Evidenzbasierte Medizin als Rezept gegen steigende Krankenkassenprämien?

Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre. Das stellt insbesondere Hausärzte vor grosse Herausforderungen, da sie ein sehr breites Spektrum abdecken und über viele Themengebiete Bescheid wissen müssen. Die «evidenzbasierte Medizin» gewinnt deshalb auch in der Schweiz immer mehr Anhänger. Sie verlangt, dass Ärzte ihre Entscheidungen ausschliesslich auf der Basis aktueller Informationen fällen und ihre Patienten umfassend informieren.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Definiert wird evidenzbasierte Medizin (EBM) ursprünglich als der bewusste, ausdrückliche und wohlüberlegte Gebrauch der jeweils besten Informationen für Entscheidungen in der Versorgung eines individuellen Patienten. EBM beruht demnach auf dem jeweiligen aktuellen Stand der klinischen Medizin, auf der Grundlage klinischer Studien und medizinischer Veröffentlichungen, die einen Sachverhalt bestätigen oder widerlegen. EBM kann auch den Verzicht auf Therapie beinhalten, d. h. zu wissen, wann keine Therapie vorzuschlagen für den Patienten besser ist als das Empfehlen einer bestimmten Therapie. Ein bekanntes Beispiel ist Prostatakrebs bei alten Männern: je nach Alter und Lebenserwartung des Patienten und dem Entwicklungsstadium des Prostatakrebses ist oft das Nicht-Therapieren die beste Entscheidung.

Für einen Hausarzt ist es so gut wie unmöglich, auf allen Gebieten jederzeit aktuell und umfassend informiert zu sein. Nicht zuletzt, weil sein zeitliches und finanzielles Budget für Aus- und Weiterbildungen begrenzt ist. Der Betrieb einer Praxis ist teuer und erlaubt nur wenig Absenzen. Es kann unter diesen Umständen schwer fallen, sich mit neuem Wissen auseinanderzusetzen und auf den Einfluss von Interessevertretern der Industrie bewusst zu verzichten.

Umfassende Beratung

Neben dem Anspruch, dass ärztliche Entscheidungen ausschliesslich auf aktuellen wissenschaftlichen Fakten beruhen dürfen, spielt bei der evidenzbasierten Medizin auch die Gesprächsführung mit dem Patienten eine wichtige Rolle: Ärzte, welche die evidenzbasierte Medizin in ihrer Praxis anwenden, besprechen Chancen und Risiken der verschiedenen Diagnose- und Behand-lungsmöglichkeiten ausführlich mit ihren Patienten.

Ziel der evidenzbasierten Medizin ist ein gut informierter Patient, der die vorgeschlagenen Therapien versteht und mitträgt. Ärzte, die nach den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin arbeiten, geben ihren Patienten deshalb auch ausführliches Informationsmaterial mit nach Hause. Gruppenpraxen bieten darüber hinaus oftmals verschiedene Kurse und Seminare an, um ihre Patienten optimal aufzuklären.

Ein Arzt, der seit längerem nach den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin arbeitet, ist Adrian Rohrbasser. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin im santémed Gesundheitszentrum in Wil SG und geht bei der Behandlung seiner Patienten konsequent nach dem «5-Fragen-Modell» vor:

1. Was geschieht, wenn der Arzt und Patient nichts unternehmen? 2. Welche diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten gibt es? 3. Welche dieser Möglichkeiten kommen für den Patienten in Frage? 4. Welche Vor- und Nachteile haben die einzelnen Möglichkeiten für den Patienten? 5. Verfügen der Patient und der Arzt über genügend Informationen?

Dieses Vorgehen ist zeitintensiv und anspruchsvoll. Paradoxerweise wird diese patientenorientierte Art zu praktizieren vom Abrechnungssystem TarMed nicht honoriert. Gründe dafür liegen bei der zum Teil geringeren Anzahl Patienten, die pro Tag behandelt werden können, der geringeren Anzahl zu Hilfe gezogener, gut bezahlter technischer Leistungen und der oft auch weniger kostenintensiven Therapie.

Andere Behandlungsformen

Diese Methode eröffnet Ärzten die Möglichkeit, ihren Patientinnen und Patienten auch einmal nichts zu verschreiben, wenn es keinen Sinn macht. Denn zur evidenzbasierten Medizin gehört nicht zuletzt auch das Wissen, wann keine Therapie besser ist als eine Therapie. Einfachstes Beispiel: Grippe. Adrian Rohrbasser verordnet nicht routinemässig Mittel gegen Schnupfen, Husten Fieber und Halsweh (4 Medikamente!). Dafür nimmt er sich Zeit, seinen Patienten den natürlichen Verlauf zu erklären, der ja kaum mit Medikamenten beeinflussbar ist.

Informierte Patienten

Immer mehr Patienten recherchieren selbst im Internet und erscheinen mit Selbstdiagnosen in der Praxis. Ärzte, die nach den Methoden der evidenzbasierten Medizin arbeiten, freuen sich über informierte Patienten, auch wenn das ihre Arbeit nicht immer einfacher macht. «Nicht immer gelangen die Patienten bei ihren Recherchen auf gute Seiten», weiss Rohrbasser aus Erfahrung, «aber die mitgebrachten Seiten sind in jedem Fall eine gute Basis für ein Gespräch.»

Er selbst begrüsst es, dass sein Arbeitgeber seine Arbeit erleichtert und ihm Zugang zu unabhängigen, internationalen Wissensbanken verschafft. Die Vielzahl von neu erscheinenden Artikeln werden von einem unabhängigen, firmeneigenen Gremium studiert. Anschliessend werden die validierten Informationen und das aktuelle Wissen den praktizierenden Ärztinnen und Ärzten in verdichteter, alltagstauglicher Form zur Verfügung gestellt. Dieses Vorgehen erleichtert den Hausärzten die Arbeit, sodass sie nicht mehr lange nach Fachartikeln suchen müssen, sondern bei Bedarf alle relevanten Informationen per Mausklick abrufen, den Artikel selbst studieren und allenfalls gleich mit dem Patienten am Bildschirm besprechen können.

In der Regel günstiger

Evidenzbasierte Medizin hat nicht primär eine Kostenreduktion zum Ziel. Trotzdem zeigen Vergleichsstudien, dass sie eine deutliche Kostenreduktion mit sich bringt kann.

Gründe dafür sind die besser über ihre Krankheit informierten Patienten, ein massvoller Umgang mit den möglichen diagnostischen Mitteln und das Einsetzen von bewährten Medikamenten und Therapieformen.

santémed Gesundheitszentren AG

Römerstrasse 38
8401 Winterthur
Telefon: 052 244 26 36
E-Mail: info@santemed.ch
Web: www.santemed.ch

Werbung

Die Welt in Bildern

Buntes Zusammenspiel: Hindus versammeln sich am Ufer des Sun Lake zum religiösen Festival in Chatt Puja im Norden von Indien. Sie verehren den Sonnengott Surya. (30. Oktober 2014).
(Bild: Ajay Verma) Mehr...