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«Versorgt und vergessen»: Schweizer Verdingkinder

Von Joel Gernet/SDA. Aktualisiert am 06.11.2008 28 Kommentare

Zehntausende Kinder haben in der Schweiz noch bis 1970 das Los von Verdingkindern erlitten. Eine Studie der Universität Basel hat nun erstmals umfassend die Lebensgeschichten von Betroffenen aufgezeichnet. Vierzig dieser Schicksale sind nun in Buchform erschienen.

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Die Buben vor dem Heimleiter, Knabenerziehungsheim Oberbipp, Kanton Bern, 1940.
Quelle: Marco Leuenberger und Loretta Seglias (Hrsg.): «Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen», Rotpunktverlag, Zürich, 2008, ISBN 978-3-85869-382-2
Paul Senn

   

Interaktiv

Ueli Mäder zur Geschichte der Verdingkinder:

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Aus welchen Verhältnissen stammen die Verdingkinder?

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Verdingkinder in der Nordwestschweiz:

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Buch

Marco Leuenberger und Loretta Seglias (Hrsg.): «Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen», Rotpunktverlag, Zürich, 2008; 320 Seiten, Fr. 38.-; ISBN 978-3-85869-382-2

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Die Verdingkinder stammten aus armen oder zerrütteten Familien, waren unehelich geboren oder elternlos und dienten vor allem auf Bauernhöfen als billige Arbeitskräfte. Dem Grossteil der Befragten blieben Sekundarschule oder Berufslehre verwehrt. Viele berichten von Missbräuchen. Etliche Pflegeorte bewerteten sie aber auch als gut.

Laut dem Schlussbericht der Studie sei es «gelungen, einen wichtigen Aspekt der Schweizer Sozialgeschichte aus der Sicht der Betroffenen festzuhalten». Die Forscher führten rund 280 Interviews mit früheren Verdingkindern; 40 davon werden im Buch «Versorgt und vergessen - Ehemalige Verdingkinder erzählen» zusammengefasst (siehe Box links).

Interviews werden archiviert für weitere Studien

Sämtliche rund 280 Gespräche werden archiviert und im Sozialarchiv für weitere Studien zugänglich gemacht. Die Daten werden nun, zusammen mit bereits vorhandenem Archivmaterial, eingehend durchforscht und ausgewertet. Alle Aufzeichnungen sollen zudem ab 2011 über das Schweizerische Sozialarchiv Forschenden und andern Interessierten zugänglich sein. Rund vier Jahre hatte die von den Professoren Heiko Haumann und Ueli Mäder geleitete und von Marco Leuenberger sowie Loretta Seglias durchgeführte Untersuchung in Anspruch genommen.

Gesichert worden sei so ein «wertvoller Quellenbestand». Denn vor allem in der Deutschschweiz wurde das Verdingkinderwesen bisher erst in Ansätzen erforscht. Der Bund lehnte 2005 ein Nationales Forschungsprogramm (NFP) ab, nachdem die Kantone der Meinung waren, die Konsequenzen aus diesem dunklen Kapitel seien gezogen. Laut den Forschern dringend nötig sind nun weitere Untersuchungen. Der Kanton Bern unterstützt ein solches Projekt mit 200'000 Franken, weitere Beträge seien etwa für Luzern und Solothurn geplant.

Verdingkinder auch in der Norwestschweiz

Auch in der Region Basel wurden Kinder auf Bauernhöfen platziert, um zu arbeiten. Von den 280 Befragten stammen fünfzehn aus Basel, berichtet Mäder. Für ihn ist dieses Kapitel politisch noch nicht abgeschlossen: «Ich glaube, dass sich auch die Regierungen in der Nordwestschweiz nochmals mit der Frage beschäftigen werden müssen». Der Hauptanteil der Verdingkinder wurde jedoch im ländlichen Kanton Bern untergebracht, wo ein grosser Bedarf an Hilfskräften herrschte.

Vergessene Schicksale – «Es ist eher der gesellschaftliche Abwehrmechanismus»

Mit der NFP-Studie zu den Verdingkindern gerät nun ein bisher eher stiefmütterlich behandeltes Kapitel der Schweizer Geschichte an die Öffentlichkeit. Dies liege laut Mäder jedoch nicht an der Zurückhaltung ehemaliger Verdingkinder. Viele hätten sich Zugang zu den Archiven verschafft, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. «Es ist eher der gesellschaftliche Abwehrmechanismus, der dazu geführt hat, dass man dieses Thema ausgeblendet hat», meint Mäder. Viele Betroffene kämpften noch heute mit ihrer Vergangenheit und «hätten sich schon lange eine Entschuldigung gewünscht». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.11.2008, 10:38 Uhr

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28 Kommentare

Ernst haft?

06.11.2008, 08:52 Uhr
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Süss. Eine Entschuldigung soll deren "Missbrauch" entschädigen. Geld wäre eher angebracht. Antworten


Fritz Stauber

05.11.2008, 20:14 Uhr
Melden

... eher der gesellschaftliche Abwehrmechanismus - das trifft den Nagel auf dem Kopf! Zumeist ausser- und uneheliche Kinder waren es, und sie wurden von der damaligen - nicht wohlstandsbegünstigten Gesellschaft - geächtet und verstossen. Und waren Frondienstler und Überzählige in einem. Die Schweizer Regierung soll sich deshalb post'um bei den heute noch lebenden Betroffenen formell entschuldigen. Antworten



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