Open Data soll Tausende Arbeitsplätze schaffen

Am 16. September lanciert der Bund ein Open-Data-Internetportal. Verschiedene Bundesämter stellen dort der Öffentlichkeit Behördendaten frei verwendbar über eine zentrale Plattform zur Verfügung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bund verfügt über umfangreiche Datenbestände von hoher Qualität. Heute sind diese Daten dezentral abgelegt. Einen Teil davon will der Bund ab dem 16. September in maschinenlesbarer Form, gratis und barrierefrei auf die Plattform Opendata.admin.ch laden. Die zentrale Datenbank soll es insbesondere Programmierern ermöglichen, Datensätze beliebig zu kombinieren und daraus nützliche Anwendungen zu entwickeln. Davon erhofft sich der Projektverantwortliche Andreas Kellerhals «wirtschaftliches Wachstum, mehr politische Transparenz und eine höhere Effektivität der Verwaltung».

Kellerhals ist Direktor des federführenden Schweizerischen Bundesarchivs in Bern. Die Daten stammen etwa aus den Bereichen Ökonomie, Energie, Umwelt, Verkehr, Finanzen, Wirtschaft oder Gesundheit. Es handelt sich um Bevölkerungs- und Wirtschaftsstatistiken, Klima- und Verkehrsdaten, Staatsrechnungen, Katasterpläne, Gesundheitserhebungen und vieles mehr.

«Unerschlossene Goldmine»

Mit dem Open-Data-Projekt springt die Schweiz auf einen Zug auf, der immer mehr Fahrt aufnimmt. Bei seinem Amtsantritt am 21. Januar 2009 bezeichnete US-Präsident Barack Obama die gesammelten Behördendaten als «nationales Gut, auf das die Öffentlichkeit einen Anspruch hat». Ähnliche Erklärungen gaben in der Folge Frankreichs Präsident Sarkozy (April 2011), Grossbritanniens Premier Cameron (Juni 2011) und EU-Vizepräsidentin Kroes (Dezember 2011) ab. Kroes sagte, die öffentlichen Verwaltungen Europas sässen «auf einer Goldmine, die ein bislang unerschlossenes wirtschaftliches Potenzial birgt: nämlich auf grossen Mengen von Informationen, die von zahlreichen Behörden und Dienststellen angehäuft werden».

Die EU erwartet dank Open Data mittelfristig ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von rund 40 Milliarden Euro pro Jahr. In einer aktuellen Studie, die dem TA vorliegt, schätzt der Bund das wirtschaftliche Potenzial für die Schweiz auf jährlich 900 Millionen bis 1,2 Milliarden Franken.

Daten stehen in gängigen Formaten zur Verfügung

Im April 2012 gab Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf als Präsidentin des Steuerungsausschusses E-Government Schweiz bekannt, man wolle das Thema Open Data mit Priorität behandeln. Ihre Begründung: «Daten, welche im Rahmen der Verwaltungstätigkeit entstehen (. . .), enthalten ein grosses Potenzial für Innovation und eine zusätzliche Wertschöpfung durch Weiterverwendung und Veredelung durch die Privatwirtschaft und können eine erhöhte Transparenz bezüglich der Regierungs- und Verwaltungstätigkeit schaffen.»

Ab dem 16. September werden auf dem neuen Portal rund 400 Datensätze des Bundesamtes für Statistik, des Bundesamtes für Landestopografie (Swisstopo), von Meteo Schweiz, der Nationalbibliothek und des Bundesarchivs zugänglich sein. Kellerhals hofft, dass in der sechsmonatigen Pilotphase auch noch Daten des Bundesamts für Gesundheit und solche von verschiedenen Kantonen dazukommen.

Er ist gespannt, was mit dem Rohmaterial passieren wird: «Wir stellen ein Versuchslabor zur Verfügung und hoffen, dass einfallsreiche Geister aus den Daten Nutzen generieren.» Angesprochen sind Programmierer und Firmen, Parteien, Verbände, Medien und Verwaltungen. Den typischen Einzelnutzer stellt sich Kellerhals als «jung, urban, technisch versiert und kreativ» vor. Wer Datensätze herunterladen will, braucht lediglich einen Internetanschluss. Die Daten stehen in gängigen Formaten zur Verfügung. Gelungene Applikationen sollen auf der Plattform des Bundes vorgestellt werden.

Spital der Wahl

Welche konkreten Anwendungen erwartet Kellerhals? Es gehe «um neue Informationsdienstleistungen», sagt er ein wenig vage. Im Ausland gebe es Beispiele: Apps, die es erlauben, das beste Spital für einen bestimmten Eingriff zu finden. Oder Tools, die Informationen zu Verkehr, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und der sozialen Durchmischung eines Quartiers kombinieren. Voraussetzung für das in der Studie prognostizierte Wirtschaftswachstum seien natürlich kommerziell erfolgreiche Applikationen und neue Open-Data-Geschäftsmodelle, räumt Kellerhals ein. Klare Vorstellungen, wohin die Reise geht, gibt es – wie in den Anfängen des Internets – allerdings noch nicht.

