Die goldene Pracht ertasten

Der Reiseveranstalter Tour de Sens führt Blinde und Sehende zusammen: Zum Beispiel an der Algarve.

Felsformationen vor der Küste ausserhalb des Städtchens Lagos. Foto: Keystone

Felsformationen vor der Küste ausserhalb des Städtchens Lagos. Foto: Keystone

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Das dunkle Ölgemälde zeigt den verehrten Antonius, der eben einem Blinden das Augenlicht geschenkt hat. Portugals Nationalheiliger segnet den demütigen Heiden mit der Rechten, in der Linken hält er dessen nutzlos gewordene Augen­binde.

Laura Kutter beschreibt das Bild minutiös und packt die Umgebung in die Erklärungen: «Talha dourada – mit Blattgold überzogene Schnitzereien aus Kastanienholz», sagt sie. «Ihr müsst euch vorstellen: Cherubine, Fruchtkörbe, Monster an den Seitenwänden, eine unglaubliche Pracht.»

Höhepunkt: Das Städtchen Lagos

Die Hälfte der von Laura Kutter geführten Gruppe ist auf exakte Beschreibungen angewiesen: Die Teilnehmer sind blind. Die 34-jährige Stuttgarterin lotst ihre Gefolgschaft während einer Woche kreuz und quer durch die ­Algarve im Südwesten Portugals. Nach Wanderungen im hügeligen Hinterland und entlang der berühmten Steilküste sowie einer Schifffahrt zur Insel Colatras wird der Besuch des Städtchens Lagos zum Höhepunkt.

Als Laura Kutter die Kapelle des ­heiligen Antonius, ein Meisterwerk des portugiesischen Barocks, im Detail ­beschrieben hat, lädt ein Museumswächter die Blinden spontan ein, einige vergoldete Schnitzereien und die ­typischen portugiesischen Kacheln zu ertasten.

Laura Kutter hat zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Johanna vor fünf Jahren den Reiseveranstalter Tour de Sens gegründet. «Ich wollte mich nach dem Master in Tourismusmanagement in der Branche selbstständig machen und suchte eine Nische», sagt sie. Per Zufall entdeckte sie, dass es im deutschsprachigen Raum kaum Gruppenreisen für Blinde gab. 2012 führte Tour de Sens 5 Reisen durch. Das Programm 2016 enthält bereits 20 Angebote – von Wanderferien auf der Insel Mallorca über eine Reise durch Bulgarien bis zum Erleben Indiens.

Gute Erfahrungen machte der spezialisierte Veranstalter, der seine Aktivitäten auch auf die Schweiz ausweiten will, mit Städtereisen nach Lissabon, Florenz oder Paris. In Planung sind Trips nach Vietnam und Irland.

Ein Sehender für jeden Blinden

Das Erfolgsgeheimnis von Tour de Sens liegt in einer gelungenen Mischung aus Kultur, Wandern und Interaktion sowie im raffinierten Konzept. Laura Kutter garantiert in der Ausschreibung jedem blinden Teilnehmer die Begleitung durch eine sehende Person. Der Arrangementpreis für Sehende liegt deutlich tiefer. Trotzdem ist es offenbar schwieriger, Sehende zur Teilnahme zu motivieren. «Dabei ­ergänzen sich Behinderte und Nichtbehinderte optimal», bilanziert die innovative Unternehmerin. «Die Sehenden lernen, mehr auf optische Details zu achten, die Blinden orientieren sich stark an Gerüchen und Geräuschen.»

Kutter beschränkt die Teilnehmerzahl auf je acht Sehende und Blinde. Dazu kommen Sehbehinderte, die keinen Support benötigen. Die junge Chefin begleitet drei Viertel der von ihr kreierten Reisen selber, vor allem auf der Iberischen Halbinsel ist die Präsenz der perfekt Spanisch und Portugiesisch sprechenden Schwäbin unerlässlich.

So kommt Laura Kutter im Fischerdorf Ferragudo an der Mündung des Rio Arade in den Atlantik schnell mit den wettergegerbten Männern ins Gespräch. Sie entwirren auf der Mole die Netze und werfen kleine Fische, die sich in den Maschen verheddert haben, schwungvoll ins Wasser zurück.

Auch die Blinden in der Gruppe rea­lisieren, dass die toten Tiere nie im Fluss landen. Die gefrässigen Möwen schnappen die leichte Beute unter lautem ­Geschrei.

Tour de Sens, Tel. 0049 (0) 711 57 64 83 97, www.tourdesens.de (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2016, 20:51 Uhr

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