Hintergrund

«Irland hatte 1,28 Milliarden Euro gesprochen»

Die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen fordern finanzielle Entschädigung. Anders als in der Schweiz kam es im Ausland bereits zu Zahlungen. Was das für die Schweiz heisst, sagt Historiker Thomas Huonker.

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Herr Huonker, der Bundesrat will die Geschichte der Verdingkinder und anderer Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen historisch und rechtlich aufarbeiten. Entschädigungszahlungen blieben bisher ausgeklammert. Betroffene fordern vier Milliarden Franken. Ein Recht auf Entschädigung gibt es allerdings nicht. Die Ansprüche sind verjährt.
Formalrechtlich betrachtet stimmt das vielleicht. Es gibt aber auch übergeordnete rechtliche Grundsätze. Zum Beispiel, dass geschehenes Unrecht gesühnt werden muss. Betrachtet man das aus dieser Warte, gibt es durchaus ein Recht auf Entschädigung. Sonst wäre es im Ausland auch nicht zu entsprechenden Regelungen gekommen.

Wie hat das Ausland das Problem gelöst?
Angemessen wurde es in Irland gehandhabt. Der Aufarbeitungs- und Entschädigungsprozess ging Hand in Hand. Damit Entschädigungen bezahlt werden konnten, wurde extra ein Gesetz erlassen. So haben die Entschädigungszahlungen eine gesetzliche Grundlage. Wichtig war in Irland auch, dass die katholische Kirche als eine der Haupttäterschaften in den Entschädigungsprozess involviert war. Sie zahlte ein Zehntel der Entschädigungen in Höhe von insgesamt 1,28 Milliarden Euro. Den Rest übernahm der Staat.

Hierzulande müsste wohl auch der Bund die Hauptlast der Entschädigungen berappen.
Was falsch wäre. Die Gemeinden und Kantone müssten mindestens genauso zur Kasse gebeten werden, denn sie haben grösstenteils die Einweisungen gemacht. Sie haben durch die Wahl von billigen Plätzen Ausgaben gespart. In der Schweiz ist die Täterschaft vielschichtiger. Man müsste einen anderen Schlüssel wählen als in Irland. Wichtig sind auch Organisationen der Täterseite wie der Bauernverband, die Heimverbände, die gemeinnützige Gesellschaft – und durchaus auch die Kirchen aller Konfessionen.

In welchem Rahmen würden sich die Entschädigungen belaufen?
Vor zehn Jahren hat Irland 1,28 Milliarden Euro gesprochen. Das scheint mir ein Rahmen zu sein, der auch in der Schweiz realistisch ist. Zumal es der Schweiz finanziell besser geht. Aber man muss sicherlich die Zahl der Opfer berücksichtigen und kann nicht einfach eine Gesamtsumme vorhersagen.

Und wer bekommt Geld? Nur jene, die geschlagen und gequält wurden?
Es müssen leicht eruierbare Kriterien sein. Der Aufwand eines für die Entschädigungshöhe pro Opfer zuständigen Gremiums sollte überschaubar sein. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass teure Fachgremien über minimale Entschädigungen befinden würden. Eine Verteilung nach dem Prinzip Giesskanne ist demgegenüber besser.

Das heisst, dass alle Betroffenen entschädigt würden.
So weit sie es noch erleben. Die Forderungen der Betroffenen sind ja in der Schweiz über Jahrzehnte hinweg übergangen worden. In Kanada berücksichtigte man die Anzahl Jahre einer Fremdplatzierung. Wobei man sagen muss, dass auch kurze Fremdplatzierungen sehr traumatisierend vor sich gehen konnten. Und bei Zwangssterilisationen geht es nicht um den Zeitfaktor des Eingriffs, sondern um die lebenslangen Folgen. Mit einer möglichst unkomplizierten und grosszügigen Entschädigungspraxis verhindert man, dass das Verfahren demütigend für die Betroffenen wird.

Wie Sie sagen, hatten nicht alle Verdingkinder eine schlechte Vergangenheit.
Ja, glücklicherweise. Es gab auch sehr anständige Pflegeeltern. Bei einer Entschädigung nach dem Giesskannenprinzip wäre es ähnlich wie bei der AHV. Auch Millionäre erhalten die AHV. Für diejenigen, die keine Entschädigung wollen, wäre die Schaffung eines Fonds sinnvoll. Darin könnten solche, die es gut hatten, ihren Entschädigungsanteil einzahlen und denjenigen zusätzlich zur Verfügung stellen, die eine schwierigere Vergangenheit hatten. Diese Möglichkeit kann man anbieten. Das wäre gut für alle.

Wie regelten Deutschland und Österreich die Entschädigungszahlungen?
Die Regelung in den Nachbarländern ist komplexer. Es gibt direkte Entschädigungen und solche in Form von monatlichen Renten. Auch hierzulande würde es Sinn machen, einen Teil der Entschädigungen in Form einer Zusatzrente auszuzahlen, weil viele Betroffene heute nur von der AHV leben – ohne zweite oder dritte Säule.

Warum ist es wichtig, dass man die Opfer mit Geld entschädigt?
Viele von ihnen wurden mehrfach sexuell missbraucht oder immer wieder ohne Grund oder aus kleinstem Anlass geprügelt und anderswie misshandelt. Die Schäden sind ähnlich schwerwiegend bei Opfern gerichtlich beurteilter Verbrechen, die finanziell entschädigt werden.

Nach Opferhilferecht kann jenen aber finanziell bisher nicht geholfen werden.
Ja, weil sie nur in sehr wenigen Fällen Opfer von Verbrechen sind, die Gegenstand eines Gerichtsverfahrens waren. Das ist eine bizarre Situation, weil die Opferhilfe-Organisationen jetzt in vielen Kantonen auch zur Anlaufstelle für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen erklärt wurden. Bei gewissen Gruppen funktionieren die Justiz und die Opferhilfe, während andere Opfer leer ausgehen, weil die Täter unbestraft blieben. Das ist stossend und sollte zumindest durch eine angemessene Entschädigung auch für diese Opfer korrigiert werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2013, 10:12 Uhr

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«Es müssen leicht eruierbare Kriterien sein»: Thomas Huonker, Historiker in Zürich und Verfasser mehrerer Bücher, unter anderem über administrativ Versorgte und Verdingkinder in der Schweiz. (www.thata.ch)

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