Die Natur ist spektakulär genug

Die Nordnorge kann es nicht mit modernen Kreuzfahrtschiffen aufnehmen. Trotzdem sind die Passagiere an Bord des Hurtigruten-Schiffs glücklich.

Die Aussicht auf die vorbeigleitende Szenerie entschädigt den Reisenden für den fehlenden Fernseher: Die Nordnorge unterwegs. Foto: PD

Die Aussicht auf die vorbeigleitende Szenerie entschädigt den Reisenden für den fehlenden Fernseher: Die Nordnorge unterwegs. Foto: PD

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Die Kreuzfahrtreedereien rüsten auf und übertrumpfen sich gegenseitig mit Superlativen: Wer baut die längste ­Rutsche an Bord, legt den grössten Park auf See an oder inszeniert die exklusivsten Shows? Die Anbieter setzen auf Cocktail mixende Roboter, Kartbahnen auf dem Achterdeck oder schwimmende Lasertag-Arenen. Im Wetteifern um die aussergewöhnlichste Infrastruktur macht die norwegische Reederei Hurtigruten nicht mit.

Auf ihren Kreuzfahrten rücken die ­Sehenswürdigkeiten der Natur in den Mittelpunkt, die Schiffe spielen klar die Nebenrolle. Zum Beispiel die Nordnorge – ein nach dem nördlichsten Teil Norwegens benanntes Schiff, das vor 20 Jahren vom Stapel lief und dessen Innenausstattung kürzlich generalüberholt wurde. Verglichen mit dem Kabinenkomfort, mit dem die modernen Ozeanriesen ­locken, sind die Schlafräume der Nordnorge unspektakulär. Die Kabinen bieten alles, was es zum Schlafen, Duschen und Verstauen braucht – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zwar verfügt keine der Unterkünfte über einen Balkon, die Aussenkabinen aber immerhin über Fenster. Die Aussicht auf die vorbeigleitende Szenerie entschädigt den Reisenden für den fehlenden Fernseher.

Mehr als ein Kreuzfahrtschiff

Einer der Kapitäne des rot-weiss-schwarzen Schiffes ist Roar Winther. Der 48-jährige Norweger mit rotblondem Dreitagebart ist seit 20 Jahren auf den Hurtigruten-Schiffen unterwegs und trägt die ­Kapitänsstreifen seit acht Jahren. Die Masse seiner Nordnorge sind neben ­jener herkömmlicher Kreuzfahrtschiffe bescheiden. Zum Vergleich: Das grösste Reisevehikel auf See ist derzeit die Harmony of the Seas. Mit einer Breite von 66 und einer Länge von 360 Metern bietet sie Platz für 5500 Passagiere. Der Mega-Liner ist damit mehr als dreimal breiter und dreimal länger als das norwegische Schiff, das für maximal 691 Passagiere zugelassen ist. Trotzdem würde Winther um nichts in der Welt tauschen: «Schliesslich sind unsere Dampfer viel mehr als nur Kreuzfahrtschiffe.» Tatsächlich ist die Nordnorge auch eine Fähre, die Stellplätze für 45 Fahrzeuge beherbergt. «Zudem ist sie ein Frachter», erzählt der Kapitän. «Gerade im Winter sind wir auf der Route vom Norden in den Süden für die Fischer wichtig.»

Das Schiff transportiert bis zu 400 Europaletten gefrorenen Fisches. Die Nordnorge mag für weltläufige Kreuzfahrer klein sein, für die lokale Bevölkerung sind die Schiffe im Alltag von grosser Bedeutung. Zuweilen garantiert Hurtigruten in den Wintermonaten nämlich die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Kapitän Winther weiss, dass beispielsweise zwischen der Stadt Bodø nördlich des Polarkreises und Svolvær auf den Lofoten viele Einheimische die Schiffe als unentbehrliches Transportmittel nutzen. «Unsere Reederei erhält Geld von der Regierung, damit wir auch kleine Häfen anlaufen, um sie zu versorgen.» Allerdings ist auch das nicht immer möglich. Wenn an der Küste ein Sturm tobt, müssen die Kapitäne teilweise sehr kurzfristig entscheiden, die Stopps in kleinen Hafenanlagen zu streichen.

Ganz nah dran: Auf dem Kreuzfahrtschiff Nordnorge steht das Naturerlebnis an erster Stelle. Foto: PD

Der Passagiermix, der durch die verschiedenen Rollen der Nordnorge entsteht, macht die Reise längs der norwegischen Küste besonders spannend. Erst tafeln die Schweizerinnen an ihrem fest zugewiesenen Platz neben einem charmanten Ehepaar aus Süddeutschland. Für den Schlummertrunk mischen sich die Touristen dann unter die Einheimischen, die ohne Kabine reisen und sich bei einem Kartenspiel die Zeit vertreiben.

