Vorübergehend glücklich

Das Waldhaus Sils ist das «Hotel des Jahres 2017». Eine Hommage vom Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.

Das Waldhaus Sils zehrt zweifellos von seiner Vergangenheit, steht aber mit beiden Beinen in der Gegenwart. Foto:zvg

Das Waldhaus Sils zehrt zweifellos von seiner Vergangenheit, steht aber mit beiden Beinen in der Gegenwart. Foto:zvg

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Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, aber es blieb auch nicht bei einem One-Night-Stand. Meine erste Begegnung mit dem Hotel Waldhaus war etwas distanziert. Ich schwankte zwischen Staunen und Überrumpelung, als ich vor dem mächtigen Gebäude stand, das ich bislang nur aus der Ferne als Trutzburg auf dem Hügelrücken zwischen hohen Tannen kannte. Und drinnen? In der legendären Halle herrschte reger Betrieb, einige Geschäftsleute überboten das nachmittäglich aufspielende Trio an Lautstärke (damals wurden hier noch fleissig Geschäfte vom Handy aus getätigt; längst ist dessen Gebrauch hier verpönt), abends nach dem Essen tanzten ältere Ehepaare in der Bar, ich kam mir vor wie in den Fünfzigern. Wo war ich da bloss hingeraten? Ich wusste nicht: Bin ich Akteur oder Dekor?

Von einer ganz anderen Seite zeigte sich mir das Hotel bei meinem nächsten Besuch wenige Jahre später. Das war im Januar 2013, als das Waldhaus seinen Gästen ein Buch präsentierte, zu dem auch ich einen Text beigetragen hatte. Für die von den Wahl-Engadinern Angelika Overath und Manfred Koch zusammengestellte Anthologie «Tafelfreuden» hatten Schriftsteller über ihre individuellen Essensvorlieben berichtet; jede und jeder gab sein Lieblingsgericht oder, wie ich es tat, gleich ein ganzes Menü zum Besten.

«Bislang kannte ich das Waldhaus nur aus der Ferne als Trutzburg auf dem Hügelrücken zwischen hohen Tannen.» Foto: Alamy/Mauritius Images

Die Hoteliers hatten sich bereit erklärt, sämtliche Autoren einzuladen und gemeinsam mit ihnen eine abendfüllende Monsterlesung mit begleitendem Essen zu veranstalten. Von siebenunddreissig Autoren sagten zweiundzwanzig zu, unter ihnen Hans Magnus Enzensberger, Franz Hohler, Brigitte Kronauer, Eva Menasse, Iso Camartin und auch ich (wer lässt sich eine solche Gelegenheit schon entgehen?). Wir wurden zunächst durch die helle Küche mit ihren diversen Satelliten für Garde-manger, Entremetier, Poissonnier und Patissier geführt, wo nur unmerklich mehr an unaufgeregter Betriebsamkeit herrschte als an gewöhnlichen Tagen. Ein mannsgrosser Schwertfisch harrte stumm seiner Metamorphose zum Haifisch (das Rezept von Ruth Klüger hiess «Haifisch in der Mikrowelle», aber für eine Mikrowelle, die in der Waldhaus- küche nicht vorkommt, konnte sich der Koch ebenso wenig erwärmen wie für den Haifisch). An allen Ecken und Enden wurde für den Abend gerüstet, geschnitten, blanchiert, pariert, paniert, tourniert und filetiert, auf den Herden simmerten die Fonds, in den Kühlräumen sahen Fisch und Fleisch ihrer kulinarischen Transformation entgegen.

Auf meterlangen Buffets Dutzende von Speisen

Das Resultat, das aus der Küche kam, war eine gastrostrategische Meisterleistung. Dutzende von warmen und kalten, süssen und salzigen Speisen wurden zwischen den Lesungen der Autoren auf meterlangen Buffets vorgelegt; allesamt waren dem Buch entnommen, um das sich an diesem Abend alles drehte. Und spätestens hier kamen Urs Kienberger und Felix Dietrich – die die Leitung des Hotels inzwischen an Patrick und Claudio Dietrich weitergegeben haben – persönlich ins Spiel. Selten habe ich so engagierte und fürsorgliche Veranstalter erlebt wie diese.

