«Wir wurden beide zu lebenslänglich verurteilt»

Aktualisiert am 29.09.2009

Samantha Geimer, die als 13-Jährige von Roman Polanski vergewaltigt wurde, schweigt zur Festnahme des Star-Regisseurs. Was sie über ihren damaligen Peiniger denkt, schrieb sie in einem Zeitungsartikel.

1/29 1 filmfestival cannes 2008.JPG
Ihm drohte immer bei Einreise in die USA Gefängnis: Roman Polanski. Jetzt wurde er in der Schweiz verhaftet. Der Regisseur erschuf internationale Leinwand-Klassiker, darunter «Ekel» (1965 mit Catherine Deneuve), «Tanz der Vampire» (1967), «Rosemary's Baby» (1968), «Chinatown» (1974), «Frantic» (1988) und 2002 der Alterserfolg «Der Pianist».
Bild: Keystone

   
Vor 30 Jahren und heute: Samantha Geimer.

Vor 30 Jahren und heute: Samantha Geimer.

«Richtet seine Filme, nicht den Menschen»: Artikel von Samantha Geimer in der «Los Angeles Times».

«Richtet seine Filme, nicht den Menschen»: Artikel von Samantha Geimer in der «Los Angeles Times».

Interaktiv-Box

Falls der 76-jährige weltberühmte Regisseur Roman Polanski von der Schweiz an die USA ausgeliefert wird, drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft – wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen im Jahr 1977. Das Opfer, Samantha Geimer, schweigt zur Verhaftung ihres Vergewaltigers. Was die 45-Jährige über ihren damaligen Peiniger denkt, ist nachzulesen in einem Artikel, der vor sechs Jahren in der «Los Angeles Times» erschien.

«Es war in keiner Weise einvernehmlicher Sex. Ich sagte Nein, mehrmals Nein, aber er akzeptierte mein Nein nicht. Ich war allein und wusste nicht, was ich tun sollte», schreibt die Frau, die heute als Hausfrau und Mutter von drei Söhnen auf Hawaii lebt und als Bibliothekarin arbeitet. «Im Rückblick war es furchterregend und sehr gruselig. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er etwas Furchtbares getan hat.» Polanski vergewaltigte das Mädchen in der Villa seines Freundes Jack Nicholson. Mit Champagner und Drogen wurde die 13-Jährige zu sexuellen Handlungen verführt.

«Für mich ist er ein Fremder»

«Ich hege keine schlechten Gefühle ihm gegenüber, aber auch keine Sympathie. Für mich ist er ein Fremder.» Dies schreibt Geimer im Zusammenhang mit der Nominierung von Polanski im Jahr 2002 für einen Oscar. Man solle seine Filme richten, nicht den Menschen.

«Er hätte gar nie in die Lage kommen sollen, aus dem Land fliehen zu müssen. Mein damaliger Anwalt schrieb dem Richter einen Brief, in dem er erklärte, dass mit dem Schuldbekenntnis und der vereinbarten Strafe die Schuld aus unserer Sicht gesühnt sei.» Polanski kam 42 Tage unter psychiatrische Beobachtung. Aus Angst vor einer längeren Gefängnisstrafe floh er kurz vor der Urteilsverkündung nach Frankreich.

Geimer setzt sich für ein Ende des Verfahrens gegen den weltberühmten Star ein. Sie leide darunter, dass immer wieder Einzelheiten des damaligen Vorfalls ausgebreitet werden, schreibt sie. Sie habe ihm längst verziehen.

«Ich führe heute ein glückliches Leben»

«Falls Herr Polanski seine Probleme lösen kann, würde mich das freuen. Für mich würde das hoffentlich bedeuten, dass ich nie wieder über das Geschehene reden müsste. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir beide zu lebenslänglich verurteilt wurden.»

«Ich führe heute ein glückliches Leben. Ich habe drei Söhne und einen Ehemann. Ich wohne an einem schönen Ort und geniesse meine Arbeit. Was könnte ich mehr verlangen?» Etwas aber störe sie, schreibt sie weiter. «Was mir 1977 passiert ist, stösst vielen Mädchen immer noch Tag für Tag zu. Dennoch interessieren sich die Leute immer noch für mich, nur weil Polanski ein Star ist. Das kommt mir sehr ungerecht vor.» Samantha Geimer hat einen grossen Wunsch: Sie möchte nicht mehr an das schreckliche Ereignis, das mit Polanski verbunden ist, erinnert werden. (vin)

Erstellt: 29.09.2009, 11:55 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz