Abgeschnitten vom eigenen Land

Das Kleinwalsertal gehört zwar zu Österreich, aber hinein kommt man nur über deutsches Gebiet.

Fremdenverkehr ist kein Fremdwort: Um 1300 sind Familienverbände aus dem Wallis in das Tal gekommen. Foto: PD

Fremdenverkehr ist kein Fremdwort: Um 1300 sind Familienverbände aus dem Wallis in das Tal gekommen. Foto: PD

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Herbert Edlinger hat nach der von ihm geführten Schneeschuhtour in der Gondelstube einen Tisch zusammengerückt, einen «Russ» bestellt – Weissbier mit Limo – und schaut kurz nach, wie es bei dem Skirennen steht, das gerade übertragen wird. «Ein Österreicher ist vorn», ruft er uns zu. «Schweizer und Deutsche sind keine mehr oben – nur noch Ausländer.»

Was für ein Ort ist das, wo Österreicher, Deutsche und Schweizer Landsleute sind? Wir sind im Kleinwalsertal, und irgendwie hat Wanderführer Herbert recht. Um das zu verstehen, müssen wir ganz hinten anfangen, hinten im Tal und hinten in der Geschichte.

Hinten im Tal liegt Baad. Hier macht die Strasse eine Kehrtwendung. Rundum sind Berge. Es ist der ruhigste Flecken im Tal, in dem 5000 Menschen leben und doppelt so viele Gästebetten für Touristen bereit stehen. Doch nahm hier im Grunde genommen der Fremdenverkehr seinen Anfang: Um 1300 sind Familienverbände aus dem Schweizerischen Wallis über diese Pässe in das Tal gekommen. Noch immer sprechen alteingesessene Talbewohner einen Dialekt, der an den Schweizer Walliserdialekt erinnert. Allzu oft hört man ihn aber nicht mehr. Doch könnte sich das ändern. Derzeit besinne man sich vermehrt auf die regionalen Besonderheiten, in Geschichte, Küche, aber auch im Dialekt, sagt Elmar Müller von Kleinwalsertal Tourismus. In der Schule gibt es Lektionen in Walserdialekt.

Vor dem Euro gabs die Deutsche Mark

Das Kleinwalsertal ist nicht nur eine Sackgasse, es ist auch verkehrstechnisch vom eigenen Land abgeschnitten. Ins Tal hinein kommt man nur über Oberstdorf, wo die grossen Sprungschanzen sind, und das im Freistaat Bayern liegt. Dass die Kleinwalser trotzdem Österreicher sind, hat mit einer Episode aus der Mitte des 15. Jahrhunderts zu tun. Die Habsburger wollten sich damals Gebiete im Vorarlberg unter den Nagel reissen und schickten zwei Grafen aus, darunter ein berüchtigter Raubritter. Die Walser sperrten die beiden in den Kirchturm von Lech ein. Was wiederum die Habsburger provozierte, sodass sie einmarschierten. So wurde das Kleinwalsertal österreichisch, es war aber, was den Handel betrifft, auf Gedeih und Verderben von Bayern abhängig.

Erst der vor 125 Jahren abgeschlossene Zollanschlussvertrag machte den Talbewohnern das Leben leichter, denn dadurch wurde das Tal zum deutschen Wirtschaftsgebiet. Doch führte das auch zu Kuriositäten: So war die offizielle Währung im österreichischen Kleinwalsertal, bevor der Euro eingeführt wurde, die Deutsche Mark. Das bedingte wiederum spezielle Briefmarken, deren Schilling-Wert mit der D-Mark abgeglichen wurde: Als Entsprechung für die deutsche 60-Pfennig Postkartenmarke gab es im Kleinwalsertal die 4 Schilling 20 Groschen Marke. Die Telefonzellen nahmen zwei Währungen an, die Gemeinde hatte zwei Postleitzahlen. Und noch immer gilt im Tal die deutsche Warenumsatzsteuer.

«Was seid ihr? Deutsche oder Österreicher?» – «Walser.»

Auf die Geschichte folgen Geschichten, welche die Einheimischen zuhauf auf Lager haben: Bis vor einigen Jahren war das Kleinwalsertal auch ein Bankenplatz für Deutsche, die ihr Geld steuergünstig anlegen wollten. Bankfiliale reihte sich an Bankfiliale. Elf waren es, bis dieses Schlupfloch gestopft wurde. Die Jugendlichen aus dem Tal machen im deutschen Oberstdorf Abitur – dort werden auch die meisten Kleinwalsertaler geboren, denn im Tal gibt es weder Gymnasium noch Spital. Und als die Talbewohner darum baten, dass man ihnen Asylbewerber zuteilen soll, winkte die zuständige Behörde ab: Zu kompliziert, da man die Flüchtlinge durch deutsches Hoheitsgebiet transportieren müsste.

Erst einmal stellte das Kleinwalsertal einen international erfolgreichen Skirennfahrer: Ludwig «Luggi» Leitner holte bei den Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck Gold in der Kombination. Er startete allerdings für die Deutsche Nationalmannschaft. Und im Kleinwalsertal ist Bayern-München der angesagte Fussballclub. Daher liegt die Frage an Herbert Edlinger auf der Hand, die wir ihm in der Gondelbar stellen: «Was seid ihr denn nun? Deutsche oder Österreicher?» Es kommt wie aus der Pistole geschossen: «Walser.»


www.kleinwalsertal.com

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.03.2017, 14:37 Uhr

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