Junge beziehen immer häufiger eine IV-Rente

Seit 1995 hat sich die Zahl jugendlicher IV-Bezüger mit psychiatrischer Diagnose praktisch verdreifacht. Experten schlagen Alarm.

Rente statt Arbeit: Jungen Invalidenrentnern fehlt gemäss Fachleuten häufig eine Tagesstruktur.

Rente statt Arbeit: Jungen Invalidenrentnern fehlt gemäss Fachleuten häufig eine Tagesstruktur. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Seit 2003 konnte die Invalidenversicherung (IV) die Zahl der neu gewährten Renten von Jahr zu Jahr reduzieren und so ihre Millionendefizite reduzieren. Einzig bei den jungen Erwachsenen gelang das nicht. Der Grund liegt in der starken Zunahme von Renten wegen psychischer Erkrankungen. Während insgesamt die psychischen Diagnosen gut die Hälfte aller Neurenten begründen, sind es bei den Jugendlichen 70 bis 80 Prozent, vielfach wegen ADHS (Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung) oder Persönlichkeitsstörungen.

Viele dieser jungen IV-Rentner haben den Einstieg ins Berufsleben nicht geschafft, weil sie wegen ihrer psychischen Probleme keine Lehrstelle fanden oder die Ausbildung abbrechen mussten. Manche Jugendliche mit starkem ADHS erhalten deshalb bereits ab 18 Jahren eine IV-Rente. Eine ganze Minimalrente ergibt monatlich 1170 Franken. Dazu kommen in vielen Fällen noch Ergänzungsleistungen, um die Lebenshaltungskosten zu decken.

Eine Auswertung der IV-Statistik illustriert die negative Entwicklung bei den jungen Erwachsenen. Von 2008 bis 2012 betrug die Abnahme aller IV-Neurenten 14 Prozent, seit 2003 gar 50 Prozent. Bei den 18- bis 24-Jährigen nahmen die Neurenten von 2008 bis 2012 um 11 Prozent zu. Bei der Gesamtzahl der Rentenbezüger zeigt sich das gleiche Bild: Insgesamt ging ihre Zahl von 2008 bis 2012 um 7 Prozent zurück, bei den Jungen nahm sie hingegen um 13 Prozent zu.

Fehlanreize im Rentensystem

Seit 1995 hat sich die Zahl junger IV-Bezüger mit psychiatrischer Diagnose fast verdreifacht auf rund 1300 Fälle pro Jahr. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat deshalb kürzlich festgestellt, die Schweiz habe ein gravierendes Problem mit jungen Rentenbezügern. Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch der Kinder- und Jugendarzt Oskar Bänziger, der in Zürich bis vor kurzem den regionalärztlichen Dienst der IV Nordostschweiz leitete. Die IV biete für junge Versicherte «Fehlanreize», sagt er. Junge IV-Bezüger ohne berufliche Ausbildung fänden kaum eine Erwerbsarbeit, bei der sie ein so hohes Einkommen erzielten wie mit Rente plus Ergänzungsleistungen. Deshalb sei der Anreiz gering, aus der Rente herauszukommen.

Bänziger schlägt die Einführung befristeter IV-Renten für unter 25-Jährige vor. Im Gegenzug müssten die jungen Erwachsenen intensiv begleitet und betreut werden. Damit entstünde ein gewisser Druck, mit Unterstützung der IV den Einstieg in die Arbeitswelt zu schaffen. Wenn Junge dagegen eine unbefristete Rente erhielten, fehle ihnen meist die Tagestruktur. Die Folge seien soziale Probleme und die Verstärkung gesundheitlicher Probleme, sagt Bänziger. «Arbeit kann zwar krank machen, keine Arbeit zu haben, aber auch.»

Weiterhin unbefristete Renten müssten jene bekommen, bei denen eine Befristung aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkung keinen Sinn ergebe. Unter den jährlich rund 2000 neuen IV-Rentnern im Alter von 18 bis 24 Jahren befinden sich rund 700, bei denen mit 18 ein Geburtsgebrechen zur Rente führt. Allerdings fallen unter Geburtsgebrechen nicht nur körperliche und geistige Behinderungen, sondern zum Teil auch ADHS-Fälle.

Berufliche Bildung verbessern

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) reagiert nun auf die geringen Erfolge bei der Eingliederung Jugendlicher, indem es die entsprechenden Instrumente verbessern will. Anzusetzen sei etwa bei der Qualität der erstmaligen beruflichen Ausbildung, sagt der für die IV zuständige BSV-Vizedirektor Stefan Ritler. Das BSV prüft in den nächsten Monaten aber auch, ob es Änderungen am bestehenden Rentensystem vorschlagen will, etwa auf einige Jahre befristete Renten.

Bänziger sieht neben der IV auch die Arbeitgeber gefordert. Es brauche mehr Arbeitsplätze, deren Anforderungen den Möglichkeiten der Jugendlichen entsprächen. Mit den heutigen Angeboten schafften Junge mit psychischen Problemen den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt häufig nicht. Jene mit starkem ADHS fänden oft keine Lehrstelle, weil die Ansprüche der Arbeitswelt gestiegen seien, sagt Bänziger. Auch für handwerkliche Lehren seien mathematische Kenntnisse nötig, die die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen überstiegen.

