Wo Luxus in der Familie liegt

Was in Schweizer Städten weitgehend fehlt, ist in Deutschland gang und gäbe: Von Besitzern geführte Nobelhotels.

«Nur glückliche Angestellte können auch Gäste glücklich machen», sagt Hotelchefin Caroline von Kretschmann. Foto: PD

«Nur glückliche Angestellte können auch Gäste glücklich machen», sagt Hotelchefin Caroline von Kretschmann. Foto: PD

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Im Europäischen Hof in Heidelberg reiben sich Frühaufsteher schon mal schlaftrunken die Augen: Beim ersten Hahnenschrei kniet die Seniorchefin in der Halle und rückt mit Reinigungsmittel einem frischen Flecken auf dem Teppich zu Leibe. Sylvia von Kretschmann ist auch während der frühmorgendlichen Anstrengung perfekt frisiert und trägt ein adrettes Kostüm. «Meine Mutter schaut oft schon um 5.30 Uhr im ­Hotel zum Rechten», sagt Caroline von Kretschmann. «Ihrem geübten Auge entgeht keine welke Blume. Und wenn ein Gast das Zimmer in besonders desolatem Zustand hinterlassen hat, putzt sie es selber und bringt alles wieder in Ordnung, wie es sich für ein Luxushotel gebührt.» Caroline von Kretschmann (48) studierte Betriebswirtschaft mit Doktortitel, amtet als Chefin des Europäischen Hofes. Sie führt das Haus zusammen mit ihren Eltern Sylvia und Ernst-Friedrich von Kretschmann, die beide weit über 70 Jahre alt sind. Der Europäische Hof an der Friedrich-Ebert-Anlage ist die unangefochtene Nummer 1 unter den Herbergen der Romantikstadt Heidelberg.

Caroline, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einem Mix aus Respekt und Zuneigung «Frau Doktor» genannt, vertritt die vierte Generation der Besitzerfamilie. Urgrossvater Fritz Gabler erstand den Europäischen Hof 1906, führte ihn als Branchenvisionär durch die Stürme der Weltkriege. Nach dem Tod des «Welthoteliers» übernahmen in den 50er-Jahren erst seine Frau Louise, 1965 dann Enkel Ernst-Friedrich von Kretschmann und dessen Frau Sylvia die Leitung.

Sechstagewoche

«Ich bin zwar nicht direkt im Hotel aufgewachsen», sagt Caroline von Kretschmann, «aber es hat mich geprägt. Meine Eltern arbeiteten sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag.» Der Europäische Hof blieb zu 100 Prozent im Besitz der Familie von Kretschmann.

«Jeder verdiente Euro wird wieder ins Hotel gesteckt», sagt die charismatische Chefin. «Wir laufen Jahr für Jahr Gefahr, zu scheitern, und müssen gut rechnen.» Im Hotel, bestehend aus verschiedenen Gebäuden und Flügeln, wird nichts dem Zufall überlassen. «Wir pflegen die Details. Durchgesessene Stühle schmeissen wir nicht einfach weg», erzählt Caroline von Kretschmann, «ein hauseigener Schreiner und ein Polsterer machen aus Alt wieder Neu.»

Zum Luxus gehören motivierte Mitarbeiter

Das Fünfsternhotel ist klassisch eingerichtet. Aber Parkett und dunkle Täfelung im Gourmetlokal Kurfürstenstube, schwere Teppiche, edle Vasen und Mobiliar im Empirestil in den 123 Zimmern und Suiten täuschen nicht über die Innovationskraft der von Kretschmanns hinweg. 1986 wurde ein Konferenzzentrum gebaut, 2000 kam ein kleiner, feiner Spa im vierten und fünften Stock dazu, zuletzt folgten drei ­Appartements für Langzeitgäste, vornehmlich Medizintouristen vom Golf. Die geschäftsführende Gesellschafterin von Kretschmann jr. erklärt: «Zum Luxus gehört neben einer perfekten Infrastruktur auch der Einsatz motivierter Mitarbeiter.» Nur glückliche Angestellte, sagt die Chefin, könnten auch Gäste glücklich machen. 165 Zimmermädchen, Kellner, Köche, Réceptionisten und Handwerker sollen die von Kretschmanns dabei unterstützen, in einigen Jahren das grosse Ziel zu erreichen. «Wir wollen Deutschlands freundlichstes Luxushotel werden», sagt von Kretschmann.

Nobelherbergen in Familienbesitz gibt es in Schweizer Städten nur vereinzelt. Das Baur au Lac in Zürich bleibt die löbliche Ausnahme. Fast alle Häuser gehören hierzulande Investoren – von katarischen Fonds bis zu Schweizer Banken. Die Hotels werden von externen Betreibern oder Ketten geführt.

«Auch in München geht der Trend in diese Richtung», sagt Carl Geisel. Der 58-Jährige leitet zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Michael und Stephan die Geisel-Privathotels in vierter Generation. Flaggschiff ist der Königshof am Stachus, ein diskretes 86-Zimmer-Haus mit Wellnessanlage und einem Feinschmeckertempel. Dort kredenzt Stéphane Thuriot zu Brotsuppe mit Kalbskopf und Trüffeln einen Riesling aus dem Geisel-Weingut im Württembergischen. Der muntere französische Sommelier gehört seit 25 Jahren zum Königshof-Inventar. Wort- und gestenreich erzählt er von den köstlichen Tropfen auf der umfangreichen Weinkarte.

Restaurantchef mit 50 Dienstjahren

Turiots Ausdauer im Job ist keine Ausnahme, kürzlich pensionierten die Geisels einen Restaurantchef nach über 50 Dienstjahren. «Wir arbeiten in einer Nische und müssen den Gästen einen Mehrwert bieten», bekennt Carl Geisel. «Den verkörpern vor allem erfahrene, hochqualifizierte Mitarbeiter.» Wer etwas länger als eine kurze Nacht im Königshof wohnt, kann sicher sein, von der Crew mit Namen angesprochen zu werden. «Die Gäste sollen sich bei uns wie zu Hause fühlen», so Carl Geisel. Er selber wuchs im ebenfalls zum Familienportfolio gehörenden Excelsior Hotel auf, stieg nach dem frühen Tod des Vaters mit 25 Jahren ins 1900 gegründete Unternehmen ein und baute es kontinuierlich aus – auf vier Hotels zwischen Schwabing und Hauptbahnhof und das Nobelrestaurant Werneckhof.

Stéphane Thuriot wird wie alle Königshof-Mitarbeiter Ende 2018 für zweieinhalb Jahre in einen anderen Geisel-Standort umziehen. Das Luxushotel wird abgerissen und komplett neu gebaut – als futuristischer Tetris-Würfel. Die aufregende Architektur hat die Münchner Gemüter in Wallung versetzt. Der neue Königshof soll weltmännisches Flair ins etwas biedere Stadtzentrum bringen. «München ist nicht mit London oder Berlin zu vergleichen», räumt Carl Geisel ein. «Die Olympischen Spiele von 1972, die einen Innovationsschub bewirkten, sind lange vorbei. Wir müssen uns weiterentwickeln.» Im Sommer zeigen die Geisels schon mal, was in der kleinen Gruppe steckt: Am Rathausplatz eröffnet das Beyond by Geisel – eine sehr urbane Residenz mit 20 Zimmern und Suiten, Weinlounge und interessantem Hotelkonzept.

Europäischer Hof, Heidelberg: DZ ab 258 Euro; Königshof, München: DZ ab 220 Euro (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2017, 18:23 Uhr

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