Schweiz
«Die Minarett-Initiative ist falsch – die Diskussion aber richtig»
Interview Michèle Binswanger. Aktualisiert am 21.10.2009
«Menschen streiten gern über Religion». Johannes Gees.
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Zur Person
Johannes Gees ist Installations- und Performancekünstler sowie Medienproduzent. Bis Mitte der Neunzigerjahre arbeitete er für verschiedenen Medienunternehmen als Redaktor, Bildredaktor Grafiker und Art Director und hat sich seit 1999 einen internationalen Namen als Künstler geschaffen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören communimage, (1999), hellomrpresident (2001) und helloworldproject (2003). Seine Arbeiten umfassen interaktive und kollaborative Laserprojektionen, fotografische Arbeiten, Videoinstallationen und interaktive LED-Installationen.
Sie haben 2007 mit ihrer Kunstaktion «Ruf des Muezzin» grosses Aufsehen erregt – was war Ihre Motivation?
Damals wurde die Minarett-Initiative lanciert, die uns heute beschäftigt. Ich hielt das damals schon für eine Stellvertreter-Diskussion und wollte das mit meiner Arbeit «Ruf des Muezzin» überspitzen.
Zeigen die heftigen Diskussionen nicht, dass die Minarett-Gegner einen Nerv getroffen haben?
Natürlich. Es geht um die Angst vor der Islamisierung, dem Islamismus, um die Stellung dieser Religion in unserer Gesellschaft und ich bin der Meinung, dass man darüber diskutieren muss. In Ländern wie Deutschland oder Holland wird diese Auseinandersetzung einiges härter geführt - vielleicht, weil es da auch mehr Muslime gibt. In der Schweiz fällt mir auf, dass sich gerade die liberalen, kulturoffenen Kreise davor scheuen. Man redet von Multikulti und hat aber kaum eine Vorstellung, was das bedeutet. So gesehen ist diese Initiative, so falsch sie ist, gut.
Warum ist die Initiative falsch? Es mag architektonische Gründe geben, um gegen Minarette zu sein, aber dass Minarette aus religiösen Gründen bekämpft werden, ist absurd, genauso wie die Angst, es könnten bald Muezzins von den Kirchtürmen rufen. Wobei das in anderen Ländern wie den USA oder Holland bereits der Fall ist und zwar, weil die Kirchen leerstehen. Vielleicht wäre das auch ein Modell für die Schweiz.
Sie haben vor zwei Jahren für eine Kunstaktion selber einen Muezzin vom Kirchturm rufen lassen und wurden dafür angezeigt. Wie waren die Reaktionen darauf?
Es war unglaublich. Ich bekam Mails von Leuten, die sagten, sie fühlten sich in ihren persönlichen Gefühlen als Christ verletzt und mich unsäglich beleidigten. Allgemein stelle ich fest, dass die Menschen unheimlich schnell bereit sind, über Religion zu streiten – ob sie nun selber religiös sind oder nicht. Umgekehrt habe ich vor drei Wochen in Den Haag eine Lautsprecherinstallation gemacht mit einem Muezzin und einem Ave Maria. Nach drei Stunden standen 20 junge Marokkaner vor der Galerie und bedrohten den Galeristen. Ich glaube, dass viele Leute bereit sind, die Religion als Grund für Aggressionsabfuhr zu benutzen. Und zwar egal, ob sie selber gross religiös sind oder nicht.
Liegt das vielleicht daran, dass Religion per se etwas Irrationales ist?
Das ist ein guter Punkt. Zum Irrationalen kommt auch noch die Angst, und das ist der Kern des Ganzen. In den letzten zehn Jahren hat sich die religiöse Kulturkampf-Diskussion aufgeheizt, Ost gegen West, Christentum gegen Islam. Die Politiker instrumentalisieren das und ködern die Leute über das Thema. Mit der Minarett-Diskussion wird die Angst bewirtschaftet.
In Basel hat der Regierungsrat die Plakate der Minarett-Gegner verboten – finden Sie das richtig?
Das ist total falsch. Die Plakate sind nicht rassistisch oder frauenfeindlich, sondern völlig normale Propaganda. Ein Verbot ist auch deshalb absurd, weil das genau im Sinn der SVP-Strategen ist. Auf der anderen Seite agiert aber auch die SVP widersprüchlich, wenn sie für ihre Plakate bei jeder Gelegenheit Meinungsfreiheit fordert, und sie nimmt mit diesen Plakaten ja auch öffentlichen Raum ein, setzt Zeichen. Und auf der anderen Seite will sie den Muslimen verbieten, Minarette zu bauen.
Das Argument der Minarett-Gegner ist ja, dass die Muslime mit Minaretten einen Machtanspruch geltend machen – würden Sie das unterschreiben? Man sollte einfach die Relationen bewahren. Wir haben vier Minarette in der Schweiz, in Langenthal besteht ein Baugesuch für ein weiteres. Diesen Minaretten stehen einige Tausend Kirchtürme gegenüber. Das ist die Realität. Die Weltwoche hat es nun geschafft, ein Minarett von ca sechs Metern Höhe mittels Teleobjektiv und Bildausschnitt so gross ins Bild zu rücken, dass es höher als der Kirchturm im Hintergrund wirkt. Das ist auch ein Sinnbild dafür, wie die Minarett-Gegner Angst schüren. Das Perfide an der Initiative ist, dass es einem Schlüer, Reimann oder Köppel völlig egal ist, ob in der Schweiz einige Minarette mehr oder weniger stehen. Aber das Fussvolk glaubt die Botschaft vom Machtanspruch, der von Minaretten ausgehen soll, tatsächlich.
Sie behaupten, es sei wichtig, die Diskussion zu führen – wie stellen Sie sich das vor?
Lustigerweise läuft etwa in Köln die Diskussion gerade umgekehrt. Dort wollte man eine Moschee bauen, dann kamen die kulturkonservativen Kreise und verlangten, dass man da ein Minarett setzen müsse, damit man auch sehe, worum es sich da handelt. Was mich an den Minarett-Gegnern am meisten stört, ist, dass sie so wenig Vertrauen in unsere Kultur zeigen. Unsere Kultur ist stark genug, solchen Minderheiten Raum zu lassen. Letztlich reden die Minarettgegner die Stärke unserer Kultur klein, denn in dieser Auseinandersetzung haben wir die stärkere Position, ja, wir wachsen sogar daran.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.10.2009, 13:12 Uhr
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