Schweiz

Das war die Nacht der langen Messer

Von Hubert Mooser, Reto Hunziker, Roman Weber. Aktualisiert am 16.09.2009 18 Kommentare

In der Nacht der langen Messer hat sich vor allem eines herauskristallisiert: Die Chancen von Christian Lüscher sind massiv gesunken. Der Rest bleibt ein Rechenspiel. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat live aus Bern berichtet.

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23.30 Uhr: Die Bellevue Bar ist rappelvoll.

   
Ausflug ins politische Nachtleben:  Roman Weber (Bilder), Hubert Mooser und Reto Hunziker sind für  Tagesanzeiger.ch/Newsnet unterwegs in Bern.

Ausflug ins politische Nachtleben: Roman Weber (Bilder), Hubert Mooser und Reto Hunziker sind für Tagesanzeiger.ch/Newsnet unterwegs in Bern.

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Die Nacht der langen Messer in Bern

Der erfahrene Bundeshausjournalist Hubert Mooser sowie die Reporter Reto Hunziker und Roman Weber sind für Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor Ort in Bern. Sie berichten live aus der Hotel-Bar des Bellevue Palace über die letzte Nacht vor der Bundesratswahl. Dazu liefern sie Bilder, Zitate, Emotionen und informieren über die letzten Taktiken der Parteien.

Die Nacht der langen Messer beginnt schon am frühen Abend: Wir treffen Daniel Vischer, Chefstratege der Grünen, in der Café-Bar Diagonal. Es ist kurz nach 18.30 Uhr. Wie jeden Abend sitzt Vischer nach der Session im Café zum Apéritif. Er legt gleich los. «Ich habe es immer gesagt: Die SVP wird diese Wahl entscheiden. Wenn im Schlussgang Burkhalter gegen Schwaller steht, hat Burkhalter Vorteile. Trifft Lüscher auf Schwaller, ist Schwaller gewählt», sagt er.

Sein Kollege Louis Schellbert (Grüne) kommt hinzu. Die beiden Politiker stecken ihre Köpfe zusammen. Das Café ist ansonsten fast leer. Andere Politiker haben sich noch nicht hierher verirrt.

19.15 Uhr: Wir machen uns auf die Suche nach SVP-Politikern, um Vischers Prognose zu überprüfen. Doch, wir haben noch nicht mal bezahlt, da kommt die SVP zu uns: Toni Brunner, Christoph Mörgeli und Natalie Rickli treten gut gelaunt ins Diagonal und bestellen ein Bier. Wir stellen zugleich unsere Frage: Entscheidet die SVP die Wahlen? «Nein», sagt Toni Brunner, «die SP entscheidet. Wir haben sie der Lüge überführt. Die CVP wird keine einzige Stimme von der SVP erhalten. Wir haben darüber zu null abgestimmt.» «Sogar die Bauern halten dicht», ergänzt Christoph Mörgeli. «Sie waren sogar beleidigt, weil wir ihnen kritische Fragen gestellt haben und meinten: Wie könnt ihr nur an uns zweifeln?»

Marlies Bänziger («Ich wähle Burkhalter») und Alec von Graffenried von den Grünen diskutieren heftig mit Christoph Mörgeli und Toni Brunner, wer die Wahlen morgen entscheiden wird. Das Diagonal ist nun gut gefüllt mit Politikern und Journalisten.

19.40 Uhr: Wir wollen soeben aufbrechen, da trifft Politologe Claude Longchamp ein. Der Schnelldenker gibt eine Blitzanalyse der Situation: «Für mich ist der Fall klar: Burkhalter machts. Voraussetzung ist, dass die FDP sich nicht spalten lässt.» Er habe eine komplette Analyse dazu längst auf dem Netz bereits aufgeschaltet (www.zoonpoliticon.ch/blog). Nach einer kurzen Foto-Session ziehen wir weiter. Wir wollen sehen, was man von Longchamps Analyse hält.

