Die zwei Seiten der Schweizer Waffenkultur

Trotz hoher Waffendichte gilt die Schweiz weitherum als vorbildliches Waffenland. Doch die Tat von Daillon im Wallis zeigt, dass es auch eine andere Seite gibt.

Waffen als Hobby: Ein Waffensammler posiert mit einem Gewehr in einem Waffengeschäft.

Waffen als Hobby: Ein Waffensammler posiert mit einem Gewehr in einem Waffengeschäft. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweiz wird immer wieder als Nation mit hoher Waffendichte vorgeführt. Eine spezielle Waffenkultur aber verhindere gehäufte Gewaltverbrechen mit Schusswaffen, so der Mythos. Im Sinne einer langen Tradition und Geschichte nämlich, so heisst es jeweils, werde den Schweizer Mannen zusammen mit dem Aushändigen der Schusswaffe nicht nur das Ideal der Wehrhaftigkeit, sondern auch ein hoher Sicherheits- und Selbstverantwortungsanspruch eingebläut. Doch stimmt das?

Niedrige Gewalt-, hohe Suizidrate

Genaue Zahlen zur Verbreitung von Waffen in der Schweiz gibt es nicht, aber laut Schätzungen dürften hierzulande zwischen 2,3 Millionen und 4,5 Millionen Waffen im Umlauf sein. Bei einem Land von rund acht Millionen Einwohnern hat die Schweiz damit eine der höchsten Waffendichten pro Kopf weltweit – hinter den USA, dem Jemen und Serbien. Dennoch ist die Gewaltrate punkto Schusswaffen vergleichsweise niedrig. Laut einem UNO-Report aus dem Jahr 2010 waren in der Schweiz pro 100'000 Einwohner 0,5 Tötungsdelikte mit einer Schusswaffe zu beklagen – was im Vergleich zu den USA mit einer zehnmal so hohen Quote von 5 Tötungen pro 100'000 Einwohner vergleichsweise niedrig anmutet. Dagegen ist die Selbstmordrate mit 200 bis 300 Suiziden durch Schusswaffen in der Schweiz relativ hoch.

Obwohl sich seit den Nullerjahren eine verstärkte Opposition gegen die Schweizer Waffenkultur formiert hat, da es immer wieder zu sogenannten Familiendramen mit Armeewaffen kommt, wurde vergangenes Jahr die Waffeninitiative knapp abgelehnt. Diese hätte den Waffenbesitz in der Schweiz grundsätzlich verboten. Für den Erwerb sämtlicher Waffen wäre ein Bedarfs- und ein Fähigkeitsnachweis nötig gewesen, den die Initianten Polizisten, Schützen, Jägern und Waffensammlern vorbehalten wollten. Serienfeuerwaffen und Pump-Action-Gewehre hätten nicht mehr im Privatbesitz sein dürfen, die Armeeangehörigen hätten nach der Dienstzeit ihre Waffe abgeben müssen. Da das Volk die Initiative verwarf, besteht in der Schweiz weiterhin das Recht auf Waffenbesitz. Für den Kauf von Pistolen, Revolvern, Pump-Action-Gewehren oder Sturmgewehren wird zwar ein Waffenerwerbsschein verlangt, und die kantonalen Waffenbüros registrieren den Erwerb von Feuerwaffen. Aber nach wie vor lagert jeder Armeeangehörige seine persönliche Waffe zu Hause – sofern er sie nicht im Zeughaus abgibt.

Überdurchschnittlich viele Familienmorde

Waffenbefürworter argumentierten im Abstimmungskampf mit der Selbstverantwortung der Waffenträger und mit einer Sicherheitskultur, welche die Väter in der Schweiz ihren Söhnen weitergeben würden und die dafür sorge, dass die Schweiz trotz hoher Waffendichte eine relativ geringe Mordrate mit Schusswaffen aufweise. Das gilt jedoch nicht für den häuslichen Bereich. Tatsache bleibt nämlich, dass es in der Schweiz überdurchschnittlich viele Familienmorde mit anschliessendem Selbstmord gibt, wobei Schusswaffen eine zentrale Rolle spielen. In 43 Prozent der Fälle wird eine solche verwendet, bei Schweizer Tatpersonen sogar in 67 Prozent der Fälle. Bei Morden im häuslichen Bereich werden in 84 Prozent der Fälle legale Schusswaffen verwendet.

