Ist Polanski in diesem Mercedes weggebracht worden?
Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 30.11.2009
Schnurstracks zum Auto: Polanski-Verteidiger Lorenz Erni beim Verlassen des Gefängnisses.
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Der Fall Polanski
Die US-Justiz erliess bereits 1978 einen Haftbefehl gegen den Starregisseur Roman Polanski, weil er im Jahr zuvor in den USA ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt hatte. Seit 2005 ist Polanski international zur Verhaftung ausgeschrieben. Am 26. September wurde er am Flughafen Zürich verhaftet, als er am Filmfestival Zürich einen Preis für sein Lebenswerk entgegennehmen wollte. Seither sitzt er im Winterthurer Bezirksgericht in Auslieferungshaft.
In den nächsten Tagen soll Polanski aus der Auslieferungshaft entlassen werden. Das Bundesstrafgericht hatte am 25. November 2009 entschieden, den polnisch-französischen Starregisseur gegen eine Kaution von 4,5 Millionen Franken in die überwachte Freiheit zu entlassen. Polanski muss seine Reisepapiere abgeben und mit einer elektronischen Fessel versehen in seinem Gstaader Chalet den Hausarrest antreten.
Polanski lebt in Frankreich und ist seit 1989 mit der Schauspielerin Emmanuelle Seigner verheiratet. Mit ihr hat er zwei Kinder. (fsc)
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Seit dem Morgengrauen harren die Medienleute schlotternd vor dem Bezirksgefängnis Winterthur aus, warten darauf, dass der prominenteste Gefangene, den Winterthur je gesehen hat, rauskommt. In bester Gesprächslaune und durch den Haupteingang, wenns geht. Ein paar Erklärungen abgebend – s'il-vous-plaît – bevor er den Kopf einzieht und in das Polizeiauto steigt.
Zuerst betritt aber Polanskis Schweizer Anwalt Lorenz Erni die Bühne, dann ein Dolmetscher. Beide gehen sie durch die schwere Tür des Gefängnis, hinter der die Journalisten den Starregisseur vermuten. Ihr Auftauchen wird als Zeichen gedeutet, dass die Überführung kurz bevorsteht. Warum sonst sollte ein Übersetzer nötig sein, wenn nicht für die Erledigung von letzten Formalitäten? Und was macht wohl Lorenz Erni in den drei Stunden, die er nun schon drin ist? Also: Polanski muss kommen.
Nur: Durch welchen Ausgang? Möglich, dass die Behörden Diskretion anordnen und den Gefangenen nicht vor den Augen der Welt vorführen wollen. Was, wenn sie Polanski durch einen Hinterausgang rausschmuggeln? Dort warten geht nicht, Zuwiderhandlung verboten. Jeder Journalist, der dennoch näher rankommen will, wird von einem Aufpasser abgefangen und weggeschickt. Zwei Kameramänner haben sich deshalb weiter vorne an der Kreuzung aufgestellt. Von hier aus könnte man wenigstens das Auto filmen.
Ist Polanski weg?
Tatsächlich: Kurz vor der Mittagszeit tut sich etwas. Ein weisser Mercedes-Transporter nähert sich dem Gefängnis. Ein Garagentor wird geöffnet, der Kastenwagen fährt hinein. Ein paar Minuten verstreichen. Dann öffnet sich das Tor wieder, der Mercedes fährt heraus. Ob Polanski drin sitzt, ist nicht zu sehen. Aber wenn sie ihn unbemerkt nach Gstaad bringen wollen, dann genau so. Also könnte dieser weisse Mercedes Polanski beherbergen.
Kaum ist der Kastenwagen weggefahren, kommt auch schon der Dolmetscher wieder aus dem Gefängnisgebäude heraus. Wessen Aussagen er gerade übersetzt hat, will er nicht verraten, «aus berufsethischen Gründen». Es gehe um einen französischen Staatsbürger, lässt er sich entlocken. Dann kommt der Anwalt. Mit reglosem Gesicht bahnt er sich den Weg zum Auto, spricht kein Wort, würdigt die drängenden TV-Leute keines Blickes. Dann fährt auch er davon.
Ein Kastenwagen weg, der Dolmetscher weg, der Anwalt weg. Polanski weg? Oder ist der Meisterregisseur noch drin? Lohnt es sich, weiter in der Kälte zu warten, oder taucht der weisse Mercedes bald vor dem Gstaader Chalet auf? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.11.2009, 16:37 Uhr
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