Im Schatten jedes Autors und jeder Autorin bewegte sich Felix Dietrich als guter Geist, darum besorgt, das Mikrofon zweiundzwanzigmal neu auszurichten. Dieser Abend entschied über mein neues, leidenschaftliches Verhältnis zum Waldhaus, das ich – zugegeben wenig originell – mit ungezählten anderen, Lebenden wie Toten, teile. Ich war unzweifelhaft Akteur, nicht Dekor. Etliche Jahre später siedelte ich einige Kapitel meines Romans «Postskriptum» dort an, wo sich die Zeit so leicht zurückdrehen und anhalten lässt, im Waldhaus in den 30er- und 50er-Jahren.

Es gibt vier Arten des klassischen Hotels, deren Ursprünge im 19. Jahrhundert liegen: das Kurhotel (mit angeschlossener Therme), das Badehotel (am See oder an der See), das Stadthotel (in Grossstädten wie London oder Paris) und das Berghotel (im Engadin, im Berner Oberland oder im Wallis, um auf Schweizer Boden zu bleiben). Historisch auf der Herberge basierend, entfaltete sich das palastartige Grandhotel, von dem bald auch kleinere Ausgaben wie Pilze aus dem Boden schossen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu majestätischer Grösse, als vornehmlich der englische Adel das Reisen, die Natur und die Erholung in abgeschiedener Atmosphäre entdeckte – allen voran Königin Victoria, die dank ihrer Schweizer Aufenthalte unzähligen Hotels das imperiale Siegel ihres triumphalen Namens aufdrückte.

«Man wünschte sich aus vielerlei Gründen eine treffendere Bezeichnung als Personal für die vielen alten Bekannten, denen man im Waldhaus bei jedem Aufenthalt wiederbegegnet.»

Es war der 1850 in Niederwald geborene César Ritz, der damals die Hotels weltweit von Plüsch, Portieren, schweren Vorhängen und ähnlichen Staubfängern befreite und die indirekte Beleuchtung einführte, als deren Erfinder er gilt. Dank der Zusammenarbeit mit Auguste Escoffier führte er auch die Hotelgastronomie zu ungeahnten Höhenflügen. Die neue Ära begann, als er 1878 das Hotel National in Luzern übernahm; sie erreichte ihren Gipfelpunkt 1898, als in Paris das Hotel Ritz an der Place Vendôme seine Tore öffnete.

Zehn Jahre später logierten die ersten Gäste in Giger’s Hotel Waldhaus, wie es damals hiess. Zwar gehört es unverkennbar zur Kategorie der Berghotels, doch seine Nähe zum Wald, aus dem es wie eine glücklich gestrandete Arche Noah herausragt – das Wasser der beiden Seen zu seinen Füssen hat es für immer hinter sich gelassen –, ist erheblich grösser als die zur Bergwelt. Auf ein erträgliches Mass zurechtgerückt, bilden die Berge hier ein beschauliches Hintergrundpanorama. Sie schüchtern den Städter nicht ein, sondern schützen ihn von weitem und geben ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Anders als vor dem Matterhorn fühlt sich hier niemand genötigt, die Höhe kletternd bezwingen zu müssen.

Dazu passt auch das Interieur: Verglichen mit anderen Grandhotels besticht das Waldhaus nicht durch protzige Luxussuiten, sondern durch zurückhaltend bürgerliche, auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittene, eher unspektakuläre Zimmer (mit allerdings oft spektakulären Aussichten), von denen lediglich die grossen Speisesäle abweichen; ein Grund, warum die prunkliebenden Russen sich hier rarmachen. Selbst die Halle wirkt trotz ihrer durchaus beachtlichen Dimensionen handfest und behäbig, ein überdurchschnittlich geräumiges Wohnzimmer mit üppigem Blumenschmuck statt mit vergoldetem Stuck. Dazu passt, dass im Waldhaus eher Nietzsche- und Hessetage, Konzerte und Lesungen, Yogakurse und intime Literaturgespräche als Seminare oder Politikertreffen stattfinden.