Selbst Bürgerliche zögern

Sozialpolitiker im Parlament reagieren aber zurückhaltend auf Forderungen nach Reformen bei den Jugendlichen. Denn 2013 scheiterten die Einführung eines linearen Rentensystems und die Kürzung der Kinderrenten. Selbst SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi will zunächst die Gründe für derart häufige psychische Krankheiten erforschen lassen. «Wir sind doch keine kranke Gesellschaft.» Zudem brauche es mehr Engagement der Firmen für schwierige Jugendliche, «aber auch die Möglichkeit, Leute zu tiefen Löhnen für wenig anforderungsreiche Arbeiten einzustellen».

Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel könnte sich zwar befristete Renten für Jugendliche bei gleichzeitiger Verstärkung der Eingliederungsmassnahmen vorstellen. Humbel bezweifelt jedoch, dass Änderungen beim Rentensystem zurzeit mehrheitsfähig wären. Die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker stellt sich strikt gegen eine andere Rentenbemessung für Junge. Wer zudem sage, das Rentensystem mache den Verbleib in der Rente attraktiv, unterstelle, dass jemand die Wahl habe zwischen Arbeit und Rentnerdasein.


Häufige psychische Leiden: ADHS und Persönlichkeitsstörung

Zu den häufigen psychischen Leiden, die bei Jungen zu einer IV-Rente führen, gehört ADHS: die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Invalidenversicherung hat allerdings keine Statistik, wie viele Renten pro Jahr wegen ADHS erteilt werden. ADHS-Patienten zeichnen sich durch «Zappelphilipp»-Verhalten, Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen aus. Die Diagnose erfolgt oft im Kindesalter. Lange wurde ADHS als eine auf das Kindesalter beschränkte Entwicklungsstörung betrachtet. Häufig werden Kinder mit Medikamenten behandelt, etwa mit Ritalin. Heute weiss man, dass auch Erwachsene unter ADHS leiden können. Bei ihnen kommen oft zusätzliche psychische Erkrankungen dazu.

Zu den häufig diagnostizierten Leiden bei jungen IV-Bezügern gehören auch Persönlichkeitsstörungen, etwa ängstlich-vermeidende oder die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Häufig suchen die Betroffenen medizinische oder psychologische Hilfe wegen einer Angststörung, einer Essstörung, einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung. (br)

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.02.2014, 06:32 Uhr)

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

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Der Psychologe Niklas Baer leitet die Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland. Er arbeitete an der OECD-Studie «Psychische Gesundheit und Beschäftigung» mit. (Foto: Niklas Baer/zvg)

Die Zahl der jungen IV-Bezüger steigt stetig an, vor allem wegen psychischer Erkrankungen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Die Schweiz steht mit dieser Entwicklung nicht allein da, auch in anderen Ländern nehmen die Invalidisierungen junger Menschen zu. Die Ursachen dafür sind aber schwer auszumachen, ADHS oder andere psychische Störungen kommen bei Jugendlichen effektiv nicht mehr vor als früher. Aber unsere Wahrnehmung hat sich verändert. ADHS ist ausserdem zu einer Modediagnose geworden, die mir bei manchen Fällen fragwürdig erscheint. Die Zunahme der psychisch bedingten IV-Renten hat vielleicht damit zu tun, dass die Toleranz der Lehrbetriebe und Schulen gegenüber schwierigen Jugendlichen gesunken ist und dass es für junge Leute ohne Ausbildung heute schwieriger ist, eine Arbeitsstelle zu finden.

Bildet die Schweiz eine Ausnahme, indem sie diesen jungen Erwachsenen IV-Renten zuspricht?
Nein, das nicht, aber diesen Jungen mit psychischen Störungen eine Rente zu geben, finde ich ganz schlecht. Ich würde 18-, 20-Jährigen keine IV-Rente geben, ausser bei klaren Fällen, wo die Krankheit oder die Behinderung so stark ist, dass eine berufliche Integration nie möglich sein wird. Wir sollten diese jungen Menschen bei der Ausbildung, der beruflichen Integration viel stärker unterstützen. Da die meisten psychischen Krankheiten in der Kindheit und Jugend ausbrechen, führt dies oft zu Schul- und Lehrabbrüchen, und genau hier sollte man ansetzen. Mit einer Rente tut man niemandem etwas zuliebe, der psychische Schaden durch gesellschaftliche Ausgrenzung lässt sich nicht durch finanzielle Sicherheit kompensieren.

Die IV ist bei Rentenentscheiden streng geworden. Wissen Sie, warum bei jungen Erwachsenen diese harte Praxis nicht greift?
Nein, aber die IV ist nicht ganz frei, sondern von den begutachtenden Psychiatern abhängig. Diese sind bei den Jungen offensichtlich pessimistischer geworden, was deren Arbeitsfähigkeit betrifft. Das ist eine negative Entwicklung, zumal die Chance, dass jemand wieder von der Rente wegkommt, bei einem Prozent pro Jahr liegt. Bei den Jungen besteht also die Gefahr, dass sie während 40, 45 Jahren eine IV-Rente beziehen.

Wäre der Übergang zu befristeten Renten, gepaart mit einem intensiven Coaching, eine Lösung?
Nein, eine Befristung ändert wenig. Die Chance ist gross, dass die befristete Rente dann doch in eine definitive Rente umgewandelt wird. Norwegen beispielsweise hat die befristeten Renten wieder abgeschafft. Hinter der Befristung steht die Idee, den jungen Menschen eine Möglichkeit zur Stabilisierung zu geben. Stabilisierung und Verbesserung der Arbeitsmarktchancen erreicht man aber nicht durch passive finanzielle Unterstützung, sondern mit aktiver Hilfe, Ausbildung und Arbeitsversuchen.

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