Schweiz

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

Boomende Internet-Site für Kinder: Pädagogen schlagen Alarm

Von David Vonplon. Aktualisiert am 22.08.2008 37 Kommentare

Im Schatten von Facebook überrollt die Community-Site Netlog die Deutschschweizer Schulen. Die Folgen: Internet-Mobbing und Lehrer-Beschimpfungen. Schulbehörden und Eltern sind überfordert.

«Auch bei 5.- und 6.-Klässlern verbreitet»: Kinder und Jugendliche präsentieren sich auf Netlog. (Quelle: Netlog)

«Auch bei 5.- und 6.-Klässlern verbreitet»: Kinder und Jugendliche präsentieren sich auf Netlog. (Quelle: Netlog)

Artikel zum Thema

Info-Box

Die Netlog-Community zählt weltweit 33 Millionen User – die Plattform ist in 15 Ländern präsent, kommuniziert wird in 19 Sprachen. Das Social Network ist vergleichbar mit Facebook -- die Benutzer verfügen über eine Profilseite, auf der sie Fotos und Videos hoch laden und mit anderen Benutzern kommunizieren können. Im Unterschied zu Facebook ist die Mehrheit der Nutzer des Portals jedoch unter 18 Jahren alt.

Wie viele Jugendliche und Kinder in der Schweiz Netlog frequentieren, lässt sich nur schwer abzuschätzen. Ein Blick in die Webstatistik Net-Metrix der WEMF gibt allerdings Hinweise auf die explosionsartige Verbreitung der Community-Plattform: So verzeichnet keine andere Website in der Schweiz mehr Seitenaufrufe – im Monat Juli wurden 350 Mio. Clicks gezählt. Zum Vergleich: Blick Online, die reichweitenstärkste Medienwebsite der Schweiz, kam im vergangenen Monat bloss auf einen Drittel dieses Wertes. Die Anzahl Unique Clients von Netlog betrug im Juli gut 800'000 – die Zahl entspricht in etwa der Anzahl Personen, die das Portal nutzen. Laut Nielsen Online gehören dabei rund 40 Prozent der Altersklasse zwischen 12- bis 17-Jahren an.

Die Medienpädagogen der Pädagogischen Hochschule Zürich beraten Schulleitungen, Lehrpersonen, Behörden sowie Elternorganisationen und führen schulinterne Weiterbildungen durch. Kontakt: medienlernen@phzh.ch oder 043 305 50 60.

Der Schulleiter einer Zürcher Schulgemeinde staunte nicht schlecht, als er vor einigen Monaten via seine eigenen drei Kinder von der Community-Plattfrom Netlog erfuhr. Circa 400 der 600 Schülerinnen und Schüler an der von ihm geleiteten Zürcher Oberstufe verfügen über einen eigenen Netlog-Zugang. Wie unbedarft sich die Schülerinnen und Schüler im Internet präsentieren, schockierte ihn. Die Kinder publizierten neben sehr persönlichen Angaben teils erotische und rassistische Bilder, die sie mit ihren Handy-Kameras knipsten. Die herablassenden Äusserungen einzelner Schülerinnen und Schüler über ihre Lehrpersonen machten den Schulleiter fassunglos.

Die Vorgänge in dieser Zürcher Schule sind besorgniserregend: «Es nutzen viel mehr Kinder und Jugendliche Netlog, als gemeinhin angenommen wird», erklärt Matthias Fuchs, Leiter des Bereichs Medienlernen an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Netlog ist im Schatten von Facebook praktisch unbemerkt zur wichtigsten Community von Kindern und Jugendlichen gewachsen - und das in rasendem Tempo. Die Folge: Nicht nur an den Eltern, auch an den Lehrkräften und Behörden ist das Thema bis anhin mehrheitlich vorbeigegangen. «Sie haben vielerorts noch gar nicht bemerkt, in welchem Ausmass das Community-Portal Verbreitung gefunden hat», so Fuchs. Immer wieder zeige sich, dass der Umgang mit der Online-Kommunikation bei den Beteiligten deshalb Ratlosigkeit und Überforderung hervorrufe.

