14 Frauen starben nach Einnahme der Pille

Allein seit 2009 haben fünf Frauen eine tödliche Lungenembolie erlitten, nachdem sie ein hormonales Verhütungsmittel eingenommen hatten.

Nicht ungefährlich: Ärzte und Patientinnen sollen Vorteile und Risiken der hormonalen Verhütung vertieft besprechen.

Nicht ungefährlich: Ärzte und Patientinnen sollen Vorteile und Risiken der hormonalen Verhütung vertieft besprechen. Bild: Gaëtan Bally

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Céline war 16 Jahre alt, Nichtraucherin und kerngesund, als sie zum ersten Mal das Verhütungsmittel Yasmin einnahm. Vier Wochen später erlitt sie eine Lungenembolie: Die Blutgefässe ihrer Lunge wurden verstopft, das Herz hörte auf zu schlagen, das Hirn wurde schwer geschädigt. Heute ist sie gelähmt, muss 24 Stunden am Tag betreut werden.

Jetzt hat das Zürcher Bezirksgericht Célines Klage auf Schadenersatz abgewiesen, wie die «Rundschau» letzte Woche publik machte. Ihre Familie muss dem Yasmin-Hersteller Bayer 120'000 Franken Prozessentschädigung zahlen. Célines Mutter hat das Urteil sofort ans Obergericht weitergezogen. Laut dem «SonntagsBlick» hat dieses die Berufung angenommen und zudem die unentgeltliche Prozessführung genehmigt. Die Familie zahlt vorerst also nichts für ihren Anwalt.

Frauen zwischen 17 und 49

Wie Recherchen des TA zeigen, kann es sogar noch schlimmer kommen als im Fall Céline: Zwischen 1991 und Ende Juni 2013 sind in der Schweiz mindestens 14 Frauen nach Einnahme von Antibabypillen an Lungenembolien gestorben. Sie waren laut Swissmedic zwischen 17 und 49 Jahre alt, in sieben Fällen unter 30. Bei neun Betroffenen lag mindestens ein Risikofaktor für Lungenembolien und Venenthrombosen vor – wie etwa Übergewicht, eine lange Flugreise oder erbliche Vorbelastung.

Im laufenden Jahr wurden Swissmedic zwei Todesfälle gemeldet, davor im Jahr 2009 deren drei. Fünf der insgesamt 14 tödlichen Lungenembolien ereigneten sich – wie im Fall Céline – nach Einnahme von drospirenonhaltigen Verhütungsmitteln. Die bekanntesten sind dabei die drei Bayer-Produkte Yasmin, Yasminelle und YAZ, die seit 2002 auf dem Markt sind. Sie befanden sich im September 2012 auf den Plätzen 2, 3 und 10 der bestverkauften hormonalen Verhütungsmittel in der Schweiz. Bei Bayer gehören sie zu den meistverkauften Medikamenten überhaupt. Obwohl ihr Umsatz seit 2010 laufend zurückgeht, brachten die drei Produkte dem Konzern 2012 nach wie vor über eine Milliarde Euro. Daneben gibt es mehrere Generika anderer Hersteller mit dem Wirkstoff Drospirenon. Bayer nimmt auf Anfrage des TA keine Stellung zu den fünf Todesfällen mit drospirenonhaltigen Pillen in den letzten Jahren. Sie schreibt einzig: «Für Meldungen, welche die Arzneimittelbehörde Swissmedic publiziert, verweisen wir Sie höflich an Swissmedic.» Moderne, niedrig dosierte Verhütungsmittel wie Yasmin, führt Bayer allgemeiner aus, gehörten zu den verlässlichsten und am einfachsten anzuwendenden Methoden, um eine ungeplante Schwangerschaft zu vermeiden. Auf die möglichen Nebenwirkungen werde in der Fach- und Patiententinformation «klar hingewiesen».

Laut Studien besteht bei drospirenonhaltigen Verhütungsmitteln wie Yasmin im Vergleich zu älteren Pillen der sogenannt zweiten Generation ein doppelt so hohes Thromboserisiko. Es ist etwa ähnlich hoch wie bei Pillen der dritten Generation, die die Gestagene Desogestrel oder Gestoden enthalten. Nicht alle Studien konnten das erhöhte Risiko bestätigen, wie auch Bayer betont: «Aufgrund der Bewertung aller vorliegenden wissenschaftlichen Daten ist das Nutzen-Risiko-Profil dieser Medikamente bei verschreibungsgemässer Anwendung positiv».

Neue Infoblätter für Ärzte

Swissmedic bestätigt dass viele neuere Pillen ein markant höheres Thrombose-Risiko mit sich bringen. Zwischen Juni 2009 und Juni 2013 gingen beim Schweizerischen Heilmittelinstitut rund 800 Meldungen über Nebenwirkungen von hormonalen Verhütungsmitteln ein, der Grossteil betraf die neueren Präparate. Mehr als 200 Meldungen gingen allein wegen Lungenembolien ein.

Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi betont, dass sich das Meldebewusstsein in den letzten Jahren deutlich verbessert habe – auch aufgrund der Medienberichte zum Thema. Dies zeige sich in einem deutlichen Anstieg der Meldefrequenz. Gerade bei leichteren Fällen würden aber nur ein Teil der unerwünschten Arzneimittelwirkungen gemeldet, und oft gingen die Meldungen erst nachträglich ein. «Die Meldungen im Zusammenhang mit drospirenonhaltigen Verhütungsmitteln ergeben aktuell keine Auffälligkeiten im Vergleich zu anderen neueren Präparaten oder solchen der dritten Generation.» Sowieso sei es nicht zulässig, aufgrund der Meldungen Vergleiche zwischen einzelnen Pillengruppen zu erstellen. «Zu diesem Zweck sind einzig epidemiologische Studien beizuziehen», sagt Jaggi. Laut Rudolf Stoller, Leiter Arzneimittelsicherheit, beobachtet Swissmedic die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema genau, um gegebenenfalls wie 2010 und 2011 die Fachinformationen anzupassen. Im August 2013 hat die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zudem neue Infoblätter zuhanden von Ärzten und Patientinnen erstellt. Sie sollen eine vertiefte Besprechung über Vorteile und Risiken einer hormonalen Verhütung fördern. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2013, 22:18 Uhr)

Artikel zum Thema

Verhütungspille: Schwerbehinderte soll Pharmakonzern entschädigen

Sie nahm die Pille, dann erlitt sie eine Lungenembolie. Eine junge Frau, die seither behindert ist, blitzte vor dem Zürcher Bezirksgericht ab. Stattdessen soll sie dem Unternehmen Bayer 120'000 Franken zahlen. Mehr...

Gratispille für Jugendliche?

Verhütungsmethoden Der grüne Genfer Nationalrat Antonio Hodgers fordert in einer Motion, dass Jugendliche gratis Zugang zu Verhütungsmitteln haben sollen. Mehr...

20 Frauen sterben jährlich wegen der Pille

Jährlich 20 Tote sowie 2500 Vorfälle mit Blutgerinnseln in Frankreich: Die Arzneimittelbehörde zeigt in einem Bericht auf, wie gefährlich die Antibaby-Pille ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored Content

Spassfaktor nach oben offen.

Das C-Klasse Cabriolet von Mercedes-Benz feiert grosse Schweizer Premiere.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...