Hintergrund

Schweizer Löhne sind gut verteilt

Die Ungleichheit der Einkommen hat in den Nullerjahren zwar zugenommen. Im Vergleich mit dem Ausland steht die Schweiz aber gut da.

So (un)gleichmässig sind tiefe und hohe Einkommen verteilt: Der Gini-Koeffizient ist ein Mass für die Verteilungsgerechtigkeit. Er geht von null bis eins. Null bedeutet, dass alle gleich viel Lohn erhalten. Eins bedeutet, dass einer alles erhält. Je tiefer der Gini-Koeffizient, desto gleichmässiger verteilt sind die Einkommen.

So (un)gleichmässig sind tiefe und hohe Einkommen verteilt: Der Gini-Koeffizient ist ein Mass für die Verteilungsgerechtigkeit. Er geht von null bis eins. Null bedeutet, dass alle gleich viel Lohn erhalten. Eins bedeutet, dass einer alles erhält. Je tiefer der Gini-Koeffizient, desto gleichmässiger verteilt sind die Einkommen. Bild: TA-Grafik

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Der Name des italienischen Faschisten Corrado Gini hat Konjunktur. Der bekannte Jurist, Mathematiker und Ökonom (1884–1964) schrieb unter anderem die «Wissenschaftliche Basis für den Faschismus», an dem Italien später scheiterte. In seinem Beruf als Chefstatistiker Italiens erfand er aber auch ein heute international anerkanntes Mass für die Verteilung von Löhnen: den Gini-Koeffizienten. So ist dieser Wert in der Abstimmungsdebatte zur 1:12-Initiative in den Fokus gerückt. Je höher der Gini-Koeffizient, desto ungleicher die Verteilung. Ein Wert von null hiesse, dass alle Löhne gleich hoch wären; einer von eins hiesse, dass einer alles bekommt.

Die Befürworter der Initiative, über die am 24. November abgestimmt wird, argumentieren mit der steigenden Ungleichheit der Löhne. Die Gegner dagegen sagen, diese seien nicht ungleicher verteilt als früher. Was stimmt nun? Die Antwort lautet: Es kommt auf die statistische Auswertung an. Als bedeutendste Referenz gilt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der von ihr publizierte Vergleich des Gini-Koeffizienten für Einkommensungleichheit wird am häufigsten zitiert. Er zeigt, dass Slowenien den besten Wert ausweist (0,24); die Unterschiede in den Haushaltseinkommen sind dort am kleinsten. Die Schweiz (0,30) ist besser als der OECD-Schnitt (0,32), aber schlechter als vergleichbare europäische Staaten wie Dänemark (0,25), Belgien (0,26) und die Niederlande (0,29). Auf den hintersten Plätzen liegen Spanien (0,32), Italien (0,34) und Portugal (0,35). Die wirtschaftlich erfolgreichen USA liegen mit 0,38 knapp vor der Türkei, Mexiko und Chile.

Ausbildungssystem als Plus

Die letzte Gini-Auswertung wurde laut OECD in den späten Nullerjahren erhoben und entspricht der heutigen Realität womöglich nicht mehr exakt. Zudem wird bei der Gini-Auswertung das freie Haushaltseinkommen verglichen: Was mehrere Personen in einem Haushalt zusammen verdienen und was sonst noch eingenommen wird, wie Zinsen, Dividenden, Mieten, Subventionen und Renten.

So hat die OECD weitere Gini-Koeffizienten geschaffen, darunter zwei, die die Verteilung der Arbeitseinkommen vergleichen. Nimmt man die Löhne der Vollzeitangestellten als Mass, so erreicht die Schweiz mit 0,245 den tiefsten Wert überhaupt unter den 34 OECD-Staaten. Die Schweiz ist demnach das Land mit der gleichmässigsten Lohnverteilung; besser als Dänemark (0,26), Finnland (0,27) und Schweden (0,28) – also besser als nordische Staaten, die häufig als Vorbilder für gerechte Verteilung von Ressourcen genannt werden. Das hat auch die Denkfabrik Avenir Suisse festgestellt, deren Autor Patrik Schellenbauer daraus folgerte: «Ein liberales Arbeitsrecht und flexible Lohnbildung müssen nicht zu mehr Ungleichheit führen, im Gegenteil.» Er führt die gleichmässige Lohnverteilung auf das duale Ausbildungssystem zurück, dank dem man es mit einer Lehre und späterer Fachhochschule lohnmässig ebenso weit bringen kann wie mit einer universitären Karriere.