Portal auch bei 5. und 6.-Klässern verbreitet

Wie weit diese gehen kann, zeigt ein Beispiel aus einer weiteren Zürcher Gemeinde: Wie Recherchen von Newsnetz zeigen, wurde dort eine Schule für einen Tag geschlossen, nachdem die Lehrkräfte bemerkt hatten, dass sie im Internet gleich Dutzendweise von ihren Schülern beschimpft wurden. Was bei Lehrkräften zudem die Alarmglocken schrillen lässt: Das Community-Portal übt bei immer jüngeren Schülern eine grosse Anziehungskraft aus: «Mittlerweile ist das Portal auch schon auf Mittelstufe, also bei 5.- und 6.-Klässlern verbreitet», erklärt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Lehrerinnen und Lehrer-Verbands Zürich. Sie beurteilt die zunehmende Verbreitung von Netlog «tendenziell als Gefahr».

Die Pädagogen sehen sich im Umgang mit Netlog vor allem mit zwei Problemen konfrontiert. Erstens gehen die Jugendlichen äussert unvorsichtig mit ihren privaten Angaben zu ihrer Person um – selbst intimste Details werden preisgegeben. So präsentieren sich auf Netlog minderjährige Mädchen leicht bekleidet in lasziver Pose - ein gefährlicher Fehlgriff, wie Fachleute finden. Denn damit setzen sich die Jugendliche laut Fuchs der Gefahr des Missbrauchs durch Erwachsene aus: «Sie sind sich nicht bewusst, wie einfach es ist, ihren Wohnort und weitere wichtige private Informationen über ihre Person zu finden – auch wenn sie nur mit einem Nickname registriert sind.»

«Erschreckend oft Strafanzeigen»

Zweitens fehlt den Jungen das Unrechtbewusstsein. Sie schreiben auf Netlog alles über ihre Lehrer und Mitschüler – Schmähungen und Hasstiraden genauso wie Liebesbekundungen - in der fälschlichen Annahme, sie würden sich in einem geschlossenen, privaten Kreis befinden. «Mache ich fehlbare Jugendlichen darauf aufmerksam, dass sie mit ihrem Verhalten Gesetze übertreten, sind sie völlig überrascht», so Fuchs. Dabei zeigt sich, dass die Beschimpfung von Lehrern oder Mitschülern im vermeintlich privaten Raum, schnell zu einem Fall für die Justiz werden kann. Doch wird Fuchs und sein Team gerufen, ist die Lage zumeist schon eskaliert: Polizei und Jugendanwaltschaft sind eingeschaltet, bei Eltern und Lehrer herrscht die helle Empörung.

«Es kommt erschreckend oft zu Strafanzeigen», stellt auch Nadia Garcia der Beratungsstelle Elternet.ch fest. Sie weist darauf hin, dass Kinder oft unnötig vor den Kadi gezerrt werden. «Es ist normal, dass Kinder und Jugendliche auf dem Pausenplatz über Lehrer und Mitschüler lästern. Tun sie dies jedoch im Internet, können solche Äusserungen rasch einen Straftatbestand erfüllen. Das ist den Kindern nicht bewusst.» Garcia fordert deshalb ein Umdenken: «Bevor die Kinder kriminalisiert werden, sollten sie deshalb entsprechend aufgeklärt werden.»

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Online-Plattform Netlog gemacht? Sind Ihnen Vorfälle mit dem Community-Portal bekannt, die an Schulen zu Problemen führten? Schreiben Sie uns ta-lokal.newsnetz@tages-anzeiger.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2008, 17:32 Uhr

37

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

37 Kommentare

heinz wurster

Melden 1 Empfehlung

@ Silvio Imper kann dir doch egal sein, wie sie sich präsentieren. Antworten


Dario L

Melden

@Silvio Imper: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich glaube zwar dass Aufklärung der Eltern von Jugendlichen unter 14 Jahren hilft, bei über 14 Jährigen andere Mittel notwendig werden. Die Werte der Gesellschaft haben sich geändert, die Jugendlichen sind nur ein Abbild von uns. Darum, liebe Erwachsene (nicht nur Eltern, alle sind damit gemeint) zeigt den Kindern und Jugendlichen wieder was Liebe ist. Liebe ist übrigens nicht, jeden Tag ein neues Spielzeug, sondern Liebe ist, sich mit den Kindern auseinander zu setzen und sich Zeit zu nehmen. Für diejenigen denen es schwer fällt die Werte wieder zu finden rate ich: befasst euch damit, was Jesus uns gelehrt hat. Ihr werdet feststellen dass dies wunderbare Botschaften sind die uns auch noch in der heutigen Zeit helfen können. Dazu muss man weder die Bibel lesen noch einer Kirche beitreten. Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.