Zu Fuss durch die Kräuterküche

Die kroatische Insel Korcula steckt voller Geschichten. Von einigen wird man beim Wandern eingeholt, oder überrascht – etwa von Spuren Napoleons mitten im Grünen.

Im charmanten Hauptort Korcula steht Marco Polos Geburtshaus – lange nach dessen Geburt erbaut. Foto: Jean-Baptiste Rabouan (Laif)

Im charmanten Hauptort Korcula steht Marco Polos Geburtshaus – lange nach dessen Geburt erbaut. Foto: Jean-Baptiste Rabouan (Laif)

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Wer gegen so viel Konkurrenz anzutreten hat, braucht etwas Besonderes. Am besten einen klingenden Namen, eine Figur mit grösstmöglichem Wiedererkennungswert.

Über 900 Inseln verteilen sich vor einem 300 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Dubrovnik und Zadar in Kroatien. Ein Eiland ist Korcula. Zwar fanden schon die alten Griechen Gefallen an dieser Insel. Korkyra Melaina, «Dunkle Perle», nannten sie die Insel wegen des dichten Waldes, der sie überzog. Doch reicht das heute noch als Vermarktungsargument? Nein.

Und so kamen die Korculaner auf eine wahrlich berühmte Person, die hier das Licht der Welt erblickt haben soll: Marco Polo, der im 13. Jahrhundert lebte und mit einem Bericht über seine Reise von Venedig nach China unsterblich wurde. Dass die Beweislage für diese Vereinnahmung mehr als dürftig bleibt und vor allem von Venedig, das die Geburtsstätte des Weltenbummlers für sich reklamiert, dezidiert bestritten wird, ist den Korculanern egal. Schliesslich gehörte die Insel ja über 800 Jahre lang zur Republik Venedig, und Familien mit dem Namen Polo gab es auch hier.

Und so führen alle Besichtigungstouren durch den charmanten Hauptort der Insel, der ebenfalls Korcula heisst, an einem verwitterten Gebäude vorbei. Das, so witzelt der örtliche Führer, habe man irgendwann einmal als Geburtshaus bezeichnet, obwohl es lange nach Marco Polos Geburt erbaut worden sei.

In den engen Gassen reihen sich Boutiquen und Restaurants aneinander. Stets weht hier ein frisches Lüftchen. Lüftchen? Der Guide korrigiert: «Hier herrscht ewiger Durchzug.» Tatsächlich zeigt erst ein Blick von oben, wie pfiffig die mittelalterlichen Architekten das klimatische Problem angegangen sind. Die Gassen sind entlang des einzigen Hauptdurchgangs wie Fischgräten angelegt. Links, von wo der kühle Wind aus Nordwesten vom Meer hineinbläst, sind die Gassen breiter, rechter Hand verengen sie sich und machen eine Kurve.

Von 0 bis 568 Meter über Meer

Wir sind zum Wandern auf die sechstgrösste Insel Kroatiens angereist. Korcula ist zwar nur 46,8 Kilometer lang und zwischen 5 bis 8 Kilometer breit. Doch gibt es zahlreiche kürzere und längere Wanderstrecken, die untereinander kombinierbar sind. Wer es gerne ­gemächlich angeht, ist hier bestens ­bedient. Die höchste Erhebung ist der Berg Klupca mit 568 Metern über Meer. Die Strecken führen über Feldwege, ungeteerte Strässchen, gelegentlich geht es über kaum erkennbare schmale Pfade.

Wir entscheiden uns zu Beginn für eine Strecke, die praktisch vor der Hoteltür beginnt. Der Weg führt durch einen Nadelwald. Aleppokiefer, Pinie, Dalmatische Schwarzkiefer und ­Zypresse sind Bäume, die uns heute und in den nächsten Tagen oft Schatten spenden werden. Und immer wieder riecht es nach aromatischen Pflanzen, als wärs ein Spaziergang durch die Küche: Minze, Rosmarin, Salbei, Majoran und vieles mehr gedeihen üppig.

Die duftende Natur endet abrupt an einem Mäuerchen. Dahinter erstreckt sich ein überdimensionierter Plattenstreifen zum Horizont, der sich wie nach einem Erdbeben bedrohlich auf eine Seite neigt. Eine Strassenbauruine, mutmassen die einen. Oder eine kaputte Flugpiste, die anderen.