Relationen verschieben sich

Der Haken: Wenn man nicht nur die Vollzeit-, sondern auch die Teilzeitlöhne einbezieht, steigt die Ungleichheit in allen Ländern, die Relationen verschieben sich. Der Gini-Wert für die Schweiz fällt da auf 0,49 zurück, bei einem OECD-Schnitt von 0,55. Und die skandinavischen Länder überholen die Schweiz. Schellenbauer erklärt dies mit der Tatsache, dass in der Schweiz viele Teilzeitbeschäftigte nur ein bis drei Tage die Woche arbeiten (vor allem Frauen) und dass diese Teilzeitler unterdurchschnittlich tief entlöhnt werden.

Die Schweizer Löhne sind heute im Vergleich mit den vergangenen Jahren ungleicher verteilt. Das belegt eine Auswertung des Bundesamts für Statistik für den TA: Der Gini-Koeffizient im Jahr 2000 betrug 0,236. 2010 lag er bei 0,258. Dieser Umstand stützt die Ansicht des Gewerkschaftsbundes, dass sich tiefe Löhne mittelmässig entwickeln, während der Mittelstand kaum reale Lohnerhöhungen spürte. Richtig zugelegt haben Kaderlöhne, je nach Betrachtung und Lohngruppe um 20 bis 30 Prozent. Der Mittelstand konnte sich einen bescheidenen Anteil am wachsenden Lohnkuchen nur dank Fleiss sichern, schreibt Ökonom Schellenbauer: «Er musste einen grösseren Arbeitseinsatz und eine höhere Anstrengung leisten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2013, 08:53 Uhr

Verdienen sie zu viel? Manager im Gespräch. (Bild: Keystone )

Ungleichverteilung der Löhne seit 2000. (Bild: TA-Grafik kfm/Quelle: BFS, OECD. Avenir Suisse)

Slowenien

Gerechte Vereilung
Eigentlich sieht es gar nicht gut aus für Slowenien. Die Rezession hat das kleine Land am Südrand der Alpen besonders hart getroffen. Die Wirtschaftsleistung wird dieses Jahr um über drei Prozent zurückgehen. Das Bruttoinlandsprodukt soll erst 2015 wieder steigen, und dann nur schwach.

Es gibt aber auch gute Nachrichten aus dem nördlichsten Nachfolgestaat des zerfallenen Jugoslawiens. Die Diskrepanz zwischen den niedrigsten und den höchsten Einkommen im Land ist nicht wie in anderen Staaten in der Krise weiter aufgegangen. Im Gegenteil. Slowenien belegt in der Statistik der OECD einen Spitzenplatz: Als Land mit den geringsten Einkommensunterschieden in Europa.

Die Osteuropa-Experten des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sehen den Grund dafür vor allem in starken Arbeitnehmervertretungen. Und in einer ebenso starken Tradition, dass die Sozialpartner Löhne und Gehälter in Kollektivverträgen fixieren. Etwa 95 Prozent aller Arbeitsverträge seien in Slowenien durch Kollektivverträge abgedeckt, sagt der Arbeitsmarktexperte Sebastian Leitner.

Die starke Position der Sozialpartner und Gewerkschaften ist ein Erbe der betrieblichen Selbstverwaltung im sozialistischen Jugoslawien. Im Gegensatz dazu sind in Staaten mit vormals reiner Staatswirtschaft (etwa Tschechien, Slowakei, Rumänien, Ungarn) die Gewerkschaften so schwach, dass sie bei Lohnverhandlungen kaum Forderungen durchbringen. Anders als Ungarn, Rumänien, der Slowakei oder die baltischen Staaten hat Slowenien auch nie eine Flattax eingeführt. Dass in der OECDStudie so gut wie alle neuen Mitgliedsstaaten der EU in der Statistik der Einkommensgerechtigkeit auf den besseren Plätzen liegen, habe mit dem geringen Anteil an Kapitaleinkünften zu tun. Einfach gesagt: Anders als in Spanien oder Italien gibt es in Slowenien nicht viele Reiche, die von Zinsen und Aktiengewinnen leben können. Das ist der Grund, warum in den Krisenjahren der Unterschied zwischen den niedrigsten und den höchsten Löhnen deutlich gesunken ist.

Machen geringe Einkommensunterschiede die Slowenen zu glücklicheren Menschen? In letzter Zeit sahen die Städte Ljubljana und Maribor zahlreiche Demonstrationen, die manchmal in Strassenschlachten mit der Polizei ausarteten. Bürgermeister und Regierungen mussten zurücktreten, die Koalitionsregierung ist erst ein paar Monate im Amt. Die Unzufriedenheit richte sich jedoch vor allem gegen die Korruption, sagt Hermine Vidovic, Slowenien-Expertin am WIIW, «die Löhne sind gut und die Kürzungen haben die Leute noch nicht so hart getroffen». Vidovic sagt: «Mit dem neuen Sparpaket der Regierung könnte sich das schnell ändern.»

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