Nicht mehr Auslauf für Schweizer Kühe

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat einen breit abgestützten Kompromiss für mehr Tierwohl verworfen.

Das Rindvieh raus auf die Weide schicken: Daraus wird nun nichts. Foto: Reto Oeschger

Das Rindvieh raus auf die Weide schicken: Daraus wird nun nichts. Foto: Reto Oeschger

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Rund 20 Fachleute umfasste das Gremium. Und vertreten waren viele, die sich sonst selten einig sind: Bauern, Tierschützer, Wissenschaftler, Detailhändler und Mitarbeitende der Bundesverwaltung. Die Runde hatte zum Ziel, die Bestimmungen für die Tierhaltung in der Landwirtschaft zu überarbeiten; das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hatte sie ins Leben gerufen.

Nach mehreren Sitzungen hatte die Arbeitsgruppe den für sie zentralen Vorschlag erarbeitet: Der Bund solle künftig dafür versorgen, dass Rindvieh vermehrt auf der Weide gehalten wird. Damit würde das Tierwohl gefördert. Der Plan war im Gremium breit abgestützt, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen. Tierschützer und Bauern hatten sich für einmal gefunden.

Den Kompromiss ignoriert

Gross war deshalb die Verblüffung, als das Bundesamt im Departement von Johann Schneider-Ammann (FDP) unlängst die Vernehmlassung zum landwirtschaftlichen Verordnungspaket 2017 eröffnete – ohne den Vorschlag der Arbeitsgruppe aufzunehmen. Er werde unweigerlich ans Tierwohl denken müssen, «wenn in Zukunft ein Berufskollege von mir motzt, die in Bern oben würden machen, was sie wollen». So äussert sich in einem internen Rundschreiben ein Mitglied der Arbeitsgruppe.

Treibende Kraft hinter dem abschlägigen Entscheid war die BLW-Geschäftsleitung um Direktor Bernard Lehmann. Als Motiv vermuten Mitglieder der Gruppe finanzielle Gründe. Sie wollten die Bauern für eine verstärkte Weidehaltung belohnen, und zwar mit einer Anhebung der Beiträge aus dem sogenannten Raus-Programm («Regelmässiger Auslauf im Freien»). Zur Einordnung: Im letzten Jahr richtete der Bund 2,8 Milliarden Franken an Direktzahlungen an die Landwirte aus, davon flossen 188 Millionen ins Raus-Programm, also rund 7 Prozent. Die Massnahme, schätzt ein Insider, hätte pro Jahr zusätzlich 30 bis 40 Millionen Franken gekostet.

Höfe, die bald ganz auf die Weide verzichten?

Den abschlägigen Bescheid begründet das BLW auf Anfrage mit Verweis auf die Vernehmlassungsunterlagen. Dort werden jedoch keine finanziellen, sondern fachliche Gründe geltend gemacht. Hintergrund ist das Bauernsterben (im Fachjargon Strukturwandel genannt), das in der Tendenz zu weniger, dafür grösseren Landwirtschaftsbetrieben mit mehr Tieren führt.

Das hat Folgen für das Raus-Programm. Heute müssen Kühe und weibliches Jungvieh, das älter als ein Jahr ist, während der Vegetationsperiode einen guten Teil der Futterration auf der Weide aufnehmen. Wachsen nun die Betriebe, können die Bauern diese Raus-Vorgabe unter Umständen nicht mehr erfüllen, da sie nun mehr Tiere, aber nicht unbedingt mehr Weidefläche und damit Futter haben.

Es sei nur wenigen Betrieben möglich, zum Beispiel für 100 Kühe mehr als 6 Hektaren Weide beim Stall bereitzustellen, sagt Thomas Jäggi vom Schweizerischen Bauernverband, welcher der Arbeitsgruppe angehörte. «In der Konsequenz würden diese Betriebe künftig ganz auf die Weide verzichten. Das wäre schlecht für das Tierwohl.»

«Besser als nichts»

Die Arbeitsgruppe wollte daher die Vorgaben anpassen: Neu hätte es auch erlaubt sein sollen, pro Tier weniger Weidefläche zur Verfügung zu stellen. Heute sind etwa 600 bis 800 Quadratmeter Standard, diskutiert wurde in der Gruppe eine Minimalfläche von 200 Quadratmetern. «So kämen diese Kühe immerhin noch aus dem Stall, was besser als gar nichts ist», sagt Hansuli Huber vom Schweizerischen Tierschutz, der ebenfalls in der Gruppe mitwirkte. Der Vorschlag habe zudem darauf abgezielt, auch Kälber und Mastvieh auf die Weide zu bringen. Ihnen müssen Tierhalter heute gemäss Raus-Vorgaben nur einen kleinen Betonauslauf anbieten.

Das BLW dagegen erachtet eine «hohe Tierdichte» als problematisch.? «Damit wird das Tierwohl nicht verbessert.» Bei regelmässigem Auslauf werde eine solch kleine Fläche sehr stark beansprucht, es bestehe das Risiko eines erhöhten Nährstoffeintrags – was es erschwere, die Umweltziele in den Bereichen Nitrat und Ammoniak zu erreichen. Huber vom STS sagt dagegen, der Vorschlag sei gewässerschutzkonform.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2017, 08:49 Uhr

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