Einfach mal loslaufen

Das Internet hat uns zu überinformierten Reisenden gemacht. Während wir im Netz nach den neuesten Geheimtipps suchen, kommt uns die Offenheit für das Unvorhergesehene abhanden.

Wer sich treiben lässt, kommt auch zum Ziel: Passanten in Brooklyn, New York. Foto: Bärbel Schmidt (Getty Images)

Wer sich treiben lässt, kommt auch zum Ziel: Passanten in Brooklyn, New York. Foto: Bärbel Schmidt (Getty Images)

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Die Digitalisierung hat für das Reisen vieles gebracht: Wir können abends im Bett mit dem Kissen im Rücken und dem Kräutertee auf dem Nachttisch den Trip nach Thailand buchen. Vom letzten Kaff auf den Färöern oder einem Café in Portland können wir am Leben unserer Facebook-Freunde teilnehmen oder für die Familie Fotos am Strand posten. Das Internet hat uns zu den bestinformierten Reisenden der Geschichte gemacht. Ein paar Klicks – und schon erfahren wir, wo wir die neusten Restaurants finden, die schrägsten Bars, die schönsten Plätze, das versteckte Kleinod.

Das Ganze hat nur eine Schattenseite. Wir durchforsten das Netz, aus Angst, kurz vor dem Geheimtipp abzubiegen und das Beste zu verpassen. Wie nebenbei erzieht uns das unend­liche Internet in Form des Smartphones als ständigem Begleiter zum Kontrolldenken. Denn nichts muss mehr dem Zufall überlassen werden. Die ständige Verfügbarkeit brandaktueller Reisetipps hat eine Eigendynamik entwickelt: Die Entdeckerlust wandert ins Internet ab, statt sich vor Ort zu entfalten. Die Suche nach dem Kick, etwas besonders Interessantes zu entdecken, treibt viele eher durch die Weiten des World Wide Web als durch das Wirrwarr fremder Strassen.

Das lässt aber auch die Chancen für selbstständige Entdeckungen sinken. Denn wer eine online recherchierte Liste abhakt, hat keine Musse mehr zu schlendern, einfach mal zu gucken, was der Tag in Hanoi so bringt oder wohin einen der Zufall in Berlin-Kreuzberg führt. Er gibt die ergebnisoffene Neugier auf, die Unvorhersehbarkeit, die einmal ein grosser Stimulus auf Reisen war, ein Kitzel, eine Verheissung.

«Steige in den nächsten Bus»

Dieser Verlust scheint immer mehr Reisenden schmerzlich bewusst zu werden. In Zeitungen, Apps und Blogs artikuliert sich ein Unbehagen an der totalen Planung, ein Bedürfnis, den digitalen Ballast abzuschütteln und sich einfach überraschen zu lassen. Die Flaneur Society in San Francisco hat einen «Guide to Getting Lost» herausgebracht, mit Anweisungen zum geplanten Verirren. «Geh zur nächsten Bushaltestelle bei deinem Haus», beginnt einer ihrer Vorschläge. «Steige in den nächsten Bus Richtung Zentrum. Nach 12 Stationen steigst du wieder aus. Gehe nach links. Wenn du an einem Mann mit Brille vorbeikommst, biege sofort nach links ab.» So kann man nicht nur ferne Städte, sondern auch die eigene wie eine fremde bereisen.

Auch die «New York Times» sehnt sich danach, sich «auf die uralte Kunst des Sichverlaufens zurückzubesinnen». Die «Berliner Zeitung» hat eine ganze ­Serie ins Blatt gerückt, in der die Redaktoren nach einer willkürlichen Anleitung die Kieze erkunden, nach dem Prinzip aus San Francisco: «Fahre vier Stationen, biege in die erste Strasse links und die vierte rechts und gehe in die nächste Kneipe», heisst es etwa. Nur: Warum sich an künstliche Anweisungen halten? Warum nicht einfach dem eigenen Instinkt folgen?

