Python oder Kobra, das ist hier die Frage

In Hongkongs Bauch werden exotische kulinarische Vorlieben zelebriert. Eine Reise durch die Freiluftmärkte und Strassenrestaurants.

Gewöhnungsbedürftig: Hongkonger Schlangensuppe. Fotos: Getty Images

Gewöhnungsbedürftig: Hongkonger Schlangensuppe. Fotos: Getty Images

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Hudson Chiung bedient die Langnasen persönlich, die sich in sein Lokal getraut haben. «Einen Schluck Wein zum Dinner?», fragt Herr Chiung mit Unschuldsmiene. Wir verzichten dankend und bestellen Cola. In den grünen Flaschen ruht kein reiner Wein, sondern ein Mix aus Rebensaft und Schlangenblut.

In der Speisekarte dagegen ist eine Flucht zu Harmlosem unmöglich. Das Sher Wong Yip in Kowloon auf dem Hongkonger Festland bietet nur eine Spezialität: Schlangen. Die Frage bleibt einzig: Python oder Kobra?

Wir entscheiden uns für Schlangensuppe. Die Fleischstücke, die in einer hellen Brühe dümpeln, schmecken wie Hühnchen und werden keine Nachwirkungen im Verdauungstrakt hinterlassen. Es stünden auch Poulet an Schlangensauce, Kobra oder Python gegrillt mit gebratenem Reis zur Auswahl. Herr Chiung bezieht die Ware aus dem nahen China; ob tot oder ­lebendig, will der auf Reptilien fokussierte Gastronom nicht verraten. Es gibt in Hongkong die ­Metapher von der 10- oder der 30-Schritte-Schlange, die man in einschlägigen Läden ersteht: Wer von den Schleichern gebissen wird, bricht, vom Gift niedergestreckt, nach 10 oder 30 Schritten zusammen.

Nichts für feinsinnige Tierliebhaber

Obwohl Hongkong nur halb zu China gehört, herrschen in der Sonderverwaltungszone ähnliche kulinarische Vorlieben. Dabei hatte unsere Exkursion in den Bauch von Kowloon artig in einem Teehaus bei French Toast, in Kondensmilch gebratenem Brot, begonnen. Auch im Früchtemarkt an der Reclamation Street deutet noch nichts auf ausgefallene Speisezettel hin. Okay, die vier Jahre alten, getrockneten Mandarinenschalen aus Japan bilden zwischen Bergen von Melonen, Äpfeln und Ananas einen etwas unappetitlichen Haufen.

Erst auf dem Mongkok-Markt in der Nelson Street geht es richtig zur Sache (Tierschützer und Veganer bitte Abschnitt überspringen): Hier betäubt ein Händler zuckende Fische mit einem Hammer, bevor er den Opfern den Kopf abschlägt. Die auf Beute wartenden Hausfrauen wedeln am Stand ungeduldig mit Dollarnoten. Dort schält ein Schlachter eine aus China importierte Landschildkröte aus dem Panzer, drüben harren riesige Frösche, zwei Franken das Stück, in einem engen Gitterverlies ihres blutigen Schicksals. Hummer werden den Käufern als Lebendfracht überreicht. Immerhin sind die Schweine tot, die sich als gelbliche, mit Entenleber versetzte Würste auf einem Verkaufstisch türmen.

Mongkok ist einer von zehn Freiluftmärkten in Hongkong – eine bescheidene Zahl angesichts von acht Millionen Einwohnern. Auch Strassenrestaurants sind limitiert. Nach der Aufwärmrunde in Hudson Chiungs Schlangengrube ziehen wir ein paar Blocks weiter zur Fook Wing Street, wo gerade die Barbecue-Kontinentalmeisterschaft in Gange zu sein scheint. Schwitzende Männer braten Lammkoteletts, grillieren Hühnerschenkel oder dünsten Gemüse. Eine Jahrmarktglocke ruft das ­Servierpersonal zu den Kochstationen. Es trägt das köstliche Essen in Plastiktellern über die Strasse und reicht es den Gästen, die an Plastiktischen auf Plastikstühlen Platz genommen haben. Die Gasherde fauchen wie wütende Drachen, Rauchschwaden und Knoblauchgerüche wabern durch die Strassenschlucht, über der die ersten Sterne blinken.

Eine Familie in einer 3-Zimmer-Wohnung

Auch Yves Matthey arbeitet unter Sternen. «In unserem Haus sind die Restaurants mit total vier «Michelin»-Sternen ausgezeichnet», sagt der Chef-Patissier des Luxushotels Mandarin Oriental stolz. Der Romand verwöhnt die internationale Kundschaft im Nobelhotel auf Hongkong Island seit einem Vierteljahrhundert mit süssen Leckereien. Mattheys Spezialitäten: Cheesecake und Rosenblütenkonfitüre, «nach einem Rezept meiner Mutter».

