Walsers Gespür für den Flow

Das Après-Ski-Eldorado Ischgl in Tirol lockt jetzt auch Freerider. Flauschiger Pulver ist aber nicht die Regel – es sei denn, man hat den richtigen Skiguide.

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Eine Böe weht Schnee ins Gesicht. «Schlechte Verhältnisse», sagt Hannes Walser, «ihr seid einen Tag zu spät gekommen.» Verständnislos schauen wir den Berg- und Skiführer an. Das Wetter ist doch grossartig; vor ein paar Tagen hat es üppig geschneit. Und an den mässig steilen Hängen von Ischgls Freeride-Berg Piz Val Gronda droht keine Lawinengefahr. «Es ist der Föhn», erklärt der Einheimische.

Walser hat recht. Ein Blick über die Hänge hinab ins Fimbatal bestätigt: Die Geländekuppen sind aper, und in den weiten Hängen hat der stürmische Wind der Schneedecke einen Bruchharschdeckel verpasst. Wir erinnern uns an Berichte auf einschlägigen Onlineportalen: Oft finden Freerider hier windgepressten Schnee vor. Flauschiger Pulver scheint am Piz Val Gronda nicht die Regel zu sein. Selbst in einer Broschüre der Bergbahnen schildern Arbeiter, wie 2013 beim Bau der Bahn der Föhn über Nacht die Bretter aus der Schalung gerissen hatte.

Zum Glück hat Bergführer Walser eine Spürnase für perfekten Schnee. Wir setzen die Sturmbrillen auf. Mit dem Wind im Rücken folgen wir ihm nordwärts über den Grat des 2812 Meter hohen Bergs. Die Ski rattern über die harte Schneeoberfläche. Eine Stelle ist exponiert. Geschickt sichert der Guide mit dem Seil. Nach einer halben Stunde deutet Walser auf den windgeschützten Hang unter uns: «So viel Powder kann ich heute bieten.» Grosszügig gewährt er uns Vorfahrt.

Frühstart am Morgen statt Bierseligkeit

Gleichmässig glitzert die Schneeoberfläche. Der Pulver liegt zwar nicht mehr ganz so locker. Aber mit den breiten Freeride-Ski surfen wir mühelos in grossen Bögen durch die Hänge. Die Topografie an diesem Berg ist perfekt: Schmale Tälchen wechseln sich ab mit kantigen Verwehungen, runden Kuppen und offenen Flächen. Zufrieden biegen wir im Talboden nach 800 Höhenmetern auf die Traverse in Richtung Ischgl ein.

Österreichs Wintersport und besonders Ischgl sind berühmt für das wilde Après-Ski-Angebot. Doch wir schlagen um Bierseligkeit einen grossen Bogen. Denn Bergführer Walser hat für den nächsten Tag einen Frühstart angeordnet. Er möchte uns die Vielfalt der Freeride-Möglichkeiten in seiner Heimat zeigen und beweisen, dass lockerer, unverspurter Tiefschnee hier doch keine Mangelware ist.

Ausserdem sind wir zum Abendessen beim Gourmetkoch Martin Sieberer geladen. Seine heimelige Paznauner Stube ist mit 18 «Gault Millau»-Punkten aus­gezeichnet. Der Koch gilt als einer der kreativsten Köpfe der Tiroler Gastroszene. An diesem Abend lässt Sieberer ein 6-Gang-Berg­menü servieren. Zu jeder kunstvoll hergerichteten Speise tragen die Kellnerinnen und Kellner eine bergromantische Naturgeschichte vor. Optischer Höhepunkt ist die Erfrischung zwischendurch: Auf einer Jakobsmuschel liegt das Muschelfleisch, perfekt nachgebildet aus Limetten- und Gurkensorbet. Trockeneisnebel dringt unter der Muschelschale hervor.

