Ciceros Kopf, Catulls Sperling

Es ist Lateintag in Brugg – Gelegenheit, die alte Sprache wieder einmal zu feiern. Ihre Welt könnte wilder und farbiger nicht sein.

Das Amphitheater von Vindonissa – anlässlich seiner Wiedereröffnung (2011). Foto: Keystone

Das Amphitheater von Vindonissa – anlässlich seiner Wiedereröffnung (2011). Foto: Keystone

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Vor zwei Wochen war ich mit einem Freund in Brugg und Umgebung. Wir schauten uns die Habsburg an, die Kirche von Königsfelden, das Amphitheater von Vindonissa. Dann ging es ins Vindonissa-Museum. Hunderte ausgegrabener Dinge machen dort das Leben der Legionäre in der Garnisonsstadt von einst anschaulich. Hübsch etwa Öllämpchen, die verziert sind mit sehr, sehr unanständigen Darstellungen kopulierender Pärchen.

Just in Brugg und Windisch findet heute der «Schweizerische Lateintag» statt. Die wiederkehrende Veranstaltung hat laut ihrem Trägerverein das Ziel, die Wertschätzung des Lateins zu fördern und Latein als Schulfach zu stützen. Wie kann das funktionieren? Meiner Ansicht nach ist Freude alles. Passion. Und jene Gegenwärtigkeit, die ich im Museum verspürte.

Ein Spiel der Varianten

Die Gründe, die genannt werden, wenn Leute fürs Latein plädieren, sind ja oft ein wenig humorlos und sehr erwachsen; so wie ein Studienberater redet. Falsch ist das alles nicht: Latein hilft wohl wirklich beim Lernen anderer europäischer Sprachen. Seine Grammatik ist ein Skelett, das immer wieder neu Körper wird; Erscheinungen wie Gerundium oder Vokativ trifft man in anderen Sprachen wieder. Latein ist eine Matrix oder auch Metasprache.

Latein schule das Denken, heisst es auch. Tatsächlich erinnere ich mich gern daran, wie wir vor 35 Jahren in der Kantonsschule Trogen zäh Livius und Tacitus Satz um Satz ins Deutsche übersetzten; wie verschieden man doch einen NCI, einen «nominativus cum infinitivo», wiedergeben konnte! Dieses Spiel der Varianten erweitert die Ausdrucksfähigkeit; es ist doch wohl kein Zufall, dass Saftwurzeln der deutschen Sprache wie der St. Galler Journalist Niklaus Meienberg mit Latein imprägniert sind oder waren.

Und auch das ist korrekt: Latein erleichtert das Verstehen und Gebrauchen klingender Fremdwörter wie «effeminiert», «prokrastinieren», «Inkrement». Durchaus zutreffend die Theorie, dass jener in Gesellschaft eventuell punktet, der lateinische Ausdrücke in seine Sprache streut und sich so von der Masse jener absetzt, die mit der Allerweltssprache Englisch beeindrucken wollen. «Easy» sagen alle, «lente» wenige.

Alles wichtige Gründe fürs Latein. Allerdings fehlt mir in solchen Argumentationen stets das Wilde. Das Schäumende. Die Ur-Emotion. Um noch einmal in die eigene Geschichte zu steigen: 1975 war ich 13 Jahre alt. Ein Sohn aus einfacher Familie im appenzellischen Bauerndorf Hundwil. Einige Wochen noch, dann würde ich in der Kantonsschule Latein lernen. Bereits hatte ich mir das Lehrbuch «Ars Latina» besorgt.

Vorzeitig öffnete ich es und stürzte in einen Schacht. In den Urgrund der abendländischen Bilder. Es begann die Entdeckung einer Welt, die farbiger, blutiger, wilder, erotischer nicht hätte sein können: Cicero auf der Flucht, wie er in Meeresnähe den Kopf aus der Sänfte streckt, den ihm die Häscher abhacken, um ihn in Rom öffentlich auszustellen. Die Secessio Plebis, jener Urstreik und Auszug aus der Stadt, mit dem das Volk sich damals mehr Rechte erkämpft haben soll. Oder Catulls Verse an den Vogel seiner Freundin: «Sperling, süssester Liebling meines Mädchens. Du, mit dem sie auf ihrem Schosse spielet. Dem sie, naht er, die Fingerspitze hinhält. Den zu mutigem Biss sie neckisch aufhetzt.»

So war das damals, so ist es geblieben: Latein als Wucht, als Sinnes-Lawine, als Kino der Kraft­fantasien aus zwei Jahrtausenden. Denn bekanntlich endet die Sprache nicht mit dem Untergang Roms; es folgen das Mittelalter, der Humanismus, die Neuzeit bis zu den Enzykliken heutiger Päpste. Und immer seit meiner ersten Lektion dieses Gefühl, dass ich Mitglied eines exklusiven Clubs bin. Ein stolzer Knobler, der in Zürichs Pfalzgasse die verklausulierte Inschrift auf der Kopie eines antiken Grabsteins zu entziffern sucht. Lucius Aelius Urbicus wurde nicht einmal zwei Jahre alt. Sein Vater stand der römischen Zollstation zu Turicum vor.

Ein rumorender Zombie

Wer Latein versteht, wird reicher. Er wird zum Indiana Jones oder aber zum Meister-Entzifferer Champollion in einem Land voller Römer-Reminiszenzen – vom Miliarium (Meilenstein) im waadtländischen Entreroches bis zur Wegsäule auf dem Julierpass. Latein, liest man oft, sei eine tote Sprache. Doch eigentlich ist es eher eine untote Sprache; was könnte faszinierender sein als dieser rumorende Zombie, der uns Tag für Tag heimsucht. Und übrigens strotzt auch dieser Artikel vor lateinischen Wörtern.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.11.2014, 19:40 Uhr)

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