Nach Skandal zum Chef befördert

Der Gesamtprojektleiter des missratenen 100-Millionen-Projekts Insieme steigt intern auf: Er wird zum Chefinformatiker der Steuerverwaltung befördert.

Technologie hinter alten Mauern: Die Eidgenössische Steuerverwaltung in Bern erhält mit Dirk Lindemann einen neuen Informatik-Chef.

Technologie hinter alten Mauern: Die Eidgenössische Steuerverwaltung in Bern erhält mit Dirk Lindemann einen neuen Informatik-Chef. Bild: Keystone

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In der Eidgenössische Steuerverwaltung gibt es überraschend einen neuen hohen Chefposten: Ab Januar 2013 wird ein sogenannter Chief Information Officer (CIO) Herr über alle Informatikerinnen und Informatiker im Amt sowie die über tausend Computer und Server. Der neu geschaffenen Funktion des Superinformatikchefs untersteht überdies die Verantwortung für Beschaffungen.

Zum Handkuss für den neuen lukrativen Job kommt jener Mann, dessen Projekt im Sommer landesweit wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Direktion der Steuerverwaltung hat den deutschen Staatsangehörigen Dirk Lindemann für den neu geschaffenen Posten des CIO ernannt. Das hat Samuel Tanner, Interimsdirektor des Steueramts, gestern amtsintern bekannt gegeben.

Insieme an die Wand gefahren

Lindemann ist derzeit rein formal noch Gesamtprojektleiter des auf 150 Millionen Franken veranschlagten Informatikprojekt s Insieme. Es hätte sämtliche Informatiksysteme der Eidgenössischen Steuerverwaltung ersetzen sollen.

Doch nach Skandalen und nachdem bereits 100 Millionen Franken verpufft waren, musste das Finanzdepartement das Projekt Ende September als nutzlose Softwareruine beerdigen. Als Grund für den Abbruch gab Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf an, dass die Weiterführung des Projekts mit zu grossen Risiken behaftet gewesen wäre.

Umstrittenes Engagement

Der Deutsche Lindemann hat das Projekt Insieme nicht als Bundesangestellter, sondern als externer Mitarbeiter im Auftragsverhältnis geführt. Er hat die Projektleitung am 1.Oktober 2011 von seinem Vorgänger übernommen. Lindemanns Vorgänger hatte die geeignete Qualifikation als Leiter eines Projekts dieser Grösse erwiesenermassen nicht. Dies hatten mehrere Untersuchungen im Nachhinein ergeben. Als Lindemann die Projektleitung übernahm, stand es bereits schlecht um Insieme.

Lindemann wurde damals notabene ohne öffentliche Ausschreibung und damit gesetzeswidrig engagiert, wie eine Untersuchung später zeigte. Wieweit Lindemann indessen für das Scheitern von Insieme verantwortlich ist, ist in Anbetracht der Fehler seines Vorgängers nicht klar. Lindemann leitete Insieme fast auf den Tag genau ein Jahr, bevor es offiziell beendet wurde. Vor ihm hatten bereits mehrere Gesamtprojektleiter an Insieme gewerkelt.

Staunende Mitarbeiter

Dennoch rieben sich gestern etliche Mitarbeiter in der Steuerverwaltung die Augen, als sie erfuhren, dass Projektleiter Lindemann nun Chefinformatiker wird. Auch in anderen Bundesinstitutionen, die bei Insieme involviert waren, staunte man ob der Ernennung Lindemanns, wie Anfragen ergaben.

Interimsdirektor Tanner begründete die Ernennung Lindemanns zum CIO in einer Mitteilung an die Mitarbeitenden so: In seiner Funktion als Gesamtprojektleiter Insieme habe Lindemann «gezeigt, dass er zur kompetenten Führung eines komplexen Projektes mit sehr schwierigen Rahmenbedingungen fähig ist».

Tanner beteuert in der Mitteilung, der «Abbruch von Insieme» habe «nichts mit der Arbeit von Dirk Lindemann zu tun». Der Interimsdirektor weiter: Man habe Lindemann nach vierzig geprüften Bewerbungen sowie Gesprächen mit sieben Mitbewerbern als besten Kandidaten erkoren.»

Lohn wie Amtsdirektor

Lindemann wird in die Lohnklasse 29 eingeteilt. Dies teilte die Steuerverwaltung auf Anfrage mit. Er ist damit bloss eine bis zwei Lohnklassen unterhalb eines Amtsdirektors eingestuft.

Der Maximallohn seiner Lohnklasse beträgt 184000 Franken im Jahr respektive 14100 Franken im Monat (bei 13 Monatslöhnen).

Laut der Medienstelle wird Lindeman n als CIO «Vorgesetzter aller IT-Ressourcen und -Vorhaben der Steuerverwaltung». Er übernimmt «die fachliche, personelle, finanzielle und organisatorische Leitung der Informatik und sorgt für den reibungslosen Betrieb der IT-Systeme». Lindemann unterstellt wird auch die Leistungsbezugsorganisation mit ihren rund zehn Mitarbeitenden. Sie ist für Beschaffungen zuständig. Sie hat im Rahmen des Insieme-Beschaffungsskandals im vergangenen Sommer für Aufsehen gesorgt. Ihr Chef J.P. L. wurde freigestellt, gegen ihn wird wegen Korruption ermittelt.

Lindemanns Privatfirma

Gemäss dem Online-Berufsnetzwerk Xing hat Lindemann seit 2009 bis heute ein zweites Engagement. Demnach ist er «CEO und Inhaber» der Inovendis AG mit Sitz in Neftenbach im Kanton Zürich. Möglich ist, dass er sein Auftragsverhältnis als Gesamtprojektleiter Insieme über diese Firma abgewickelt hat.

Das wäre grundsätzlich nicht gesetzeswidrig. Ob Lindemann während seiner Zeit als Projektleiter bei Insieme über Inovendis noch andere Tätigkeiten ausführte, konnte indessen nicht ermittelt werden. Die Steuerverwaltung verweigerte Antworten auf Fragen zu Lindemanns Privatfirma. Sie liess auf Fragen zur Inovendis AG bloss verlauten, dass Lindemann bei seinem neuen Posten als CIO «zu 100 Prozent für die Steuerverwaltung tätig» sein werde. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 16.10.2012, 10:45 Uhr)

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