Paläste, Lehmhütten und Couscous mit Huhn

Das Umland von Marrakesch in Marokko bietet einfache Berberdörfer, blutige Ziegenköpfe und die Safranwelt einer Schweizerin.

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Die Schlangen sind in den Säcken verschwunden. Die Luxuskarrosse hat den Eselswagen gekreuzt. Die Lampe ist gekauft, das Heilkraut ist eingerieben und das letzte Monument besichtigt. Und so wird es Zeit für die neue Welt an den Rändern von Marrakesch.

Rund eine Stunde Autofahrt zum Fuss des Atlasgebirges ­genügt, um sich von den Touristenströmen zu entfernen. Weg von der fast einen Million Einwohnern in der tausendjährigen Königsstadt. Wo im Irr­garten des Souk auf 20 000 Quadratmetern 12 000 Läden und Lädel­chen locken, wo manchmal Wellblech neben Palast neben Moschee steht und auf dem alten Henkersplatz Kobras beschwört werden.

Es war ein sehr heisser Sommer mit Temperaturen manchmal über 45 Grad Celsius in Südmarokko. Im Oktober kann es tagsüber noch immer 31, 32 Grad werden. In Stadtnähe sind die Flussbetten ausgetrocknet, auch näher bei den Bergen führen sie nur wenig Wasser. In der sonst wüstenähnlichen Landschaft wächst ihnen entlang immerhin etwas Grün. Die Bauern pflegen Felder und Plantagen mit Zwiebeln, Tomaten, Auberginen, Grapefruitbäumen. Und sie wachen in der Nacht, um die gefrässigen Wildschweine zu vertreiben.

Auf einem Häuschen steht «dentiste»

Jeden Mittwoch ist Markt in Tighdouine, einem in den Hang gepflanzten Berberdorf. Die Schule ist aus, Mädchen und Buben laufen auf die Strasse und an den Ständen der Händler vorbei – es sind fast nur Männer, die Frauen sind zu Hause oder auf den Feldern.

Es gibt alles zu kaufen. Früchte und Gemüse. Töpfe voller Gewürze, rot, orange, gelb. Gaskocher, Gebrauchthandys, Plastikdreiräder, WC-Papier. Irgendwo schenkt einer in einer Küche ­süssen Tee aus. Die Schafe und Ziegen nebenan sind am Morgen vielleicht noch selbst zum Markt gestöckelt, jetzt hängen sie frisch geschlachtet am Haken. Auf der Ablage liegt noch ein felliger Ziegenkopf, aus dem Blut tropft.

Der Dorfeingang ist Park- und Wendeplatz. Hier stehen drei- und vierrädrige Lieferwagen. Weisse Mercedes, die in Mitteleuropa vor 30 Jahren ausrangiert wurden, warten auf Kundschaft. Ein Mann drückt eine Schubkarre mit gestapelten Teppichen vor sich her. Auf einem dürren Häuschen steht «Dentiste» gepinselt. Zahnschmerzen? Lieber nicht. Am Hang über der Strasse warten 20 Esel. Sie haben die Ware ihrer Bauern am Morgen das Tal hinauf- oder hinuntergetragen.

Trotz Luxus bleibt eine gewisse Authentizität gewahrt

Das Amanjena Resort in Marrakesch organisiert diesen Ausflug ins eigen- und urtümliche und auch einfache Marokko ausschliesslich für seine Gäste. Das ist bedauerlich, weil sich nur Gutbetuchte ein Zimmer leisten können in dieser im orientalischen Stil angelegten Luxusanlage zwischen uralten Olivenbäumen vor den Toren von Marrakesch. David Beckham hat hier schon Geburtstag gefeiert. Wie bei der asiatischen Aman-Hotelgruppe üblich, erfüllt ein Heer von Angestellten dem Gast jeden Wunsch. Trotz Luxus bleibt eine gewisse Authentizität gewahrt.

Es geht jetzt zu Fuss eine halbe Stunde den Berg hoch, vorbei an Kakteen und Olivenbäumen; Blick über das Tal mit seinem Flüsschen und der roten Erde, dann ist ein winziges Berberdorf erreicht. Hühner gackern, eine hungrige Katze miaut und läuft dem Besuch hinterher, ein Esel steht vor einer Steinhütte.

Es ist das Heim von Si-Brahim, auf das Si legt er Wert, es soll so viel wie Sir bedeuten. Der unterste Stock seines Hauses ist für die Tiere, im dunklen Raum fast ohne Tageslicht liegen ein paar Kühe. Oben lebt die Familie auf Lehmböden. Grosse Öffnungen schenken in den vorderen zwei Räumen Sicht übers Tal, Fenster hat es keine. Im Winter, wenn es nachts gegen den Gefrierpunkt gehen kann, helfen Decken und die offenen Feuerstellen, auf denen Si-Brahims Frau im hinteren Hausteil fast in Dunkelheit kocht, während er mit seinem Hut auf dem Kopf den Gastgeber gibt, Tee in Silberkannen mischt und ausschenkt.