Spektakuläre Aussicht übers Oberengadin. Foto: Josef Polleross/Anzenberger

Nicht nur die Hoteliersfamilie, in deren Besitz sich das Hotel nunmehr in der fünften Generation befindet, auch die zahlreichen Angestellten, die sich um die Bewohner der hundertvierzig Zimmer kümmern, tragen zum Wohlbefinden der Gäste wesentlich bei. Wer hier regelmässig einkehrt, wird mit dem Personal älter, das dem Haus oft jahre-, wenn nicht jahrzehntelang treu bleibt: allesamt stets aufmerksam, aber nie aufdringlich, selbstbewusst, aber nicht arrogant, effizient und hilfsbereit, jedoch niemals devot.

Man wünschte sich aus vielerlei Gründen eine treffendere Bezeichnung als Personal für die vielen alten Bekannten, denen man im Waldhaus auf den Fluren, im Speisesaal, an der Bar, am Empfang oder im Bad bei jedem Aufenthalt wiederbegegnet. Wenn unser Gedächtnis uns über deren Namen und Funktionen hin und wieder auch im Stich lässt, auf ihre Loyalität und Freundlichkeit ist immer Verlass. Ob Kellner oder Zimmermädchen, ob Chauffeur, Sommelier oder Voiturier, jeder ist Teil dieser grossen Familie, in der auch der Fremde stets willkommen ist.

Den ersten Einblick ins Waldhausreich gewähren die allzeit präsenten Concierges: Arnold Giamara aus Tarasp und Karl Stolz aus Zehlendorf; zwei ungleiche Charaktere, die einander so perfekt ergänzen wie Don Carlos und Marquis Posa, ohne dass gleich der eine für den anderen sterben müsste. Sie wissen über alles Bescheid und haben auf alles eine Antwort, ausser auf indiskrete Fragen neugieriger Gäste (wie ich einer bin), die etwa gern wüssten, wer denn die Dame sei, der beim Frühstück stets der Platz in der Ecke am Fenster vorbehalten ist und die das anachronistische Gebaren einer russischen Grossfürstin an den Tag legt.

Mit beiden Beinen in der Gegenwart

Der Concierge – in gewöhnlicheren Hotels nichts weiter als eine unverbindliche Empfangsperson, die einem die Frühstückszeiten erklärt und den Schlüssel übergibt, der im Waldhaus tatsächlich noch ein Schlüssel ist – wird zum Türöffner in die ebenso private wie öffentliche Welt dieses besonderen Hotels, das nicht nur aus Zimmern und Sälen, sondern auch aus der Summe aller darin Beschäftigten besteht, zu denen die Angestellten ebenso gehören wie die Gäste, die ja in erheblichem Mass mit dazu beitragen, dass es genau so weiterlebt, wie alle es sich wünschen.

Das Waldhaus zehrt zweifellos von seiner Vergangenheit, steht aber mit beiden Beinen in der Gegenwart, wovon die permanenten Erneuerungen wie der neue Wellnessbereich zeugen. Ob man sich extremer Wandertätigkeit oder kontemplativem Nichtstun hingibt, ob man Freunde zum Nachmittagstee (mit anschliessendem Wein oder Champagner) trifft, sich auf sein Zimmer zurückzieht, um zu lesen, zu arbeiten oder zu schlafen, oder ob man in einem der Fauteuils in der Halle über seiner Lektüre einschläft: Der Gast ist zu gar nichts verpflichtet.

Während andere sich mit der Seilbahn auf den Piz Corvatsch oder zu Fuss nach Maloja begeben, ob es regnet oder gerade mal wieder Engadiner Schneemangel herrscht: Mir ist es herzlich egal. Ich kann hier eine Woche leben, ohne das Hotel auch nur für eine Sekunde verlassen zu müssen. Mich drängt hier nichts, mir mangelt es an nichts. Ich habe alles, was ich brauche: ein Zimmer, das Frühstück, die Halle, ein Abend- essen, die Bar, die Bibliothek – was brauche ich mehr, um vorübergehend glücklich zu sein?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.05.2017, 13:04 Uhr

Alain Claude Sulzer wurde vor allem mit seinem Roman «Ein perfekter Kellner» bekannt. Im September erscheint sein neustes Buch «Die Jugend ist ein fremdes Land». Zudem hat er das Libretto zu David Philip Heftis Oper «Annas Maske» geschrieben, die zurzeit in St. Gallen aufgeführt wird. Foto: Julia Baier (PD)

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