Trauben für den Weisswein Grk gedeihen im Dorf Lumbarda im östlichen Zipfel der Insel. Foto: Robert Harding (Alamy)

Falsch, erklärt die Wanderleiterin. Napoleon liess hier bauen. Der Franzose bestimmte von 1806 bis 1813 die Geschicke Dalmatiens, also auch Korculas. Wegen des chronischen Wassermangels liess der Kaiser hier einen riesigen Plattenboden anlegen, der sich auf einer Seite absenkte, womit das Regenwasser in Zisternen abgeführt wurde.

In Zrnovo holt uns die wechselvolle Geschichte der Insel ein weiteres Mal ein. Eine wuchtige Bauruine zieht den Blick auf sich. Aus den oberen Fenstern wachsen Bäume und Büsche. Im Erdgeschoss findet sich ein Dorfcafé. In dem Gebäude residierte einst der örtliche ­Ableger der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, wie eine grosse, stark verwitterte Anschrift in Erinnerung ruft.

«Kommunisten? Die sind alle verschwunden», lacht der Wirt des Restaurants Belin, oder Konoba Belin, wie hier die Tavernen heissen. Obwohl das Lokal erst in wenigen Tagen für die Saison eröffnet wird, hat sich der Wirt bereit erklärt, uns leichte Kost aufzutischen. Im Teig gebackene Zucchetti, verschiedene Käsesorten, eingelegte kleine Fische, frittierte Auberginen, Tomaten, Oliven, selber gepresstes Olivenöl, Wein aus den eigenen Reben werden gereicht.

Immer schön der Mauer nach

Diese «leichte» Küche, ergänzt durch Rohschinken, frisch gekochtes Gemüse, den selbst gebrannten Schnaps Lozavaca und was Gärten und Reben sonst noch hergeben, wird unser täglich Wanderbrot. So auch in einem modern umgebauten Weingut im östlichsten Zipfel der Insel, im Dorf Lumbarda, wo der bekannte Weisswein Grk gekeltert wird. Die Wanderung zum Anwesen von Winzer Frano Bire führt durch offenes Gelände mit Reben, Oliven- und Obstbäumen und gelegentlichen Gemüsegärten. Immer wieder kann der Blick auf das Meer schweifen, auf die umliegenden Inseln sowie auf die Halbinsel Peljesac, die vom 961 Meter hohen Sveti Ilija, dem Heiligen Elias, dominiert wird.

Oder aber der Blick bleibt, wie so oft auf diesen Wanderungen, an der Steinmauer hängen, wo eben eine Eidechse verschwindet oder eine mehrere Zentimeter lange Heuschrecke pausiert. Mauern gehören zu Korcula wie der Olivenbaum oder die Rebe – nur dass Letztere erst gedeihen können, wenn der Bauer den Acker gereinigt, die Steine also zu einer Mauer aufgeschichtet hat. Diese kann bis zu zwei Meter dick sein.

Also sollte der Wandersmann der Wandersfrau auf Korcula nie den andernorts absolut vernünftigen Tipp geben: «Halte dich links von der Mauer, dann biegst du rechts ab.» Himmel, welche Mauer meinte er wohl?

Die Reise wurde unterstützt durch Baumeler Reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2017, 17:39 Uhr

Korcula

Wandern an der Adria

Anreise: Ab Zürich Direktflüge nach Split oder Dubrovnik, ab Basel nach Split, dann mit der Fähre nach Korcula.

Arrangement: Baumeler Reisen bietet achttägige Wanderreisen auf Korcula an mit Abstechern auf die Halbinsel Peljesac und die Insel Hvar. Ab 1970 Fr. p. P., Tel. 041 418 65 65, www.baumeler.ch.

Neuer Reiseveranstalter für die östliche Adria: www.meersicht.ch.

Unterkunft: Das Hotel Liburna liegt gegenüber dem historischen Zentrum von Korcula. Private bieten Wohnungen und Zimmer zum Übernachten an. www.korcula-hotels.com/de.

Allgemeine Infos: ww.korculainfo.com/de; www.kroati.de; Rother Wanderführer ­Dalmatien,wwww.rother.de.

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