Auch einige Apps wollen die User nicht alleinlassen: Dérive etwa regt zu einer spielerischen Erkundung der Stadt an. «Suche eine Gruppe Menschen» oder «suche einen Schatten», fordert sie auf. So sollen die User die ausgetrampelten Pfade des Mainstream-Tourismus verlassen und die Reise zu ihrer eigenen machen. Apps wie Drift oder Serendipitor wollen auf Irrwege oder Umwege in vertrauter Umgebung führen, man kann sie aber auch für fremde Orte nutzen. Es könnte einen Versuch wert sein, die Dinge einmal mit anderen Augen zu betrachten. Aber braucht man dafür wirklich eine Anleitung, die einem schon wieder das Smartphone diktiert?

Dass die Hilfsmittel, die dem Reisenden dienen sollten, eher versklaven, ist nicht neu: Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck hat das in seinen «Reisen mit Charley: Auf der Suche nach Amerika» beobachtet: «Es gibt Karten-Menschen, deren Vergnügen darin besteht, mehr Aufmerksamkeit auf Blätter aus buntem Papier zu verschwenden als auf das bunte Land, das vor ihnen vorüberzieht.» Nur bietet das Smartphone unterdessen noch unendlich viel mehr Möglichkeiten als eine Landkarte.

Der eigenen Nase folgen

Auch die Spots, die wir im Netz über eine Destination recherchiert haben und dann abklappern wollen, hindern uns an einer direkten Begegnung. Eine Paris besuchende Autorin der britischen Zeitung «The Guardian» hat das so beschrieben: «Ich war derart beschäftigt damit, die Stadt zu sehen, über die ich online gehört hatte, dass ich darüber die Erfahrung vergass, die unmittelbar vor mir lag. Ich kam an gemütlichen Cafés voller Romantik und Ruhe vorbei, die ich eigentlich suchte – nur weil ein Fremder online in einem Blog schrieb, dass das L’as du Falafel ein Muss ist.» Dort angekommen, traf sie eine Schlange mit Touristen in Hawaiihemden an und beschloss, lieber der eigenen Nase zu folgen. Ihr Resümee: «Ich habe keine Van-Gogh-Gemälde gesehen. Ich habe nicht den besten Falafel gegessen. Aber ich habe Paris gesehen.»

In der deutschsprachigen Literatur hat das Schlendern eine Tradition: Walter Benjamin, Franz Hessel oder Siegfried Kracauer liefen fast wie in einer meditativen Trance über die Boulevards und die Strassen der lärmenden und blinkenden Grossstadt. «Der Raum blinzelt den Flaneur an», schreibt Benjamin in seinem Passagen-Werk. «Ein Rausch überkommt den, der lange ohne Ziel durch Strassen marschierte.» Die Langsamkeit, das gezielte Verlaufen und das Flanieren ohne vorgegebene Richtung war eine Art Trotzreaktion auf die Rationalisierung, bei der alles zweckgebunden und zielführend zu sein hatte. Statt von einem Punkt zum anderen zu hetzen, zelebrierte der Flaneur das entschleunigte Erleben des Raumes, ganz ohne feste Koordinaten.

Losgehen ohne Plan kann immer auch schiefgehen – wenn man nichts Interessantes findet. Aber es kann den Blick öffnen, sensibilisieren für die leisen Töne eines Ortes jenseits der typischen Sehenswürdigkeiten, für den Klang einer Sprache, für kleine Szenen, die man beobachtet. Der Schriftsteller John Steinbeck hat nach seinem Trip durch das Amerika von 1960 wie erleichtert notiert: «Wir entdecken nach Jahren der Anstrengung, dass nicht wir die Reise führen, sondern die Reise uns führt.» Das ist eine schöne Einsicht aus vordigitalen Zeiten. Wir sollten uns an sie erinnern, wenn wir mal wieder den coolsten Falafelladen der Stadt suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2017, 22:59 Uhr

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