1963 wurde das Mandarin Oriental gebaut, es war damals das höchste Gebäude auf Hongkongs zweitgrösster Insel. Längst recken sich weit eindrucksvollere Türme vor dem berühmten Aussichtsberg Peak in den Himmel.

Das Leben in Hongkong, sagt Matthey, habe sich seit 1997 verändert, als die Briten die Kronkolonie in Chinas Obhut übergeben hätten: «In Shanghai wird viel mehr investiert als hier. Es gibt kaum mehr neue Hotels.»

Wer in einem 35 Quadratmeter umfassenden Zimmer im Mandarin Oriental haust oder gar eine doppelt so grosse Suite im nahen Upper House geniesst, von einer Hundertschaft flinker Bediensteter umschwärmt wird und in der Hotellimousine durch die Stadt gondelt, kann sich das karge Leben der meisten Hongkonger schwerlich vorstellen. Standard sind enge 2- oder 3-Zimmer-Wohnungen für eine Familie, lange Arbeitswege und die 5½-Tage-Arbeitswoche. Klar, dass die Stadtbewohner in der Freizeit die eigenen vier Wände in Massen verlassen.

Getrocknete Schwimmblasen

Wir brechen am Sonntagmorgen auf zu einer Tour per ÖV rund um Hongkong Island und müssen bald kapitulieren: Weil Hunderte ­Ausflügler, viele in perfektem Wanderoutfit, an den Bushaltestellen warten, gerät der Zeitplan unter Druck. Es bleibt nichts anderes übrig, als aufs Taxi umzusteigen. Atempausen gibt es an heiligen Stätten. Aufschlussreich jener ­Devotionalienshop, wo Trauernde Beigaben für ihre Toten erstehen: Kreditkarten, Smartphones, Klaviere oder Fernseher in Miniaturformat und aus Papier werden den Toten ins Grab gelegt – auf dass es den Verblichenen im ­Jenseits nie an irdischen Gütern mangle. Wir begnügen uns damit, im Tin-Hau-Tempel beim Eingang dreimal die Trommel zu schlagen und ein Räucherstäbchen anzuzünden.

Unten in Shek O, an der Südostspitze der 78 Quadratkilometer grossen Insel, breitet sich ein langer Sandstrand aus, dahinter in Reih und Glied 50 Rastplätze, die man mit samt Holzkohlegrill stundenweise mieten kann.

Zum Schluss der Inseltour ­landen wir wieder mal auf einem Markt. An der Desveux Road im Western District werden keine ­lebendigen Tiere, sondern ge­trocknete verkauft. Streng der ­Geruch sonnengedörrter Austern oder ­Seegurken, getrockneter Schwimmblasen von Fischen oder Haifischflossen, die aussehen wie Fladenbrote und ein Vermögen kosten.

Da können wir dem Vieh, das drei Stunden zuvor unsern Weg zwischen der Staumauer des Tai-Tam-Wasserreservoirs und Stanley gekreuzt hatte, nur Glück und ein unbeschwertes Leben wünschen: Eine armlange, grüne Schlange wand sich über den Wanderweg und verschwand, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, im subtropischen Buschwerk.


Die Reise wurde unterstützt von Cathay Pacific Airways, Mandarin Oriental Hotel, Hongkong und Tourasia.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.06.2017, 14:03 Uhr

Hongkong – Hardcore oder feudal

Flüge
Cathay Pacific Airways fliegt täglich von Zürich nach Hongkong. Eingesetzt wird eine Boeing 777-300ER mit vier Klassen. Die Premium Economy mit viel Beinfreiheit und gutem Service. Zürich–Hongkong ­retour ab 1009 Franken (Eco) und 1601 Franken (Premium Eco).

Hotel
Mandarin Oriental, Mutterhaus der gleichnamigen Luxushotelgruppe, DZ ab 405 Franken.
The Upper House, stylishes Suitenhotel unter Schweizer Leitung.

Reiseveranstalter
Tourasia vermittelt ungewöhnliche Ausflüge wie die Foodtour in Kowloon oder «In 10 Stunden um Hongkong Island». Tel. 043 233 30 90.

Essen
Feudal: Man Wah, hochdekorierte kantonesische Küche im Mandarin Oriental. Brachial: Schlangen im Sher Wong Yip, 139 Nam Cheong Street. Real: Siu Choi Wong Restaurant, Open-Air-Kochstationen, Fuk Wing Street.

Einreise
Schweizer Pass genügt.

Beste Reisezeit
März bis November, Juli/August sind schwül.

Allgemeine Informationen
www.discoverhongkong.com

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