19.50 Uhr: Wir machen uns auf den Weg zu «Chez Edy», weil hier üblicherweise die CVP vor Bundesratswahlen zu Abend isst. An einem Tisch im Intérieur treffen wir höchstes CVP-Kader: Nationalrätin Thérèse Meyer, Spitzenkandidat Urs Schwaller, Vize-Fraktionschefin Brigitte Häberli-Koller, Ständerat Konrad Graber, Nationalrat Luc Barthassat und Fraktionssekretärin Alexandra Perina-Werz.

Schwaller unterhält sich angestrengt am Telefon. Also sprechen wir zuerst mit Brigitte Häberli-Koller. Sie glaubt nicht, dass in der Nacht noch irgendwelche Abmachungen getroffen werden. «Wir sind immer noch im Rennen», ist sie sich sicher.

Nachdem er aufgelegt hat, konfrontieren wir Urs Schwaller mit den Aussagen von Claude Longchamp. «Soso», sagt Schwaller sec, «wir werden ja sehen». Konrad Graber ist da schon etwas gesprächiger: «Die Freisinnigen sind doch jetzt schon gespalten», sagt er. «Sie haben zwei Kandidaten präsentiert.»

Die Stimmung am Tisch ist gespannt. Nach ein paar Fotos winkt Schwaller ab und wir machen uns davon.

20.30 Uhr: Was für ein Glücksfall: Auf der anderen Seite im Chez Edy sitzt auch Jean-François Rime, der inoffizielle Kandidat der SVP, mit seinen welschen Kollegen André Bugnon und Guy Parmelin. Ist er morgen Kandidat? «Wenn die FDP ihre Strategie nicht ändert und sich so verhält, wie sie es gesagt hat, gibt es keinen Grund, dass ich kandidiere», sagt er. «Mit meiner Kandidatur werden wir uns alle Möglichkeiten offen lassen.» Nutzt die SVP seine Quasi-Kandidatur als Aufwärmphase, um den zweiten Sitz der SVP zurückzuholen? «Es kann noch sehr viel passieren. Wenn es aber soweit ist, dann ist er an der Reihe», sagt er und zeigt auf Kollege Parmelin.

Dieser setzt sich für die Romandie ein: «Wenn Schwaller gewählt wird, dann werden wir darauf pochen, dass der zweite SVP-Sitz in die Romandie kommt. Alle grossen Parteien haben einen Sitz in der Deutschschweiz und in der Romandie. Es gibt keinen Grund, dass es bei der SVP nicht so sein sollte.» Die SVP-Runde widmet sich nun einem munteren Jass.

Ein Tisch weiter sitzt Oskar Freysinger zusammen mit Rechtsanwältin Inge Hochreutener. Auch er ist überzeugt, dass die Bauern die SVP-Stallorder befolgen werden.

21.00 Uhr: Mittlerweile haben mehrere Kamera-Teams im Chez Edy vorbeigeschaut und die Tour bei den anwesenden Politikern gemacht. Vor allem ein Name war dabei im Umlauf: Didier Burkhalter.

Kurz vor unserem Aufbruch tritt CVP-Parteipräsident Christophe Darbellay mit grossen Schritten ins Restaurant. Was sagt er dazu, dass alle von Burkhalter reden? «Ich finde, Didier Burkhalter ist ein grosser Spezialist von Kampfflugzeugen», witzelt er und gesellt sich zu Urs Schwaller an den Tisch.

Wir fragen uns nun: Wo ist die FDP? Auch Bauernvertreter der SVP haben wir noch nicht gefunden.

21:45 Uhr: Wieder haben wir Glück. Wir treffen Stefan Brupbacher, Generalsekretär der FDP, vor dem Café Fédéral. Er ist guten Mutes: «Wir sind zuversichtlich. Ich bin überzeugt, dass einer unserer Kandidaten gewählt wird.» Sein Gefühl spreche für Didier Burkhalter. Die 15 Stimmen, welche die SP Burkhalter zugesichtert haben, seien ein gutes Zeichen.

