Schweiz

YouTube-Politik stösst an ihre Grenzen

Erstmals hat vor letztem Sonntag ein fast 500'000 Mal vermailtes, personalisiertes Video zum Stimmen motiviert – Politik über Facebook und Youtube jedoch verliert an Reiz.

Quelle: www.weitersagen.ch

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Manch einer staunte nicht schlecht, als er in seiner E-Mail-Box ein Video vorfand, in dem der frühere «Tagesschau»-Sprecher Charles Clerc ausgerechnet ihn – und zwar mit vollem Namen – für das Scheitern der Personenfreizügigkeit verantwortlich machte. Die Idee für das «Verpennt!»-Video hatte das Ja-Komitee der Jungparteien bei Obamas Wahlkampagne abgeguckt.

«Es war der erste Abstimmungskampf in der Schweiz, in dem ein Teil der Mobilisierung übers Internet lief», sagt Politikwissenschafter Claude Longchamp. Das Video wurde vor der Abstimmung über 400'000-mal per Mail verschickt (bis heute waren es 495'000-mal). Theoretisch könnte es bis zu 15 Prozent derjenigen erreicht haben, die abgestimmt haben. Wie viele es tatsächlich waren und wie stark es zur Mobilisierung beigetragen hat, will Longchamp gemeinsam mit der Universität Bern in der Vox-Abstimmungsanalyse herausfinden. Die Resultate liegen in fünf Wochen vor.

Gutes Preis- Leistungsverhältnis

Besonders gespannt auf die Ergebnisse ist Lena Schneller, Präsidentin der federführenden Jungfreisinnigen. «Mich interessiert vor allem, ob mehr Junge abstimmen gingen», sagt sie. Die Video-Aktion hat laut Schneller «einige wenige Tausend Franken gekostet – jedenfalls weniger als ein mittleres Inserat in 20 Minuten».

Longchamp hält die Kommunikation «von Bürger zu Bürger» für die wirksamste Form von Mobilisierung übers Internet. Am geschicktesten im Umgang damit sind die Jungparteien – neben den Jungfreisinnigen vor allem die Jungsozialisten und die Junge SVP. «Wir mobilisieren sehr bewusst übers Internet, weil wir unsere Zielgruppe so am präzisesten erreichen», sagt Juso-Präsident Cédric Wermuth. Die Mobilisierung für ein Sit-in vor der UBS am Paradeplatz zum Beispiel erfolgte in mehreren Wellen. Zunächst testeten die Jusos im Online-Kontaktnetzwerk Facebook, wie gut ihre Forderungen ankamen. Als sie eine hohe Resonanz feststellten, nutzten sie Facebook als Koordinationsplattform: Interessierte konnten sich über bevorstehende Aktionen informieren und Mail- und SMS-Vorlagen holen.

Warnung vor einem Overkill

Das Internet dürfte auch im Abstimmungskampf über die biometrischen Pässe eine wichtige Rolle spielen. Alle Jungparteien – mit Ausnahme der Jungen CVP – treten zusammen auf. Ihre Mitglieder sollen Blogbeiträge schreiben und diese mit Facebook und anderen Plattformen wie Flickr (Fotos) und Youtube (Videos) verlinken. «Eine derartige Werbung im Print könnten wir uns als Jungpartei gar nicht leisten», sagt Wermuth. Auch SVP-Nationalrat Lukas Reimann setzt in diesem Abstimmungskampf aufs «Schneeballsystem». So habe bereits die Unterschriftensammlung fürs Referendum funktioniert.

Einig sind sich die Jungpolitiker, dass gewisse Formen von Internet-Mobilisierung bereits ausgereizt sind. «Facebook wird noch für eine oder zwei Abstimmungen funktionieren», sagt Lena Schneller. Sie sei im Zusammenhang mit den Aargauer und den Walliser Wahlen zum Mitmachen in etwa 30 Facebook-Gruppen angefragt worden. Das ist selbst für sie zu viel. Auch «Youtube-Filmchen sind heute nicht mehr so originell». Überraschend wirksam sei hingegen Werbung auf Doodle, das Online-Umfragen ermöglicht.

Die Rückkehr zum Brief

Auch für Wermuth grenzen gewisse Facebook-Aktionen bereits an Overkill. «Es ist ähnlich wie bei den Spam-E-Mails», sagt er. Vor kurzem ist der Juso-Präsident wieder dazu übergegangen, Briefe zu schreiben, wenn er den Sektionen etwas Wichtiges mitteilen will: «Man darf vergessen, auf ein E-Mail zu antworten. Ein Brief hingegen ist viel verbindlicher.»

Zu denken gibt den Jungpolitikern auch, wie schwierig es sein kann, herauszufinden, wie ernst etwas im Internet gemeint ist. Die Webseite come-to-switzerland.com, die vorgab, deutsche Arbeitslose in die Schweiz zu locken, sei ihr zu weit gegangen, sagt Schneller. Auch Reimann «ist seit letzter Woche kritischer gegenüber dem Internet». Bei Charles Clerc zumindest wurde allen rasch klar, dass diese «Tagesschau» bloss fiktiv war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2009, 23:52 Uhr

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4 Kommentare

Hans-Christi Müller

10.02.2009, 12:53 Uhr
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Na gut: spannend, attraktiv und lustig. Reicht das für eine Abstimmung wie wir sie hatten? Es werden ja genau diese jungen Leute sein, die dann in 10 Jahren - vielleicht mit Familie - dank Personenfreizügigkeit einen Job in Rumänien oder Bulgarien suchen dürfen, weil sie die Arbeitslosigkeit in der Schweiz finanziell nicht mehr überbrücken können. Traurig, auch für das Profil von Herrn Clerc! Antworten


moritz zumbühl

10.02.2009, 10:23 Uhr
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Ihre Quellen Angabe ist falsch. www.weitersagen.ch gibt es nicht. Ansonsten: Angst vom Einflusszerfall? Antworten


tom zimmerli

10.02.2009, 06:34 Uhr
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es war eines der ganz wenigen mails, welches ich je nach dem schneeballprinzip weiterleitete! so lustig ich die idee einmal finde, nächstes mal erwarte ich denselben standard aber eine neue, eine andere idee - und mich nähme wunder, wie so etwas funktioniert. ich unterstütze von-bürgerIn-zu-bürgerIn-abstimmungspropaganda in vollem umfang - so sie qualitativ dichthält, also zum schmunzeln anregt!! Antworten


lucas Kunz

10.02.2009, 01:19 Uhr
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Die «TV Sondersendung» ist eigentlich kein YouTube-Clip. Es ist ein professionell gemachter Film, der über You Tube bei weitem hinaus geht. Dieser Clip war das einzige erbauliche an dieser der Abstimmung vorangegangenen Schlammschlacht. Allen denen ich den Clip weiter schickte, fanden ihn lustig und kreativ. Es gelang mir damit sogar, ein ganzes Büro in Mainz während der Morgenstunden lahmzulegen. Antworten



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