Das Frauenzimmer boomt

Dessousbügel und erdbeerrote Kühlschränke: Wie Businesshotels die wachsende Klientel allein reisender Frauen bedienen.

Im St. Galler Hotel Einstein gibt es neuerdings einen «Ladies Floor», auf dem die Zimmer von einer rein weiblichen Crew betreut werden. Foto: PD

Im St. Galler Hotel Einstein gibt es neuerdings einen «Ladies Floor», auf dem die Zimmer von einer rein weiblichen Crew betreut werden. Foto: PD

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Längst finden sich Hotels für Gäste mit Hunden, für Velofahrer, Pilger oder Familien. Nun nimmt die Reiseindustrie eine neue Zielgruppe ins Visier: Frauen. Das Virgin Hotel in Chicago punktet mit Kühlschränken in Erdbeerrot und Kleiderbügeln auch für die Dessous. In der Dusche gibt es ein Bänkchen, welches das Rasieren der Beine erleichtert. Das Zimmer ist durch eine Schiebetür unterteilt, sodass der weibliche Gast sich den Schaumwein bringen lassen kann, ohne vom Personal in der Jogginghose auf dem Queen-Size-Bett lümmelnd gesichtet zu werden. Ein «Lover’s Intimacy Kit», bestückt mit zwei Kondomen, Gleitgel und Vibrator, liegt griffbereit und kann für 20 Dollar erworben werden.

«Wir haben gesehen, dass etwa 80 Prozent aller Geschäftsreiseentscheidungen von Frauen getroffen werden», sagte Kristine Rose vom Hyatt-Hotelkonzern zu CNN. Ist ein Familientrip geplant, entscheidet Mama, in welchem Hotel man absteigt. Auch die Mitarbeitenden im Reisebüro sind überwiegend weiblich. Noch nie sind so viele Frauen gereist wie heute, und es werden immer mehr. Diese Entwicklung wollen die Hotels nicht verschlafen. Nur: Was soll man Frauen anbieten, ohne platte Geschlechterklischees zu bedienen?

Bisher stiefmütterlich behandelt

Bisher wurden die Frauen bei der Zimmerausstattung stiefmütterlich behandelt. Das merken weibliche Gäste an Details. Die breiten Bügel in den Kleiderschränken enden bei Blusen nicht an der Schulternaht, sondern beulen die Oberarme aus. Schuhlöffel, Bieröffner, Stoffslipper in Grösse 46 und als vorherrschende Farben Beigebraun oder Grau sind an männlichen Bedürfnissen orientiert.

«Wir gehen davon aus, dass wir in der nahen Zukunft mit mehr weiblichen Reisenden rechnen dürfen», sagt Markus Conzelmann, General Manager im Radisson Blu Luzern. «Immer mehr Geschäftsfrauen suchen eine passende Unterkunft.»

Föhn mit Langhaaraufsatz

Das Hotel Einstein in St. Gallen stellt der Damenwelt einen eigenen «Ladies Floor» zur Verfügung mit frauenfreundlicher Minibar samt Prosecco und Bailey’s, mit Schmuckablage, Modemagazinen, Yogamatte und Föhn mit Langhaaraufsatz. Die ausschliesslich weibliche Room-Service-Crew bringt «kalorienbewusste» Snacks. Branchengigant Accor Hotels hat das Hotel Rotary MGallery by Sofitel in Genf in neuem Design wiedereröffnet. Es offeriert Frauen den Service «Inspired by Her», unter anderem mit Slippern in kleineren Grössen, bodenlangem Spiegel und «Notfall-Kits» mit Nagellackentferner oder Bügeleisen.

Die Leonardo Royal Hotels bieten 20 Frauenzimmer pro Herberge mit «kuscheligen Decken und weichen Kissen», Wärmflasche und kühlender Gel-Brille. Die Peninsula-Hotels installierten Fingernageltrockner in den Zimmern, das W-Hotel London Leicester Square arbeitet mit einem angesagten Kleidervermieter zusammen.

Die Hotels wissen mittlerweile: Frauen legen Wert auf Sicherheit, auf hell erleuchtete Gänge, Türspione, doppelt abschliessbare Türen, und statt im hintersten Winkel der Tiefgarage wollen sie in der Nähe der videoüberwachten Tür parkieren.

In Kopenhagen fühlten sich Männer diskriminiert

In den USA gibt es frauenfreundliche Etagen schon seit Jahrzehnten. Aber die Gender-Apartheid polarisiert auch. «Mitte der 80er haben getrennte Etagen in Hotels viele Geschäftsfrauen beleidigt», sagte der Hotel-Analyst Bjorn Hanson in der «New York Times». «Sie versuchten, CEOs zu werden, dachten aber, man schaue auf sie als das schwächere Geschlecht.» In Dänemark hat der Gleichberechtigungsausschuss einer Beschwerde von Männern recht gegeben, die sich von der Frauenetage des Kopenhagener Bella Sky Hotels diskriminiert fühlten. Das Hotel hat das Stockwerk daraufhin auch für Männer geöffnet.«Falls aus irgendwelchen Gründen ein männlicher Gast es interessant findet, in pink Ambiente zu wohnen, so ist er willkommen», sagte Geschäftsführer Allan Agerholm süffisant.

Hyatt hat sich entschieden, keine Etagen für weibliche Gäste einzurichten. Auch der Barbie-Schnickschnack mancher Hotels dürfte nicht bei jeder Reisenden gut ankommen. So bietet das Andel’s Hotel Berlin in den «Lady Rooms» die DVD «Sex and the City», und das Leonardo Royal Hotel Berlin warb bei der Eröffnung allen Ernstes mit Pflastern, die mit Swarovski-Kristallen besetzt sind. Einige Hotels dürften mit ihren Angeboten unfreiwillig ein Frauenbild offenbaren, über das sich manche Gäste ärgern. Aber auch für diese Frauen scheinen die Lady-Zimmer eine Lösung parat zu haben: einfach die Entspannungsmusik anschalten, die Duftkerze anzünden und die extraweiche Kuscheldecke über den Kopf ziehen! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2017, 18:46 Uhr

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