«Meine einzige Aufgabe in Libyen war zu überleben»
Von Bernhard Odehnal, Sofia. Aktualisiert am 03.11.2009 26 Kommentare
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Sneschana Dimitrowa
Die heute 56-Jährige wurde 1998 sechs Monate nach ihrer Ankunft in Libyen verhaftet. Der ältesten der fünf Krankenschwestern setzte die Haft besonders stark zu. (TA)
Denken Sie zwei Jahre nach Ihrer Befreiung noch oft an Libyen?
Ich musste mich Gott sei Dank nicht von Libyen lösen, denn für mich war die Freilassung wie das Erwachen aus dem Koma. Ich versuchte, das alles nicht als Wirklichkeit wahrzunehmen: acht Jahre Gefangenschaft als ein langer Albtraum. Das hat mich wohl gerettet.
Dennoch haben Sie diese acht Jahre verändert?
Natürlich. Die psychische Belastung kann man sich kaum vorstellen. Ich bin jetzt noch selten allein in der Stadt unterwegs. Als ich heute Morgen die Wohnung verlassen wollte, traute ich mich beinahe nicht auf die Strasse.
Weil Sie Angst vor Menschen haben?
Es ist wirklich wie nach dem Erwachen aus dem Koma. Ich muss wieder bei null anfangen, Schritt für Schritt in mein altes Leben zurückfinden.
Können Sie noch lachen?
Aber ja! Ich lache viel, weine aber nur mehr selten. Geweint habe ich in den acht Jahren in Libyen genug, ich will keine Träne mehr vergiessen.
Weshalb gingen Sie im Winter 1998 nach Libyen?
Mir ging es wie den meisten Bulgaren: Wir litten unter Wirtschaftskrise und Hyperinflation. Als Krankenschwester konnte ich in Bulgarien 30 Dollar im Monat verdienen, in Libyen 130 Dollar.
Wie wurden Sie dort aufgenommen?
Was Ghadhafi für Libyen bedeutet und dass er allgegenwärtig ist, merkte ich erst in der Haft. Aber sehr bald nach meiner Ankunft musste ich erkennen, dass alles anders war als bei uns. Im Krankenhaus durften die Eltern jederzeit ein- und ausgehen, die Männer durften in den Krankenzimmern rauchen. Kritik wurde uns verboten. Schon damals wusste man von 250 Kindern, die Aids hatten. Noch bevor wir angekommen waren.
Ihre Verhaftung kam überraschend?
Die sechs Wochen vor meiner Verhaftung waren schon sehr seltsam. Diese unglaublich schlechten Bedingungen im Krankenhaus! Hätte ich das Geld für ein Ticket gehabt, wäre ich sofort nach Hause geflogen. Ich hatte eine Vorahnung, dass irgendwas geschehen werde. Aber natürlich nicht das.
Sie wurden im Spital verhaftet?
Wir waren unterwegs zur Nachtschicht. Zuerst wurden uns die Augen verbunden und die Hände gefesselt. Dann mussten wir in einen Bus steigen und wurden nach Tripolis gebracht. Das dauerte eine Nacht und einen Tag.
Erfuhren Sie gleich, warum Sie verhaftet worden waren?
Erst als die Folterungen begannen, sagten sie, während sie mich schlugen: «Gib zu, dass du die Kinder infiziert hast. Oder sag, wer es war.» Für mich war sofort klar, dass wir nur verlieren konnten. Deshalb habe ich den Mund nicht mehr aufgemacht.
Die ersten Wochen waren die schlimmsten?
Die ersten 45 Tage. Wir bekamen nur Wasser, hatten keine Zahnbürsten, durften nicht duschen, mussten dieselbe Kleidung tragen, in der wir verhaftet worden waren. Als ich danach zum ersten Mal unter die Brause durfte, musste mir eine Wächterin helfen, so wund waren meine Hände von den Schlägen. Sie verwendete statt Seife Bleich- und Spülmittel.
Waren Sie alle sechs in einer Zelle?
Nein, wir waren isoliert.
Wie lange wurden Sie gefoltert?
Während der ersten drei Monate wurde immer wieder gefoltert. Danach war die Anklageschrift fertig, und wir wurden nur mehr psychisch unter Druck gesetzt.
Ist das Schlimmste an der Folter der Schmerz oder das Gefühl der völligen Hilflosigkeit?
Körperliche Schmerzen gehen vorbei. Man vergisst sie wieder. Aber der psychische Schmerz bleibt ein Leben lang. Ganz zu Beginn der Torturen dachte ich noch: Das ist ein grosses Missverständnis, das wird schnell vorbei sein. Das war ein Irrtum.
Sahen Sie Ihre Folterer, und kannten Sie ihre Namen?
