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Die lange Fahrt von Zürich nach Zürich-West

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 16.11.2008 8 Kommentare

Am Samstag feierten die SBB das 150-Jahr-Jubiläum der ersten Bahnfahrt von Zürich nach Bern. Eine Reise in eine tief zerstrittene Vergangenheit.

Machte mächtig Dampf: Eine prächtige Dampflokomotive zog den Jubiläums-Sonderzug.

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Bild: Keystone

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Mürrisch schaut Alfred Escher die Bahnhofstrasse hinunter. Ausgerechnet er, der als liberaler Unternehmer und Politiker so wenig Staat wie möglich wollte, muss zur Kenntnis nehmen, dass die UBS den Bundesrat um Steuermilliarden angegangen ist. Dass es nicht seine Bank war, kann ihn nicht trösten.

Könnte er sich umdrehen und von seinem hohen Sockel zum Zürcher Hauptbahnhof hinuntersteigen, ginge es ihm sofort besser, dem Eisenbahnkönig, der die Schweiz im 19. Jahrhundert mit Schienen hatte überziehen lassen. 300’000 Passagiere nehmen hier jeden Tag den Zug oder die S-Bahn, die Schweiz betreibt das dichteste Bahnnetz der Welt.

Langsam mit Volldampf

Vor 150 Jahren fuhr erstmals ein Zug von Zürich über die Lorraine-Brücke nach Bern. Seither hat sie sich zur meistbefahrenen Strecke des Landes entwickelt. Zur Feier dieser Beschleunigung transportierten die SBB an diesem Samstag eine Hundertschaft von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Verkehr von Bern nach Zürich, und zwar so umständlich wie möglich: über Baden und Brugg mit einer Dampflokomotive und Waggons aus den Dreissigerjahren, dann mit einer Elektrolok nach Olten und von dort mit ganz neuen Wagen über Herzogenbuchsee und Burgdorf zum neuen Wankdorf-Bahnhof kurz nach Bern.

Die Fahrt in die Hauptstadt verlangsamt sich zu einer Fahrt in die Vergangenheit. Die Lokomotive pfeift, die Kolben stossen, der Zug knirscht und rattert an den Fabrikgebäuden und der zersiedelten Vorstadt vorbei das Limmattal hinunter. Auf der harten Holzbank in der dritten Klasse sitzt Kurt Schreiber und schaut melancholisch zum Fenster hinaus. «Früher ist man gereist», sagt der Vizepräsident von Pro Bahn, der über Lokomotiven wie über Freunde redet, «heute wird man transportiert.»

Früher sah man auf die Landschaft, heute fährt man zwischen Lärmschutzwänden. Früher hatte der Kondukteur einen steifen Hut, heute trägt er einen Ohrring. Früher rauchten draussen die Lok und drinnen der Stumpen, der Wind fegte durchs Fenster herein, und der Zug ratterte über die Schwellen. Heute gleitet man unter Glas durch die Agglomeration, lautlos und schnell; und das Einzige, was noch raucht, ist das Atomkraftwerk Gösgen.

Wie der französische Philosoph Paul Virilio anmerkt, hat die schnellere Fortbewegung alle langsameren überwunden; die Beschleunigung überholt die Langsamkeit, der Weg ist nicht mehr das Ziel. Doch die schnellen Verbindungen zwischen Zürich und Bern täuschen. Bis heute bleiben die Spannungen zwischen den Städten spürbar. Das wird bei Elmar Ledergerbers Perronrede deutlich, dem Zürcher Stadtpräsidenten, der erst ausführlich Alfred Escher zitiert und zuletzt anmerkt, Bern sei damals mit seiner neuen Brücke «der Aufstieg zu Zürich-West gelungen». Das wird in der Antwort von Alexander Tschäppät deutlicher, als man ihn während der Fahrt auf die Rede seines sozialdemokratischen Kollegen anspricht: «Für die Zürcher», sagt er lakonisch, «liegt Bern immer noch in den Niederungen der Provinz.»