Im Ausland ist der Wettbewerb in vollem Gang. Bereits liegen Hunderte von Open-Data-Visualisierungen und -Applikationen vor. Am weitesten sind die USA und Brasilien, gefolgt von einigen europäischen Ländern, allen voran Grossbritannien. In der Schweiz veranstaltet der 2012 gegründete Verein Opendata.ch halbjährlich «Hackdays», an denen Projekte diskutiert und realisiert werden. «Es herrscht Aufbruchstimmung», sagt André Golliez, Vereinspräsident und Mitinhaber der Zürcher IT-Beratungsfirma Itopia.

Strikt im legalen Bereich

In Genf kommen vom 16. bis 18. September an der «Open Knowledge Conference» die Aushängeschilder der Bewegung zusammen, darunter Rufus Pollock, Direktor der globalen Open Knowledge Foundation und Spiritus Rector der Community. Pollock berät unter anderem zusammen mit Sir Tim Berners-Lee, dem geistigen Vater des World Wide Web, die britische Regierung.

Die Vision besteht darin, nach dem Vorbild des World Wide Web ein «Web of Data» zu schaffen, zu dem auch eine weltweite Sammlung von Behördendaten gehört. Es soll allen möglich sein, in diesem Data-Space zu recherchieren, Daten zu kombinieren und in nützlichen Anwendungen anzubieten. Laut Golliez will sich die Open-Data-Community «im Gegensatz zu Wikileaks oder Anonymus strikt im legalen Rahmen bewegen». Man strebe keine Enthüllungen an, sondern wolle neue Werte schaffen. Der Bund wiederum wird laut Kellerhals keine Daten veröffentlichen, die es ermöglichen, Persönlichkeitsprofile zu erstellen, zum Beispiel über Verursacher von Verkehrsunfällen oder Bezüger von Sozialleistungen oder Subventionen. Auch dürfe das staatliche Handeln nicht behindert werden, etwa durch die Publikation von Radarstandorten.

Open-Data-Bewegung begrüsst Pilotprojekt

Kellerhals hofft auch auf einen staatspolitischen Nutzen: «Mit der Kombination und Präsentation von Daten könnte die öffentliche Diskussion wichtiger Themen belebt werden.» Ein Beispiel dafür war kürzlich im TA zu sehen, als der Politgeograf Michael Hermann das international verbreitete Klischee infrage stellte, wonach die Schweiz ein besonders rassistisches Land sei. Daten aus einer öffentlich zugänglichen OECD-Umfrage unter Ausländern zeigten ein anderes Bild: In der Schweiz wohnhafte Ausländer fühlen sich deutlich weniger diskriminiert als solche in Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien.

Der Bund erwartet dank Open Data auch eine gesteigerte Effizienz der Verwaltung. Die Zugriffsmöglichkeit aller Ämter auf die zentrale Plattform könne Arbeitsprozesse vereinfachen. Laut Studie soll sich Open Data «für den Bund budgetneutral umsetzen» lassen. «Die Open-Data-Bewegung begrüsst das Pilotprojekt des Bundes», sagt Golliez. Die föderalistisch ausgerichtete Initiative biete auch Kantonen und Gemeinden die Möglichkeit, ihre offenen Daten mit wenig Aufwand zugänglich zu machen: «Zusammen mit der Plattform des Bundes könnte so schrittweise ein Open- Data-Space für die Schweiz entstehen.»

Als Rahmen für diese Aktivitäten wird der Bundesrat voraussichtlich noch während der Testphase des Pilotprojekts eine nationale Open-Data-Strategie verabschieden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.09.2013, 07:05 Uhr)

Artikel zum Thema

Zürichs «digitaler Safe»

Als erste Stadt der Schweiz öffnet Zürich der Öffentlichkeit seine Behördendaten. Zudem können Nutzer künftig Lohnausweise und Steuerdaten in einem «hochsicheren» Daten-Safe ablegen. Mehr...

Bund nimmt sich ausländischer Rassismus-Vorwürfe an

Badi-Verbot, «Täschligate»: Die ausländische Kritik an der Schweiz wächst. Die Rassismuskommission untersucht nun die Schweizer Asylpolitik. Dabei sind vielen die Kampagnen der SVP ein Dorn im Auge. Mehr...

Comparis erstattet Strafanzeige gegen Bersets Generalsekretär

Exklusiv E-Mails zeigen, wie der Bund einen angeblichen Hackerangriff für eine Attacke gegen den grössten Schweizer Internetvergleichsdienst nutzte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored Content

Spassfaktor nach oben offen.

Das C-Klasse Cabriolet von Mercedes-Benz feiert grosse Schweizer Premiere.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...