Safari in der Blechkiste

Im Engelberger Tal ermöglichen private Seilbahnen eine dreitägige Tour ins Herz der Eidgenossenschaft. Das Programm: urchige Älpler, traumhafte Aussichten und genügsame Kühe.

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Spick und Shadow, die beiden ­dicken Hunde von Sepp Mathis, begrüssen freudig die Ankömmlinge, die aus der blauen Blech­kiste steigen. Sie hat uns auf die Alp ­Bielen gegondelt. Appenzeller-Mischling Shadow wedelt mit dem Schwanz, Spick macht sofort Männchen und will sein staubiges Pfötchen geben.

Wir sind überrascht von diesem Empfang, gewöhnlich sind Hunde auf abgelegenen Alpen nicht so freundlich. Freundlich ist auch ihr Meister, den sie im Tal unten den Bielen-Sepp nennen. Er ist Besitzer der grössten privaten Alp in Nidwalden: Unter anderem gehören 103 Hektaren Wald dazu. Von hier aus hat man eine gewaltige «huerä» Aussicht: weit unten Wolfenschiessen, gegenüber die Walenstöcke, dahinter der Brisen.

Doch die beste «Wohnlage der Welt» hat ihre Tücken. Im Winter, wenn zwei Meter Schnee liegen, «ischs scho huerä einsam», sagt Sepp und fährt sich mit der Hand durch den Schnauz. Doch «appe» will er nicht. Zu sehr ist Mathis mit seiner Bielen verwachsen. Zudem hat er eine Lebensader ins Tal: seine Seilbahn. Ohne sie wäre hier oben kein sesshaftes Leben möglich, denn eine Strasse fehlt.

Das Bähnli ist das Herzstück der Alp, das Sepp einiges kostet. Vor vier Jahren hat er es für 120'000 Franken sanieren lassen, und nun ist er daran, den Kredit abzustottern, und zwar mit dem Geld, das er aus dem Betrieb herausholt. Für die Einnahmen sorgen in erster Linie die Gleitschirmflieger und natürlich die Wanderer. 45'000 Franken Umsatz macht Mathis, 15 000 Franken bleiben ihm Ende Jahr für die Bank.

Da es im Engelberger Tal Dutzende «Buirä» gibt, die mit ihren ­Bähnli etwas verdienen müssen, wurde die Buiräbähnli-Safari ins Leben gerufen. Auf der dreitägigen Tour können fünf Bähnli-Fahrten mit schweiss­treibenden, aber wunderbaren Wanderungen verbunden werden. Und die beginnen am Bahnhof Engelberg. Zuerst gehts spaziergangmässig am Eugenisee und an der Titlisbahn vorbei, wo Inder und Japaner auf die grosse Bergfahrt warten. Doch kurz danach steigt der Weg an, erst sanft, dann immer steiler bis in die Felsen hinauf. Beim Zurückschauen schrumpft die Kuppel des Klosters zu einem glänzenden Punkt in der Landschaft.

Streit wegen der Schlacht mit napoleonischem General

Und ohne es zu merken, sind wir im steilen Wald von Ob- nach Nidwalden gelangt. Die Kantonsgrenze hat es in sich. Denn Ob- und Nidwaldner mögen sich nicht. Der Grund für die Abneigung liegt über 200 Jahre zurück. Damals hatte Napoleon mit seinem Heer die tapferen Nidwaldner überfallen und ein Blutbad angerichtet. Und die «Tschifeler», wie die Obwaldner hier etwas abschätzig genannt werden, hatten die Franzosen nicht an ihrem Vorhaben gehindert.

Immerhin haben es Engelberg OW und Wolfenschiessen NW ­inzwischen geschafft, bei der ­Buiräbähnli-Safari zusammenzuspannen. Dennoch besteht der Wolfenschiesser Gemeindepräsident Thomas Vetterli (FDP) darauf: «Bei uns seid ihr auf der richtigen Seite.»

Praktisch die ganzen drei Tage wandern wir auf Wolfenschiesser Boden. Eindrücklich ist der Aufstieg zum Haldigrat, den wir am zweiten Tag in Angriff nehmen. Von der Alp Brändlen, auf die wir natürlich mit einem ­Buiräbähnli gelangt sind, gehts erst steil aufwärts durch Wald und teils morastige Weiden. Oben auf dem Grat werden die Mühen belohnt: rechts der vereiste Titlis – zum Greifen nah, links die Musen- und die Klewenalp, dahinter der Bürgenstock und der Vierwaldstättersee. Wer will, kann auf dem Haldigrat bis zum Brisen aufsteigen, allerdings wird der Weg gegen Ende ruppig. Die offizielle Safari-Route zweigt unterhalb des Gipfels ab auf den Zickzack-Weg, der uns in wenigen Minuten über eine stotzige Wiese hinunter bringt.