In der Herablassung des Zürchers und der Kränkung des Berners klingt noch etwas von dem Hass an, mit dem sich Alfred Escher und Jakob Stämpfli befehdeten, der Zürcher Unternehmer und der Berner Bundesrat. Escher amtete als Zürcher Regierungsrat, er war Verwaltungsratspräsident der Nordostbahn-Gesellschaft und der von ihm gegründeten Kreditanstalt. In Bern politisierte er als Nationalrat, mehrfacher Nationalratspräsident und Präsident mehrerer Kommissionen. Er galt als informeller Führer der liberalen Regierungspartei, die damals alle Bundesräte stellte.

Mit dieser geballten Macht setzte er im Parlament und gegen seinen Ex-Freund Stämpfli durch, die Schweizer Eisenbahnen sollten privat und nicht vom Bund gebaut werden. Escher wollte sicherstellen, dass Zürich nicht durch ein staatliches, von Bern aus gebautes Bahnnetz benachteiligt wurde. Und machte sich daran, von Zürich aus die Schweiz zu verschienen.

Erst kommt Zürich, dann der Rest

Nach mehrstündiger Fahrt bleibt der Jubiläumszug in Bern-Wankdorf stehen, wo die Gäste ins Freie treten, mit Rotwein, Gebäck und Reden leicht gefüllt. Per Bus werden sie zum neuen Hauptsitz der SBB Personenverkehr gebracht, wo sie mit weiteren Reden bedacht werden. Schon damals mussten die Züge ausserhalb der Stadt anhalten, die Gäste stiegen auf dem Wylerfeld aus, das von Äckern umgeben war, und auf die Postkutsche um. Bahnstrecken durchzogen die ganze Schweiz, doch blieben die Züge vor der Aare stehen. Bern hatte den Zug verpasst und verpasste in der Folge auch den Anschluss an die Wirtschaft. 1858 erst begann man mit dem Bau der Lorrainebrücke, sie kostete 1,1 Millionen Franken, 60’000 davon zahlte die Stadt Bern. Am 15. November fuhr der erste Zug aus Zürich im provisorischen Berner Bahnhof ein. «Als er angelangt war», notierte der Berner «Bund», «wurden einige passende Anreden gehalten und hierauf eine kleine Erwärmung eingenommen.» Erst kommt Zürich, dann der Rest

Warm geworden sind die Städte nicht miteinander, obwohl ihre Einwohner im Halbstundentakt aneinander vorbeifahren. Bis heute kommt den Zürchern der Weg nach Bern ungemein lang vor, während die Berner finden, sie hätten alles Nötige bei sich zu Hause.

Immerhin erfuhr Bern noch ein paar Genugtuungen. Escher hatte mit dem Bau der Gotthardbahn angefangen, wurde aber von den Kosten überrollt und vom Parlament zum Rücktritt gezwungen. Eine Finanzkrise und Probleme mit der Sicherheit führten zur Verstaatlichung der grossen Bahnen und 1902 zur Gründung der Bundesbahnen. Seither hat die Schweiz ihre Bahnen laufend weiter ausgebaut. Im Zürcher Hauptbahnhof entsteht ein neuer Tunnel nach Oerlikon. Auch der Berner Bahnhof wird erweitert. Der Zürcher Tunnel soll in 5 Jahren fertig sein, die erste Berner Tranche in 17. Und Alfred Escher, hoch auf seinem Sockel über dem Bahnhofplatz, lacht in seinen eisernen Bart hinein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2008, 21:49 Uhr

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8 Kommentare

Sigi Müller

17.11.2008, 11:54 Uhr
Melden

unpünktliche - überfüllte und verdreckte Züge??? Leute, Ihr wart wohl noch nie im Ausland... Bin viel unterwegs und freue mich immer wieder auf die Schweizer Qualität der Züge!!! Antworten


Jürg Perrelet

15.11.2008, 23:21 Uhr
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Wir danken Herrn Andreas Meyer, CEO SBB, für das farbenfrohe Feuerwerk zu Bern. Hätten wir das vorher gewusst, wären wir das von uns finanzierte Feuerwerk anschauen gegangen und hätten uns nicht gefragt, wer denn da so viel Geld in die Luft jage, um seinen Geburtstag zu feiern. Antworten



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