Unsere Tischgenossin, die Touristikerin Barbara Plattner, erzählt von der Geschichte der FreerideBahn auf den Piz Val Gronda. Sie gilt als Vorzeigeobjekt der Bergbahnarchitektur. Die schlanke, 150 Personen fassende Kabine soll dank der verspiegelten Riesenfenster optisch mit der Landschaft verschmelzen. Riesige Schwungräder, um welche die Drahtseile laufen, sind in Rot und Schwarz gehalten, den Farben Ischgls. Die Sitzbänke in der Bahn bergen eine Heizung.

Weiche Knie – 45 Grad steil fällt der Hang ab

Fast 30 Jahre lang wurde um die Baubewilligung gerungen. 20 Millionen Euro kostete die Bahn auf den Piz Val Gronda. Im Planungsverfahren nahmen die Naturschutzauflagen groteske Züge an. So musste einer der beiden Masten in dunkler Tarnfarbe gestrichen werden, auf dass der Stahlträger die Wildtiere nicht übermässig erschrecke. Kostenpunkt: 180 000 Euro. Und weil man am Berg die äusserst seltenen Steinhühner vermutete, wurde tiefer unten im Tal für viel Geld ein Bergföhrenwald Steinhuhn-konform gelichtet. Nun hofft man, dass die schönen Vögel diese Fläche als neue Brutstätte auserwählen.

Nur eine Piste führt vom Gipfel zurück zur Talstation. Der Rest des Piz Val Gronda ist Freeride-Gelände. Ischgls Drahtzieher hoffen, nicht mehr länger im Schatten der benachbarten Tiefschnee-Hotspots St. Anton und Lech-Zürs am Arlberg zu stehen. «Mit dieser Bahn haben wir ein deutliches Zeichen in der Freeride-Szene gesetzt», sagt Barbara Plattner. «Die Jungen mit den breiten Ski und den weiten Kleidern kommen immer häufiger zu uns.» Restlos überzeugt sind wir aber noch nicht von der Paznauner Freeride-Offensive und planen weitere Fahrten mit der hoch­modernen Bahn.

Vorerst folgen wir aber Walsers Weckruf zur Skisafari abseits von Ischgls Pisten. Am Morgen geht es gleich wenige Meter hinter der Bergstation Pardatschgrat los. «Diese Flanke fahren wir oft noch nach der Arbeit. Sie ist eher von der steilen Sorte», untertreibt der Guide. Wir bekommen weiche Knie: Geschätzte 40 bis 45 Grad steil fällt der mit Felsen und Rippen durchsetzte Hang ins Velilltal ab.

Als Erster sucht sich Skiführerkollege Christoph eine Linie. Elegant driftet er über eine Verwehung und krönt den Run mit einem akrobatischen Sprung von einem schneebedeckten Felsen. Nicht ganz so locker gerät unser Start. Zaghaft testen wir ein erstes Couloir, dann spüren wir den herrlichen, lockeren Pulverschnee. Tief tauchen die Skispitzen ein. Beschleunigen, Auftrieb. Der Powder stiebt aus den Kurven. Zaudern wandelt sich in Flow – das ist Freeride! Dabei war dies erst die Aufwärmrunde!

Später folgt eine Querung zum Fuss der Flimspitze. Mit den Ski auf dem Rucksack stapfen wir ein steiles Couloir zum markanten Gipfel hoch. Walser übernimmt die Spurarbeit und versinkt hüfttief im Weiss. Der Schweiss brennt in den Augen. Der Atem geht schnell, der Puls rast. Nach einer Stunde Schwerstarbeit gratulieren wir uns gegenseitig, den fast 3000 Meter hohen Gipfel erklommen zu haben. Wir schauen hinunter auf die Lifte und Pisten des mit Ischgl verbundenen schweizerischen Skigebiets Samnaun.