Kulinarisch abwechselnde Safar

Der Höhepunkt der Safari folgt am dritten Tag, an dem der Walenpfad auf dem Programm steht. Er führt vom Bannalpsee zurück nach Engelberg und gilt als einer der zwölf schönsten Höhenwege der Schweiz. Eine verdiente Auszeichnung, vor allem an einem Traumtag. Eindrücklich ist nicht nur die Aussicht in die Berge und hinaus ins Mittelland, sondern auch auf den gegenüberliegenden stolzen Brisen. Allerdings brauchen nicht ganz Schwindelfreie auf dem Walenpfad ein bisschen Überwindung – auch wenn die steilsten Stellen mit Zäunen und Seilen gesichert sind.

Abwechslung bietet die Safari kulinarisch. Auf der Alp Zingel ­tischen Tom Christen und Coni Bünter auf Wunsch Trockenfleisch und sauren Most auf. In der Haghütte sollte man sich die Käseschnitte, den Sennerinnen-Kaffee und die Meringue nicht entgehen lassen, ebenso wenig die Älplermagrone in der Chrüzhütte. Dort werden die Safari-Wanderer liebevoll bewirtet von Isabelle Schmitter. Im Angebot auch Selbstgebackenes, Heidelbeeren und vor dem ­Zubettgehen Arvenschnaps, den Tochter Linda gebrannt hat.

Fleischliebhaber kommen auf der Brändlen-Alp auf ihre Kosten. Denn dort hält Bauer Ueli Schmitter irische Hochlandrinder, die Dexter. Diese Rasse eignet sich ausgezeichnet für die schwer zugänglichen Nidwaldner Alpen, weil die Tiere kleiner und zäher sind als die üblichen Schweizer Rassen. Dexter bewegen sich auch im steilen Gelände, ohne die Wiesen vollständig zu zertrampeln. Sie fressen Alpenkräuter, die andere Rinder stehen lassen, vor allem die ­besonders nahrhafte Grün-Erle. «Wenn man abseits wohnt wie wir», sagt Schmitter, «dann muss man manchmal auch unkonventionelle Wege gehen.»

Von den Big Five sehen wir nur den Steinbock – getötet

Die Umstellung auf Dexter-Rindvieh hat sich für ihn ausbezahlt, er kann die Tiere nicht nur mit dem Buiräbähnli nach Wolfenschiessen in die Metzgerei transportieren, er verkauft das Fleisch auch gut. Und wenn die Safari-Gäste danach fragen, grilliert er es am Abend über der grossen Feuerschale. Einen besseren Abschluss eines anstrengenden Wandertages kann man sich nicht wünschen.

Und wie siehts mit den wilden Tieren auf der Alpen-Safari aus? Von den Big Five sehen wir den Steinbock nur tot auf dem Anhänger eines erfolgreichen Jägers. Die Gämsen, die es hier zuhauf ­geben soll, halten sich gut versteckt. Wir entdecken hingegen eine Hirschkuh, auf einem Felsvorsprung liegend, über den wir mit einem Buiräbähnli schweben. Immerhin zu hören sind die Murmeltiere, und an den Felswänden des Bockistocks kreist ein Adler, oder ist es ein Bartgeier?

Die Safari ist ein Erlebnis für Schweiz-Liebhaber, besonders auf der Alp Oberfeld, wenn Älpler Sepp Waser mit seinem Alphorn das Engelberger Echo spielt und die mächtigen Felsen seine Töne sanft zurück auf die Alpweiden werfen.


Die Reise wurde unterstützt von der Engelberg-Titlis Tourismus AG.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2017, 15:54 Uhr

Buiräbähnli-Safari

Originaltour
Die Wanderung auf der Originalstrecke der Buiräbähnli-­Safari umfasst 42,2 km und 2782 Höhenmeter, drei Tagesetappen, fünf Buiräbähnli-Fahrten.

Tickets
28 Franken für den Bähnli­pass. Er kann online oder direkt im Engelberg Tourist-Center gekauft werden.

Übernachten
Wer die Originaltour machen will, übernachtet auf der Brändlenalp sowie am Bannalpsee. Es gibt aber auch zahlreiche ­weitere Übernachtungsmöglich­keiten auf den Engelberger und Wolfenschiesser Alpen.

Allgemeine Informationen
www.engelberg.ch

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