Drinnen sitzt auch Nationalrätin Christa Markwalder inmitten von anderen FDPlern. Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird viel gescherzt und gelacht. Markwalder will sich jedoch nicht zur Bundesratswahl äussern.

Von den beiden FDP-Kandidaten Burhkalter und Lüscher fehlt jede Spur. Ein FDP-Politiker sagt uns: «Die schonen sich. Sie haben in der Nacht der langen Messer nichts verloren, weil sie Gefahr laufen, sich an den Messern zu verletzen.»

Wir machen uns auf den Weg ins Hotel Bellevue, wo die richtigen Messer gewetzt werden und wo wir auch FDP-Parteipräsident Fulvio Pelli anzutreffen hoffen.

22.30 Uhr: Das Bellevue ist proppenvoll. Journalisten und Politiker stehen sich gegenseitig auf den Füssen. Der Ansturm der Medien ist um ein Vielfaches grösser als noch im letzten Jahr. Grüppchenweise steht man zusammen und diskutiert, spekuliert, interviewt.

22.50 Uhr: SP-Präsident Christian Levrat schwirrt durchs Bellevue und scherzt: «Ich habe den Eindruck, auf einem Journalistenkongress zu sein.» Für morgen wiederholt er seinen Schlachtplan: «In der letzten Runde erhält Lüscher null Stimmen, Burkhalter 15 und Schwaller 25.»

Inzwischen scheint alles, was Rang und Namen hat, im Bellevue zu sein. Aber wo ist Fulvio Pelli?

Hinten in der Bar ist die Hölle los. CVP-Nationalrat Urs Hany zwängt sich durch die Menge. «Da werden die wildesten Gerüchte herumgeboten», sagt er. «Plötzlich heisst es, alle würden nur noch auf Burkhalter setzen.» Er werde morgen früh in den Nationalrat gehen, da seine Stimme abgeben, «und dann sehen wir weiter».

In der Bar treffen wir auch endlich einen Bauernvertreter, Beinahe-Bundesrat und Bauernverbandspräsident Hansjörg Walter, der mit FDP-Vizepräsident Markus Hutter diskutiert. Halten die Bauern tatsächlich dicht, so wie die SVP-Spitze dies am frühen Abend angekündigt hat? «Beim ersten Wahlgang ist alles klar, danach schauen wir weiter wie sich die Situation entwickelt. Politisch ist es wichtig, das der zweite Sitz der FDP erhalten bleibt. Persönlich und als Präsident des Bauernverbandes kann ich mit allen Kandidaten leben».

Und dann ist auch Plötzlich Bundesratskandidat Christian Lüscher in der Bar. Er will zu seinen Chancen gar nichts sagen. «Fragen Sie meine Kollegen», sagt er. Er habe den ganzen Abend mit seiner Familie verbracht und das Fussballsspiel geschaut.

Es ist nun fast Mitternacht, die Hotelhalle und die Bar des Bellevue sind immer noch voll. Vieles spricht für Burkhalter an diesem Abend, doch restlos geklärt sind die Positionen bei weitem nicht. Die Nacht der langen Messer geht weiter, ab jetzt aber ohne uns. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2009, 09:36 Uhr

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18 Kommentare

Hanspeter Vögtli

15.09.2009, 19:49 Uhr
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Pascal Broulis wurde von der liberal-freisinnigen Fraktion nicht nominiert und ist als Kandidat inzwischen völlig in Vergessenheit geraten. Dabei ist er erfrischend selbstbewusst und unbekümmert angetreten, ganz im Gegensatz zu den Kandidaten im Rampenlicht, die mit Taktik und fischiger Schlüpfrigkeit nicht wirklich überzeugen. Eine graue Maus mehr im Bundesrat? Antworten


Jules Wohlmann

15.09.2009, 20:09 Uhr
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Jahrmarkt der Eitelkeiten, persönliche Abrechnung, Strategien zum eigenen Vorteil, an alles wird gedacht ausser daran, dass die Schweiz DIE fähigste Person als neuen Bundesrat braucht, um das schwache Gremium zu stabilisieren. Antworten



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