale Insel im Cowboystaat und das Eldorado der Livemusik wächst schneller als die übrigen Städte.

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Austin ist anders als der Rest von Texas. In Austin gehen die Menschen zu Fuss! Fahren Velo! Essen «Yummy Vegan-Burger». Austin gilt, für texanische Verhältnisse, als ungewöhnlich liberal und alternativ.

Nach der Wahl Donald Trumps versammelten sich hier besonders viele Menschen, skandierten: «Not my president!» Die dynamische Studentenstadt ist eine demokratische Enklave im durch und durch republikanischen Staat, wo seit 40 Jahren kein Demokrat mehr gewonnen hat. Restaurants schrieben einen offenen Brief an den neuen Präsidenten, liessen ihn wissen, wie sehr sie auf die vielen Immigranten angewiesen sind, die seit Jahrzehnten in Austin, nahe der mexikanischen Grenze, leben.

Die meisten Touristen reisen der Musik wegen in die texanische Hauptstadt. Die selbst ernannte Live Music Capital of the World, die von sich behauptet, mehr Livebands zu bieten als Nashville, Memphis, Los Angeles oder New York. Wir checken ein im The Westin Downtown, mittendrin, hip und cool, bis zu den Uniformen des Hotelpersonals. Marketingmanagerin Jamie Moore trägt den lässigen Austin Chic, das heisst Rock, Jeansjacke und Cowboyboots. Alle, die hier arbeiten, hätten den Rhythmus im Blut, sagt Jamie.

Concierge Dave Dart managt nebenbei Bands aus aller Welt und jedem Genre: Hip-Hop aus China oder Heavy Metal aus Afghanistan. Einer der angesagtesten Clubs befinde sich gleich vis-à-vis, das Antone’s, der erste Gig beginne schon um 18 Uhr, die meisten Clubs schliessen um 2 Uhr nachts. Zeit für eine kurze Abkühlung im Rooftop-Pool, dem höchstgele­genen Schwimmbecken der Stadt. Kein Pool zum Schwimmen, man steht bauchtief im Wasser, stimmt sich zu loungigem Sound, bunter Drink in der Hand, auf den Abend ein. Die Zimmerpreise variieren von Tag zu Tag, fix ist nur der Preis fürs Auto, 42 Dollar kostet das Valet Parking pro Tag. Eine andere Möglichkeit gibts nicht, Park­plätze sind in Downtown rar.

Tattoo im Suff, berittene Polizei, Willie Nelson

In rund 250 Lokalen treten bekannte und weniger bekannte Künstler auf, alle Musikstile für jede Altersgruppe werden geboten. Die Jüngeren vergnügen sich an der Sixth Street, hier herrscht Partystimmung, hier werden Polterabende gefeiert, an der Dirty Sixth lässt man sich im Suff ein Tattoo stechen. Polizisten auf Pferden sorgen für ein einigermassen gesittetes Benehmen. Die Älteren kommen in den gediegeneren Clubs an der Fourth Street auf ihren Geschmack. Die Strassen liegen so nah beieinander, dass sie zu Fuss erreichbar sind.

Ein Eldorado für Musikfans ist der Laden Waterloo Records, «best independent record store», schwärmen die Fans. Martin verkauft seit einem Vierteljahrhundert Schallplatten, früher, so erzählt der 55-Jährige, sei er jeden Abend an irgendeinem Konzert gewesen, heute seien es nur noch zwei, drei Gigs pro Woche. Willie Nelson, sagt Martin, sei nach wie vor ein Bestseller. Willie Nelson ist die Ikone der Stadt, 1975 gelang ihm hier der grosse Durchbruch als Countrysänger und – Songwriter. Noch heute, mit 84 Jahren, tourt der Countrystar, den viele Texaner gern als Präsidenten gesehen hätten – «Willie for President» war eines der meistverkauften Shirts im vergangenen Sommer.

No Guns, warnt ein Schild an der Eingangstür zum Visitors Center. Wie überall in Texas dürfte der Revolver offen getragen werden, viele Geschäfte und Firmen jedoch verbieten Waffen in ihren Gebäuden. Es ist fast 40 Grad heiss, die Kleider kleben am Körper, wir verzichten auf das offene Fun-Mobil in Entenform, wählen den klimatisierten Kleinbus. Musik läuft auch hier, Velvet Underground, Tourguide Keith, langes Haar, Schnauz, Spiegelbrille, sieht aus wie den 70er-Jahren entsprungen, Cowboyhut und Boots trage er aus praktischen Gründen und nicht etwa als Zeichen von Konservatismus, will er klargestellt haben. Auch auf seiner Brust prangt der Slogan der Stadt: «Keep Austin weird». «Halte Austin eigenartig» – man ist stolz darauf, anders, schräg, sonderbar zu sein.