Ob der Täter im Wallis in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Opfern stand und wie seine Tat eingeordnet werden kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.01.2013, 14:00 Uhr)

Die schwersten Gewaltverbrechen mit Schusswaffen in der Schweiz

24. Mai 2011: In Schafhausen BE erschiesst der 35-jährige Schweizer Mieter bei der Zwangsräumung einer Wohnung einen 39-jährigen Polizisten mit seiner Armeepistole. Einen weiteren Polizisten verletzt er am Oberarm. Der Täter war aus medizinischen Gründen aus der Armee entlassen worden, ordentlich abgerüstet wurde er aber nicht.

8. September 2010: Der 67-jährige Bieler Peter Hans Kneubühl wehrt sich gegen die Zwangsräumung seines Hauses und verschanzt sich darin. Als die Polizei anrückt, schiesst er auf einen Polizisten und verletzt ihn schwer. Der Rentner besitzt ein ganzes Waffenarsenal, aber keinen Waffenschein.

30. April 2006: Die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet und ihr jüngerer Bruder Alain werden in Les Crosets VS vom getrennt lebenden Ehemann mit dessen Dienstpistole erschossen. Anschliessend begeht der Täter Suizid.

29. März 2004: Ein 43-jähriger Landwirt erschiesst in Escholzmatt LU seine Frau, seinen Bruder, dessen Gattin und den Sozialvorsteher. Dann richtet er sich selbst. Tathintergrund waren familiäre Probleme.

27. September 2001: Der 57-jährige Friedrich Leibacher erschiesst aus Wut auf die Behörden im Zuger Kantonsparlament 14 Personen mit einem Sturmgewehr und einer Repetier-Schrotflinte, anschliessend erschiesst er sich selbst.

2. April 1993: Ein 54-jähriger Angestellter der Berner Bedag Informatik läuft am Arbeitsplatz Amok und erschiesst zwei Menschen, bevor er sich selber umbringt. Offenbar hatte er familiäre Probleme und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz.

31. August 1990: Ein in Geldnöten steckender Zürcher Bijoutier erschiesst bei einem Amoklauf in Zürich und Rickenbach TG fünf Menschen, darunter seine Frau und beide Kinder. Zudem verletzt er vier Personen, bevor er sich selbst umbringt.

16. April 1986: Der Chef der Baupolizei der Stadt Zürich, Günther Tschanun, erschiesst nach Spannungen an seinem Arbeitsplatz im Zürcher Hochbauamt vier Kollegen und verletzt einen fünften schwer. Er wird zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Artikel zum Thema

Sein Onkel wollte ihn zur Vernunft bringen

In Walliser Weiler Daillon hat ein 33-Jähriger drei Dorfbewohner getötet. Der Mann war arbeitslos, hatte einen Vormund und lebte von der IV. Der Bluttat ging offenbar ein Streit mit seinem Onkel voraus. Mehr...

US-Bürger decken sich mit Waffen ein

Nach dem Amoklauf in Newtown befürchten die Amerikaner ein Verbot und kaufen offenbar vermehrt Schusswaffen. Laut dem FBI ist die Zahl der Zulassungsprüfungen im Dezember um 49 Prozent gestiegen. Mehr...

«Waffen waren ihr Hobby»

Hintergrund Nancy Lanzas Sohn richtete in Newtown ein Blutbad an. Bekannte beschreiben sie als grosszügig und gesellig, aber distanziert. So liess sie niemanden in ihr Haus. Mehr...

Umfrage

Nach dem Dreifachmord im Wallis: Braucht die Schweiz ein schärferes Waffengesetz?

Ja

 
53.8%

Nein

 
46.2%

6710 Stimmen


Bildstrecke

Bluttat in Daillon VS

Bluttat in Daillon VS Drama im Wallis: Im Dorf Daillon hat ein Mann drei Menschen erschossen und zwei weitere verletzt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored Content

SBB animiert zum Stillstehen

Sparen beim Fahren: Nachlesen und zwei Tageskarten 1. Klasse gewinnen.

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Heisse Escorts?

Erotische Erlebnisse mit Escorts? Es gibt besseres!

Die Welt in Bildern

Präsentieren ihre Herbstmode: Die Felle dieser Schafe im nordenglischen Troutbeck sind mit fluoreszierendem Orange gefärbt, wodurch Viehdiebe abgeschreckt werden sollen. (29. September 2016)
(Bild: Oli Scarff) Mehr...