Nordöstlich und vollständig windgeschützt wartet das Prunkstück der Tour: Die breite Rinne ist nicht ganz so steil wie die eben gemeisterte, dafür mindestens doppelt so lang. Wir sind alleine, und auch wenn der letzte Schneefall Geschichte ist, ziehen wir als Erste die Kurven in den grossartigen Hang zur Talstation auf der Alp Trida. Es folgen zwei Bergfahrten und Spurarbeit. Dann breitet sich der nächste Powderhang vor uns aus. Die einen Freerider hüpfen in eleganten Kurzschwüngen, die anderen gewinnen Speed und nutzen eine kleine Wechte für eine akrobatische Einlage vor der grandiosen Bergkulisse. 1400 einsame Pulvermeter sind es hinunter zum kleinen Wintersportort Kappl und nochmals so viele nach Pettnau am Arlberg. Die Powdersafari führt mehrmals über die Landesgrenze und durch die Bergwelt von vier Gemeinden. Eine lange Taxifahrt bringt uns am späten Nachmittag wieder zurück nach Ischgl.

Maria serviert in Lederhosen und Daunengilet

Noch ist uns der Piz Val Gronda eine Antwort schuldig: Was taugt er als Freerider-Eldorado? Der lange Weg zur modernen Pendelbahn führt zuerst ins Zentrum von Ischgls Skigebiet, der Idalp. Auf der Hochebene hat die Skiindustrie deutliche Spuren hinterlassen. Hier treffen viele Lifte aufeinander. Man wähnt sich inmitten eines Riesenmikados. Selbst im Spätwinter wuseln Skitouristen wie Ameisen über die Pisten. An Spitzen­tagen sind bis zu 20 000 Menschen am Berg – vornehmlich aus Deutschland, den Niederlanden oder der Schweiz. Mit jedem Lift, der uns in Richtung Piz Val Gronda trägt, wird die Ambiance unaufgeregter. Bei der letzten Bahn angekommen, brauchen wir nicht einmal mehr Schlange zu stehen.

Statt dem Ruf nach unberührtem Pulverschnee folgen wir nun der markierten Skiroute in Richtung Schweizer Grenze. Sie führt zur Heidelberger Hütte des Deutschen Alpenvereins. Das alte Steinhaus thront auf Samnauner Boden. An den Tischen in der Wintersonne findet sich reichlich Platz. Kellnerin Maria trägt heute kurze Lederhosen und ein Daunengilet. Sie serviert währschafte Käsespätzle mit Röstzwiebel, Steinpilzschlutzkrapfen und Johannisbeerschorrle. Welch ein Kontrast zur Massenabfertigung anderer Restaurants im Skigebiet!

Die Fahrt mit der hochmodernen Bahn zum Piz Val Gronda hat uns letztlich ein authentisches Bergerlebnis beschert, das dem Freerider viel bietet.


Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2017, 13:38 Uhr

Tipps und Infos: Freeride-Kurse, Hütte und Gourmetstube

Anreise Ab Zürich mit EC bis Landeck-Zams. Von dort mit Linienbus 4240 bis Paznaun/Ischgl (total 4 Std. ) www.vvt.at
PW: Via Feldkirch, Arlbergtunnel bis Ausfahrt Pians. Weiter auf der Bundesstrasse bis Paznaun/Ischgl.

Unterkünfte http://soz.li/Ue5P

Wintersport Piz Val Gronda: Die Flanken des Berges sind perfektes Freeride-Gelände. Erfahrene Freerider mit Orientierungsvermögen, Kenntnis in Lawinenprävention und entsprechender Ausrüstung (LVS, Sonde, Schaufel, evtl. ABS-Rucksack) finden sich auf eigene Faust zurecht. Freeride-Kurse und -Touren in der Region: Gruppenkurse ab 70 Euro/Tag; Freeride für Ladys: 109 Euro/p. P./Tag (inkl. Material, Lunch, Wellness)
www.skischule-ischgl.at

Bergbahnen Tageskarte ab 48 Euro, 1 Wo. ab 243 Euro

Saisonende 1. Mai 2017

Essen Für Gourmets: Paznauner Stube; www.trofana-royal.at
Für Bergler: Heidelberger Hütte; www.heidelberger-huette.at

Allgemeine Infos Tourismusverband Paznaun-Ischgl, www.ischgl.com

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