Die Chaoten trötzelen, und Bern bleibt das nette Mami

Der neue Berner Stadtpräsident zeigt sich «deprimiert» über die jüngsten Ausschreitungen. Ist die Stadt ein Fall für die Psychiatrie?

Linksautonome Krawallmacher: Ist es bloss eine Phase?

Linksautonome Krawallmacher: Ist es bloss eine Phase? Bild: Adrian Moser/Keystone

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Kinder in der Trotzphase sind die Pest. Kein Anlass zu unbedeutend, um sich nicht zeternd und schreiend auf den Boden zu werfen und ihre Mitwelt in den Wahnsinn zu treiben. Und oft auch die Mutter, denn trotzende Kinder kann man mit keinerlei Massnahmen beruhigen. Es geht ihnen ja genau darum, Grenzen zu erfahren und jede Mutter kennt den Impuls, den schreienden Balg einfach aus dem Fenster zu werfen. Aber man liebt das Kind ja und weiss, es ist bloss eine Phase. Sie geht vorbei.

In der Trotzphase

Berns trotzendes Kind ist die gewaltbereite linksautonome Szene. Nur dauert diese Trotzphase nun schon mehrere Dekaden. Für ein entsprechendes Kind hätte man längst psychiatrische Massnahmen eingeleitet, aber Berns linksautonome Szene ist eben kein Kind, sondern ein Phänomen. Sie entwickelt sich nicht wie ihre Akteure, sondern bleibt lernresistent. Berns Problem mit der Gewalt ist denn auch keine notwendige und zu überwindende Phase, sondern ein Symptom der spezifischen politischen und sozialen Situation Berns.

Die Krawallmacher in Bern wollen ihre Aktionen als «Widerstand» verstanden wissen, gegen die Räumung besetzter Häuser, für «mehr Freiraum», gegen Polizei, Staat und Kapital. Das sind Anliegen, die in linken Kreisen auf Sympathie stossen, weshalb die Stadt mit Dialog, mit Angeboten, etwa zur Zwischennutzung leer stehender Wohnflächen darauf eingeht. Doch unser Trotzkind will keine Zwischennutzungen, will keine Regeln vorgeschrieben bekommen, es will auch keine Lösung. Denn Lösung würde ja bedeuten, mit dem Feind zusammenzuarbeiten.

In die Psychi

Als im Januar mit Alec von Graffenried in Bern nach zwölf Jahren ein neuer Stadtpräsident gewählt wurde, mögen sich einige Wähler einen Aufbruch erhofft haben. Aber von Graffenried hat von Alexander Tschäppät nicht nur das Büro im Erlacherhof übernommen, sondern auch die altbekannten Probleme mit den Linksautonomen. Und offensichtlich auch Tschäppäts Politik des Schulterzuckens. Man hätte sich vom neuen Stapi neue Ideen erhofft, einen neuen Ton, zumindest ein neues Wording, um der Situation zu begegnen. Aber von Graffenried reagierte, als hätte er noch nie etwas von linksautonomer Gewalt gehört. Man kennt den Refrain des Lieds zur Genüge: Er zeigte sich «enttäuscht» von der Gewaltbereitschaft, hinter der er keine politischen Motive erkenne. Das deprimiere ihn. Aber Fehler seien keine gemacht worden, und es sei nun Aufgabe der Justiz, die Gewalt zu sanktionieren. Die Politik müsse halt weiter «den Dialog suchen».

Diese Antwort auf die Gewalteskalation ist nur als Verdrängungsleistung ernst zu nehmen – oder als Bekenntnis zur Impotenz. Wir fassen frei nach Müslüm zusammen: «Bambele, lass es la bambele, schuld sind immer die andere. Wo habe ich mein Cüpli abgestellt?» Gegen solche Ratlosigkeit tönte Natalie Ricklis Vorschlag, nämlich die Chaoten einmal einfach durch die Stadt ziehen zu lassen, erfrischend originell. In der Psychologie nennt man das paradoxe Intervention, es würde sicher manchem Sympathisanten die Augen öffnen.

Auch in der Reitschule, die zwar ganz viel Gutes tut und trotzdem Teil des Problems ist. Doch sie distanziert sich immer nur von der Gewalt, nie von den Tätern, die in ihrem Haus ein und aus gehen. Derweil rufen die Krawallbrüder auf Facebook weiter zur Gewalt auf: «Das System, welches Eigentum durch Staatsgewalt garantiert, greifen wir an. Aus diesem Grund entschieden sich einige Demoteilnehmende, die Fensterscheiben und Eingangstüren der UBS in der Länggasse zu zerschlagen.» Die Ansage ist klar: Solange der Kapitalismus nicht abgeschafft ist, werden sich die Autonomen weiterhin auf den Boden werfen und täubelen, derweil die Linken die Gewalt verurteilen, aber «Solidarität» und Verständnis signalisieren. Danach kann jeder seine Depression mit Champagner ersäufen.

So falsch es ist, die Reitschule für die Gewalt verantwortlich zu machen: Sie muss sich endlich der Grundsatzfrage stellen, ob sie nicht proaktiver gegen ihr Trotzkind, die demokratiefeindlichen Linksautonomen, vorgehen muss. Und die Stadt muss das einfordern. Ein derart in der Trotzphase verhaftetes Kind müsste man in die Psychi einliefern – und sei es nur zum Schutz der psychischen Gesundheit der Mutter. Bern lässt es lieber darauf ankommen, dass am Schluss die Mutter eingeliefert wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 15:39 Uhr

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