«Wir sind extrem krisenerprobt»

Die Reisebranche durchlebt turbulente Zeiten. Kurt Eberhard, CEO von Hotelplan Suisse, über Notfallübungen und Terrorangst.

Buchungen nehmen wieder zu: Die Menschen scheinen sich an negative Ereignisse zu gewöhnen.

Buchungen nehmen wieder zu: Die Menschen scheinen sich an negative Ereignisse zu gewöhnen.

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Warum beschäftigten Sie sich vor kurzem intensiv mit dem Flughafen von Marrakesch?
Wir spielten eine unangekündigte Notfallübung durch, in der wir unser Krisenmanagement testeten. Es ging um den fiktiven Brand eines Charterflugzeuges in Marrakesch. In der Maschine sassen ausschliesslich Passagiere von Hotelplan Suisse.

Und wie bewährte sich der Krisenstab?
Wir sind extrem krisenerprobt: Terroranschläge, Naturkatastrophen, politische Unruhen oder Streiks beschäftigen uns oft. Wir hatten unser Krisenkonzept samt den Handbüchern mithilfe einer externen Firma überarbeitet. Beim Fall Marrakesch ging es darum, letzte Schwachstellen aufzuspüren und die Abläufe in den Abteilungen unter die Lupe zu nehmen. In einem Notfall ist die Kommunikation eine besondere Herausforderung. Direktbetroffene vor Ort posten in den sozialen Medien, bevor wir in der Zentrale in Glattbrugg auf dem aktuellsten Stand sein können.

Wie reagieren die Konsumenten auf Terror und Unruhen?
Im letzten Jahr spürten wir eine Zurückhaltung bei den Buchungen. Das betraf vor allem islamische Länder. So zynisch es klingen mag: Mittlerweile scheinen sich die Kunden an die negativen Ereignisse gewöhnt zu haben. Man weiss: Es kann überall auf der Welt etwas passieren, nicht nur in Ägypten oder Tunesien.

Drückt die latente Terrorgefahr auf die Buchungen von Städtereisen?
Wir verzeichnen heute wieder eine grössere Nachfrage für Paris. Interessant ist, dass ausgerechnet London einen wahren Touristenboom erlebt. Das schwache Pfund überlagert offensichtlich die Angst vor Terror, wobei man nun die Reaktionen auf die aktuellsten terroristischen Ereignisse auf der London Bridge und in Borrow Market erst abwarten muss.

Budgetieren Sie die erhöhten Auslagen für das Krisenmanagement?
Nein, sie gehören zum Tagesgeschäft. Das Krisenmanagement bringt uns aber schon mal hart an die Grenzen unserer Ressourcen. Krasses Beispiel: Im letzten Jahr drohte ein Generalstreik in Griechenland. Wir betrieben einen Riesenaufwand, um unsere Gäste nach Hause zu fliegen. Geplant waren sogar Schiffstransfers von den griechischen Inseln in die Türkei. Im letzten Moment wurde der Streik abgeblasen; die ganze Mühe war für die Katz.

Kommen viele Last-Minute-Angebote für den Sommer auf den Markt?
Jetzt beginnt die heisse Phase im Geschäft mit kurzfristigen Buchungen. Wir sind zwar bei Hotelplan Suisse im Vergleich zum Vorjahr umsatzmässig um einen einstelligen Prozentbetrag im Plus, trotzdem gibt es noch Restkapazitäten.

Haben Sie zu viele Flugzeugsitze und Hotelbetten eingekauft?
Im Gegenteil. Wir hatten zu Beginn der Buchungsperiode weniger Flugkontingente zur Verfügung als 2016. Wir haben aber sukzessive aufgestockt. Es gibt heute genügend Flieger auf dem Markt, die man kurzfristig einsetzen kann.

Welche Badeferienziele boomen?
Keine Überraschung: Spanien und Griechenland. Schöne Zuwächse verzeichnet Kroatien, wo aber die Infrastruktur der Nachfrage nicht zu folgen vermag. Und wie im letzten Jahr steigt das Interesse an Zypern stetig.

Werden Ägypten und Tunesien überhaupt noch gebucht?
Bei Tunesien liegen wir im Vergleich zum allerdings schwachen Vorjahr bei einem Buchungsplus von 85 Prozent. Auch Ägypten zeigt Aufwärtstendenz.

Und welche Überseedestination macht Ihnen am meisten Freude?
Kanada läuft extrem gut. Die Herausforderung dort ist, genügend Hotelkapazität zu sichern.

Wie lange im Voraus planen Sie?
Die Ideensuche startet etwa 18 Monate vor dem Erscheinen der Kataloge. Neue Destinationen zu lancieren, ist kaum mehr möglich. Es gibt keine weissen Flecken mehr auf der touristischen Landkarte. Aber es finden Pendelbewegungen im Badeferienbereich statt zwischen Ost und West, die wir auffangen müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 15:05 Uhr

Kurt Eberhard (57) ist seit drei Jahren CEO von Hotelplan Suisse, dem umsatzmässig grössten Schweizer Reiseveranstalter.

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