Auf zur «Austin and Hill Country»-Tour, 90 Minuten, 25 Dollar, sehr zu empfehlen. Vorbei an der Bronzestatue von Willie Nelson. Am Lady Bird Lake, dem langgestreckten See mitten in der Stadt, wo ein zehn Meilen langer Trail zum Spazieren, Joggen oder Biken lockt. Vorbei an Barton Springs, dem Freibad mit natürlicher Quelle. Wir erfahren, Hippies fühlen sich in Austin besonders wohl, rund 500 Blumenkinder heulen jeweils eine Stunde lang den Vollmond an.

Wenige dicke Menschen, aber 1000 Foodtrucks

Eine Million Menschen leben in der viertgrössten Stadt des Lone Star State (nach Houston, San Antonio und Dallas), keine Stadt wächst schneller als die Big Small Town, wie sie die Austonians gern nennen. Kräne stehen überall – Austin ist bedeutender Standort zahlreicher Hightechunternehmen. Viele Computer-Brains würden in die grünen, bewaldeten Hügel, die Silicon Hills, ziehen. Einige der reichsten Texaner sowie Oscargewinner Matthew McConaughey («Dallas Buyers Club») besitzen ein Anwesen in den Hügeln – «Lance Armstrong hangs out here», sagt Keith, allerdings ohne grossen Enthusiasmus.

Lance Armstrong, der als Doper überführte Velorennfahrer, ist wohl der berühmteste Bewohner Austins. Er hat den Radsport in Texas populär gemacht. Velosaison ist das ganze Jahr, die Gegend westlich der Stadt, Hill Country genannt, gilt als eine der schönsten Landschaften in diesem so weiten Staat. Armstrongs Mellow-Shop ist das grösste Velogeschäft der Stadt, seine Siegertrikots, seine Velos, sein Konterfei sind allgegenwärtig. Der Boss sei gerade in Aspen, Colorado, mit der Familie, sagt Verkäufer Cameron. Das Personal in diesem so coolen Shop wirkt seltsam unterkühlt, arrogant, ganz untexanisch unfreundlich.

Anders als im Rest von Texas sieht man in der Hauptstadt selten richtig dicke Menschen. Dallas und Houston führen die Liste der «dicksten Städte» an, Austin hingegen befindet sich auf der Liste der «dünnen Städte». Sie gilt als fitte und gesunde Stadt. Eine Vegi-Stadt, hier besteht der Salat nicht nur aus Chicken, Paul McCartney nannte Austin gar «most vegan city in the USA». Auch als gayfriendly, schwulenfreundlicher noch als San Francisco, rühmt man sich. Gerade weisen alle paar Meter weisse Fahnen auf die bevorstehende Gay Pride hin. Und dogfriendly! Auf einer speziellen Stadtkarte für Hundehalter sind die Parkanlagen ohne Leinenzwang und die Seen, worin der Hund baden darf, eingezeichnet.

Wir passieren den Campus der University of Texas, eine der renommiertesten staatlichen Hochschulen des ganzen Landes, an der rund 50 000 Studenten eingeschrieben sind. Vorbei am Memorial Stadium, dem American-Football-Stadion, wo die Texas Longhorns ihr Heimspiele austragen. Platz für 120 000 Zuschauer, das grösste Stadion der USA, sagt Tourguide Keith, bei Heimspielen der Texas Longhorns sei es bis auf den letzten Platz gefüllt.

Viele Strassen in Austin sind auf Deutsch oder Spanisch angeschrieben. «Wenn ihr sie korrekt aussprecht, wissen wir, dass ihr nicht von hier seid», witzelt Keith. Wir fahren mit dem Minibus quer über den Friedhof. Tausende kleine Marmorplatten stecken im gepflegten Rasen des Texas State Cemetery, Gräber von gefallenen Soldaten. Die am auffälligsten geschmückte Grabstätte gehört Chris Kyle (1974–2013), dem «American Sniper», dessen Leben verfilmt wurde. Mehr als 160 Menschen hat der Texaner im Krieg getötet, er war der treffsicherste Scharfschütze in der US-Geschichte. Die Stars-and-Stripes-Flagge, Kunstblumen in Rot, Blau, Weiss, und viele, viele Gewehrpatronen wurden niedergelegt. Eine Legende für viele, eine weitere fragwürdige Berühmtheit.

