Schweiz
Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten
Von Martin Furrer. Aktualisiert am 18.10.2012 8 Kommentare
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Beim Nachrichtendienst des Bundes (NDB) klaut ein Angestellter brisante Daten. Die Verantwortlichen vernachlässigen ihre Aufsichtspflicht. Parlamentarische Ermittler müssen deshalb Licht ins Dunkel bringen. Die Schweiz hat wieder einmal einen Geheimdienst-Skandal – und Nationalrat Philipp Müller einen schrecklichen Verdacht: «Dilettantismus» habe sich breitgemacht im Nachrichtendienst, sagt der FDP-Präsident. Er könne nur noch «staunen» ob so viel Unprofessionalität.
Staunen? Nicht doch. Der «Dilettantismus» am Sitz des NDB an der Papiermühlestrasse 20 in Bern, im Volksmund «Pentagon» genannt – er war schon immer ein treuer Begleiter seiner Bediensteten. Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten gehören seit Urzeiten zum Geschäft.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs besteht der Schweizer Ausland-Nachrichtendienst aus bloss zwei Generalstabs-Obersten. Die bringen es aber fertig, durch ihr seltsames Verhalten im Volk ein Misstrauen zu säen, das bis heute virulent zu sein scheint. Die beiden Offiziere lassen nämlich den deutschen und österreichischen Militärattachés regelmässig das Nachrichtenbulletin des Schweizerischen Generalstabs zukommen. Sie lösen eine Affäre aus. Das verräterische Duo wird disziplinarisch bestraft und 1916 aus der Armee entlassen. Eine erfolgreiche Premiere helvetischer Aufklärungstätigkeiten in Feindesland sieht anders aus.
Spionage in Österreich
Ende der Siebzigerjahre lacht das Ausland herzlich über einen eidgenössischen Agenten. Der kann sich nicht Bond, James Bond, nennen, sondern bloss Schilling – Kurt Schilling. Der Betriebsberater aus dem Kanton Zug wird, penibel, aber wahr, 1979 von der österreichischen Polizei als Spion verhaftet. Schilling hat sich beim Beobachten eines Manövers des österreichischen Bundesheeres allzu auffällig verhalten.
«Ich sollte herausfinden, wie lange Österreich einem Angriff aus dem Osten standhalten könnte», gibt Schilling zu Protokoll. Der Auftrag stammt von Oberst Albert Bachmann. Er hat parallel zum offiziellen damaligen Geheimdienst «Untergruppe Nachrichten und Abwehr» einen geheimen Dienst auf die Beine gestellt. Aus Bachmanns Organisation bildet sich 1981 neben der Geheimarmee P-26 auch der geheime, illegale Nachrichtendienst P-27. Beide werden 1990 aufgelöst.
Die Öffentlichkeit habe «ein falsches Bild des Nachrichtendienstes», klagt 2006 Hans Wegmüller, damals Chef des strategischen Ausland-Nachrichtendienstes, der 2010 mit dem Inland-Nachrichtendienst für Analyse und Prävention zum NDB fusioniert wurde: «Von unserer erfolgreichen Arbeit, etwa der Verhinderung eines Anschlags, erfährt man meist nichts. Und wir können ja nicht beweisen, dass ein Anschlag wirklich stattgefunden hätte.»
«Glasnost im Pentagon»
Eigentlich sollte 2001 alles besser werden. Da verspricht Verteidigungsminister Adolf Ogi vollmundig «Glas-nost im Pentagon». Zuvor hat, einmal mehr, eine skurrile Geschichte das Land in Atem gehalten. Ein gewisser Dino Bellasi, Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes, veruntreut 1999 Geld und errichtet ein geheimes Waffenlager. Er behauptet, der damalige Geheimdienstchef Peter Regli habe ihm den Auftrag gegeben. Bellasi, zu Zuchthaus verurteilt, nimmt die Behauptung später zurück. Regli wird gleichwohl vorzeitig pensioniert. Und Ogi setzt eine Kommission ein, die den Nachrichtendienst reformieren soll.
Ende gut, alles gut? Nicht wirklich. Als der Bundesrat 2009 Markus Seiler zum neuen SND-Chef macht, verspricht der oberste Boss aller Schweizer Inland- und Ausland-Agenten gar, er werde den «besten Nachrichtendienst der Welt» aufbauen. Doch heute kann Seiler froh sein, wenn er seinen Job nicht schon bald wieder los ist.
Um den besten Schweizer Nachrichtendienst aller Zeiten zu finden, muss man weit zurückblicken. In den 1940er-Jahren agiert Hans Hausammann mit seinem legendären «Büro Ha» so geschickt, dass seine private Organisation in den Armee-Nachrichtendienst integriert wird. Er beschafft sogar Informationen aus dem Oberkommando der deutschen Wehrmacht.
Seither konnte sich der Nachrichtendienst kaum Medaillen an die Brust heften. Die Dilettanten-Etikette hingegen – sie klebt hartnäckig am Revers. (Basler Zeitung)
Erstellt: 18.10.2012, 12:33 Uhr
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8 Kommentare
Wegen 5 Fehlern in 96 Jahren von "Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten gehören seit Urzeiten zum Geschäft" zu schreiben ist etwas hart bzw. effekthascherisch. Es liegt in der Natur der Sache, dass in diesem Geschäft Erfolge aus quellenschutzgründen nicht vermarktet werden. Antworten

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