Sie wollte weg vom Berufsstress

Das Essen schmeckt wunderbar, in Schmortöpfen gegartes Huhn oder Rind mit Gemüse, dazu Couscous. Der Esstisch ist von Kissen und schönen Teppichen gesäumt, Si-Brahim scheint zufrieden. Die Kommunikation ist ziemlich schwie­rig, er spricht nur Berberdialekt. Die Sprache ist im Land verbreitet wie Marokkanisch-Arabisch und Französisch als erste Fremdsprache in der Schule und zweite Amtssprache im Land. Allerdings gibt es noch immer Kinder, die es nicht bis ins Klassenzimmer schaffen. 30 Kilometer südöstlich von Marrakesch liegt das Paradis du Safran. Ein kleines Schild an der Hauptstrasse weist auf die Anlage der Schweizerin Christine Ferrari hin, die einiges mehr bietet als den Safran, der als Knollen im Boden liegt, bis er auf den November hin plötzlich spriesst, blüht und auch gleich gepflückt werden muss.

Die 56-jährige Ferrari war Gemeindeschreiberin in Kaiseraugst AG, bis sie bei einer Reise in die Stille der marokkanischen Wüste realisierte, dass sie etwas tun musste gegen den Berufsstress, und ihre Auswanderung vorbereitete. 2012 hat sie das Grundstück gepachtet, auf dem sie ihr Paradies geschaffen hat.

Manchmal dauert ein Erntetag fast bis Mitternacht

Vier Hunde, zwei Esel, zwei Katzen, Pfauen und Hühner leben mit ihr, fünf Festangestellte – davon vier Frauen – halten den Betrieb mit am Laufen. Vor zehn Jahren ­konnte Ferrari noch nicht einmal Salat pflanzen. Nun bezahlten im vergangenen Jahr 3616 Gäste 50 Dirham Eintritt, gut 5 Franken, um ihre Safran- und Pflanzenwelt in Grün, Gelb, Orange, Rot, Braun, Weiss, Blau, Lila zu bestaunen, sich vielleicht an einem der lieblich geschmückten Gartentische niederzulassen, in der Stille hervorragend zu essen, über den Barfuss-Weg zu gehen, Mangobäume zu ­bestaunen, an der Rosmarinhecke zu riechen. Und: sich Safran erklären zu ­lassen.

Ferrari führt leidenschaftlich über die Anlage. 500 Gramm hochwertigsten Safran gab das zwei Hektaren grosse Feld im ersten Jahr her, zwei Kilogramm waren es 2013 und auch danach, weil es 2014 zu nass und 2015 zu heiss war. Ferrari hofft diese Saison auf drei oder vier Kilo.

90 Prozent des Safrans auf dem Weltmarkt seien praktisch Ramschware, sagt Ferrari. Ein mit anderen Gewürzen gestrecktes Pulver. Oder ein roter Faden, der zwar aussieht wie Safran, aber nicht mehr ist als eine eingefärbte und getrocknete Faser von irgendetwas.

Mehr als 50 Berberfrauen sind bei Ferrari täglich auf dem Feld, wenn das teuerste Gewürz der Welt erntereif ist. Um ein Gramm zu ­gewinnen, braucht es dreieinhalb Stunden. Manchmal dauert ein Erntetag fast bis Mitternacht, weil am nächsten Morgen die nächsten Blüten bereit sind.

Ferrari verkauft ein Gramm ihres biozertifizierten Safrans für 25 Euro. Die Menge reiche für mehrere Dutzend Portionen, sagt sie. Dass die Pacht des Bodens alle sechs Jahre ausläuft und neu verhandelt werden muss mit dem Staat Marokko, mag Ferrari nicht belasten. Sie hat ihr Glück gefunden. Und glaubt fest, dass sich daran nichts mehr ändert.


Die Reise wurde unterstützt von Aman Resorts und Edelweiss Air. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.10.2016, 08:19 Uhr

Spa, Pool und Bibliothek

Anreise Mit Edelweiss von Zürich nach Marrakesch, Nov. und März am Mo., Mi. und Fr.; Dez. bis Febr. sowie April und Mai am Mi. und Fr.; ab 229 Franken.

Unterkunft Amanjena Resort, Marrakesch. DZ ab 620 Franken. Das Luxusressort verbindet traditionelle Elemente der marokkanischen Architektur mit moderner Schlichtheit und bietet neben Zimmern auch 39 Pavillons (ab 175 Quadratmeter) und Maisons (doppelstöckig, ab 360 Quadratmeter) sowie drei Restaurants, Bibliothek, Spa, Pool, Boutiquen und medizinische Versorgung. www.aman.com

Beste Reisezeit Frühjahr und Herbst, dann ist es angenehm warm, aber nicht zu heiss oder zu kalt.

Allgemeine Informationen
www.marrakesch.com
www.visitmorocco.com

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