Während die lokale Bevölkerung typischerweise kurze Wege mit ihren «Kreuzfahrtfähren» zurücklegt, misst die Reise der Touristen auf dem Weg von Bergen nach Kirkenes 2300 Kilometer und dauert sieben Tage. Unterwegs werden 34 Häfen angelaufen. Etliche teilweise kurze Stopps realisieren die Kreuzfahrer, aber nur ob des etwas lauteren Motorenlärms in der Dunkelheit. Die Nordnorge legt nämlich nordwärts an manchem kleineren Ort mitten in der Nacht an. Wer sämtliche Häfen sehen möchte, bleibt in Kirkenes an Bord und fährt nach Bergen zurück. Denn die Hurtigruten-Schiffe laufen südwärts jene Orte tagsüber an, die sie nordwärts in der Nacht auf dem Fahrplan haben.

Polarlicht statt Lasershow

Auf den modernen Ozeanriesen kennt das Abendprogramm keine Grenzen. Das norwegische Schiff dagegen kommt ohne Glamour und Schnickschnack aus. Es gibt auf der Nordnorge weder eine Innenpromenade mit künstlichem Himmel voller LED-Lichter noch Lasershows. Am Polarkreis sorgt das Firmament für das nächtliche Spektakel. Und dieses hat vor allem im Herbst und Winter weit mehr zu bieten, als farbige Lämpchen. Kapitän Winther und seine Besatzung wissen, wie begierig die Passagiere auf das Polarlicht sind. Ganz egal, ob die Gäste sich grad am Spezialitätenbuffet den Magen vollschlagen oder schon die Kabinenvorhänge zugezogen haben: Wird ein grüner Schleier am Horizont sichtbar, erklingt eine Durchsage. Auf Deck erhalten die ­Touristen von den Einheimischen ­wertvolle Tipps, wie sich das Naturphänomen fotografisch am besten fest­halten lässt.

Der Fitnessraum der Nordnorge ist spartanisch eingerichtet: ein Laufband, ein Spinningrad, einige Hanteln und eine Krafttrainingmaschine. Trotzdem kommt der Bewegungsmensch auf der Hurtigruten-Reise auf seine Kosten. Die Natur macht die für Kreuzfahrtschiffe vergleichsweise schlichte Einrichtung mehr als nur wett. So organisiert das engagierte und mehrsprachige Expeditionsteam bei längeren Hafenaufenthalten Wanderungen in die Wildnis Norwegens. Aufmerksamen Wanderern entgeht dabei nicht, wie sich die Vegetation verändert, je nördlicher die Nordnorge vordringt. Meistens belohnt ein Aussichtspunkt mit atemberaubendem Panorama die Ausflügler für die zurückgelegten Höhenmeter. Wohltuend ist, dass der Fokus der ortskundigen Reiseleiter bei diesen Wanderungen keineswegs auf touristischen Referaten oder geschichtlichen Vorträgen liegt – trotzdem geben sie, falls gewünscht, ihr Wissen bereitwillig weiter.

Knapp an den Riffs vorbei

Zwischen den Häfen bieten die Seeleute der Nordnorge ein regelrechtes Spektakel, aber ohne Show und Trommelwirbel. Ein Spektakel, das jede Leseratte im Salon auf dem obersten Deck aufblicken lässt. Die Passagiere halten fasziniert den Atem an, wenn Kapitän Roar Winther den schwimmenden Koloss an Felswänden vorbei in die Meeresarme navigiert. Nur wenige Meter trennen das Schiff von den Riffs.

Der verschollene norwegische Polarforscher Roald Amundsen sagte einst im hohen Norden: «Wir können uns Extravaganz nicht leisten.» Die Hurtigruten-Reise von Bergen nach Kirkenes beweist: Extravaganz auf dem Schiff ist gar nicht nötig. Die Natur selber hat genug zu bieten.

Die Reise wurde unterstützt von Innovation Norway und Glur Reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2017, 18:14 Uhr

Kreuzfahrt in Norwegen

Acht Tage mit Vollpension

Hinreise: Ab Zürich nonstop mit Swiss oder mit SAS via Oslo/Kopenhagen nach Bergen. Rückreise ab Kirkenes.

Arrangement: Achttägige Reise (September) inkl. Vollpension an Bord, Übernachtungen in Kirkenes und Bergen inkl. Flug ab 1632 Fr. p. P.

Buchen: Glur Reisen, Tel. 061 205 94 94; www.glur.ch

Landausflüge: kosten separat, Hurtigruten Wanderpass ab 280 Fr. p. P.

Hurtigruten: www.hurtigruten.com

Allgemeine Infos: www.visitnorway.de

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