Jeder District, so Keith, habe seinen eigenen Vibe. Der South Congress District, Soco genannt, ist die vibrierendste Gegend. Im Soco sind die Hauswände kunstvoll bemalt, hier sind die hippsten Läden, die trendigsten Restaurants – und die originellen Foodtrucks. Über 1000 Imbisswagen mit Essen aus aller Welt stehen in Austin, es werden täglich mehr. Und, so Keith, die besten Margaritas trinke man im Soco. Im mexikanischen In-Restaurant Chuy’s hätten die Bush-Zwillinge Barbara und Jenna ein, zwei, drei Margaritas gekippt. Damals waren sie 19, Alkohol ist in den USA erst ab 21 erlaubt. Das Bildnis ihres Vaters George W. Bush hängt im Texas State Capitol, dem Machtzentrum des texanischen Staates, das dem Capitol in Washington ähnlich sieht – aber 4,5 Meter höher ist, wie Keith betont.

Cowboyhut zum Anzug, Schauspiel der Fledermäuse

An der schnurgeraden, kilometerlangen Congress Avenue, der «Main Street of Texas», die beim Texas State Capitol endet, befindet sich Allens Boots, die beste Adresse für Cowboystiefel. Ein teures Souvenir, handgemachte Texan Boots kosten zwischen 700 und 1200 Bucks. Boots und Stetson Hats sind hier ein «statement of style», in Austin würden Politiker selbst zum Anzug Boots und Cowboyhut tragen.

Überall im Lone Stare State sind wir auf nette Menschen getroffen, in Austin jedoch sind sie – mit Ausnahme von Armstrongs Veloshop – besonders nett. Sozialer und behilflicher als anderswo sei man hier, sagen die Einheimischen selbst. Auch darauf ist man stolz. Wir sitzen draussen vor einem Restaurant, schon das ist aussergewöhnlich in Texas, wo man eisgekühlte Lokale vorzieht, deshalb immer einen Pulli dabeihaben sollte. Die Bedienung bringt das bestellte Diet Coke, füllt den Becher wie üblich nach. Money will sie nicht: «That’s okay, it’s just a soda», sagt sie, «glad to have you here.» Wir fragen einen Vater mit zwei kleinen Kindern nach dem Weg, er reicht uns die Hand: «Hi, I’m Roy, nice to meet you», und bietet an, uns zu fahren. Der Polizist im Streifenwagen lässt die Scheibe runter. «Do you have a question? Do you need help?», fragt er. Man lächelt sich auf der Strasse an, grüsst: «How are you?» – mitten in der Hauptstadt von Texas.

Die grossartigste Attraktion, das Spektakel, das wir auf gar keinen Fall verpassen dürfen, spielt sich zwischen März und November an der Congress Bridge über dem Colorado River ab. 1,5 Millionen Fledermäuse starten bei Sonnenuntergang aus dem Inneren der Brücke zur gemeinsamen Insektenjagd. Jeden Abend strömen Tausende Zuschauer für das Schauspiel der Fledermäuse auf die Brücke. Der Spuk dauert nur wenige Minuten – so amazing, so great, so spectacular wie angekündigt wars dann doch nicht. Die Texaner übertreiben nun mal gern, da sind auch die Bewohner von Austin keine Ausnahme.


Diese Reise wurde unterstützt von Texas Tourism. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2017, 13:01 Uhr

Lone Star State

Live Music und Burger von Hopdoddy

Anreise: Zum Beispiel ab Zürich mit United Airlines über Boston nach Houston. Weiter per Mietauto, die Fahrt nach Austin dauert etwa 2,5 Stunden (260 km).

Unterkunft: The Westin Austin Downtown, DZ ab 256 Dollar, www.westinaustindowntown.com.

Live Music: The Continental Club, www.continentalclub.com, Antone’s, www.antonesnightclub.com, Elephant Room, www.elephantroom.com.

Restaurants: Hopdoddy, Burger, www.hopdoddy.com, Moonshine Grill, Classic American Comfort Food, www.moonshinegrill.com.

Shops: Waterloo Records, www.waterloorecords.com, Allens Boots, www.allensboots.com.

Führungen: Texas State Capitol, Gratisführungen, Mo bis Sa 9 bis 17 Uhr, So 12 bis 17 Uhr.

Reise­veranstalter: Knecht Reisen, Travelhouse, Kuoni und TUI Suisse.

Allg. Infos: Austin Visitors Center, 602 East 4th Street, Mo bis Sa 9 bis 17 Uhr, So 10 bis 17 Uhr, www.austintexas.org, www.traveltexas.de, www.austin.com.

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