Uns wurden immer die Augen verbunden. Dennoch konnten wir die Folterer vor Gericht an ihren Stimmen, ihrer Art zu sprechen und ihrem Geruch wiedererkennen. Ich habe damals gelernt, meiner Intuition zu vertrauen.
Kann ein Mensch durch Folter gezwungen werden, die Wahrheit zu sagen?
Das kann ich ausschliessen. Folter kann jedoch eine Lüge legalisieren. Das war in unserem Fall so. Drei aus unserer Gruppe gestanden unter Folter, dass die ganze Gruppe die Infizierungen organisiert habe. Wegen dieser Lüge wurden wir alle zum Tode verurteilt. Ich kannte diese drei zuvor gar nicht, dennoch behaupteten sie von mir, ich hätte Kinder absichtlich infiziert. Bei den späteren Verhören bekam ich immer wieder gesagt: «Es ist egal, was du uns erzählst, wir haben ja die Geständnisse, dass du dabei warst.» Folter führt also nicht zur Wahrheit, sondern zur Lüge, weil man den Schmerz nicht mehr ertragen kann.
Können Sie verstehen, dass Ihre Mitgefangenen unter den Qualen der Folter zu Lügnern wurden?
Ich weiss, durch welche Hölle sie gegangen sind. Wir alle gingen da durch. Ob ich ihnen verzeihe oder nicht, ändert nichts an der Geschichte. Manche ertragen Schmerz länger, andere kürzer. Ich verstehe das.
Sie können verstehen, aber nicht verzeihen?
Zu einer der drei hatte ich während der Gefangenschaft ein angespanntes Verhältnis. Oft sagte ich ihr: Wenn du Reue zeigst, wird es auch für dich einfacher. Erst kurz vor unserer Befreiung entschuldigte sie sich. Ich bin heute glücklich, dass es zu dieser Aussprache kam. Ich konnte ihr verzeihen und habe heute engen Kontakt zu ihr.
Gab es auch für Sie Momente während der Folter, in denen Sie dachten: Ich schaffe es nicht mehr, ich erzähle alles, was die hören wollen?
Niemals. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich mich als schwach empfunden, doch dann überschritt ich eine Schwelle und sagte mir: Du bist unschuldig, sie sind die Bösen. So kam ich mit der Situation klar.
Spielten Ermittler und Folterer in Qadhafis Inszenierung mit oder glaubten die wirklich an Ihre Schuld?
Sie führten nur Befehle aus. Ein einziges Mal zeigte jemand in den ersten Wochen menschliche Regungen: Als ich wieder einmal so zusammengeschlagen wurde, dass ich auf dem Boden lag und mich nicht rühren konnte, kam ein Mann mit Tränen in den Augen zu mir und sagte: «Ich weiss, dass du unschuldig bist, aber ich kann dir nicht helfen.»
2004 wurden Sie zum Tode verurteilt. Glaubten Sie damals, dass die Libyer ernst machen würden?
Keinen einzigen Tag glaubte ich daran. Angst vor dem Tod hatte ich nur während der Folterungen. Während des Prozesses war mir klar, dass das Spiel einfach weiterging.
Ihnen war klar, dass dieses Spiel nur Ghadhafi persönlich entscheiden konnte?
Das war uns allen klar. Wir hatten ja nach einiger Zeit Fernsehen und Radio in den Zellen und wussten, wie unser Fall in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.
Bekamen Sie jemals ein Mitglied der Familie Ghadhafi zu Gesicht?
Seine Tochter besuchte einmal das Gefängnis. Aber wir sahen sie nur aus der Ferne.
Spielte Qadhafis Sohn Saif al-Islam tatsächlich eine positive Rolle?
Nur seinetwegen wurden wir aus dem Gefängnis in ein gewöhnliches Haus verlegt, wo ich endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen konnte und normales Essen bekam. Das kann ich nicht vergessen. In meinem Buch danke ich deshalb Saif al-Islam und seiner Stiftung.
2005 besuchte Sie der bulgarische Staatspräsident in Libyen ...
... ich erinnere mich aber lieber an die Gespräche mit den Vertretern der EU. Bulgarien ist ein kleines Land. Es hat gemacht, wozu es die Kraft hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Aber viele andere haben mitgeholfen: Journalisten und nichtstaatliche Organisationen. Allein hätte das Bulgarien auf keinen Fall geschafft.
Warum wollen Sie nicht über den Besuch von Staatspräsident Georgi Parwanow sprechen?
Es war enttäuschend. Er konnte uns keine Hoffnung geben.
Wäre es besser gewesen, er wäre damals gar nicht gekommen?
Wir wurden von vielen Leuten besucht. Und jedes Mal spürten wir ganz genau, ob jemand wirklich helfen oder nur ein Foto mit uns haben wollte. Zuletzt verhandelten die EU-Aussenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und die damalige Gemahlin des französischen Präsidenten, Cécilia Sarkozy, 48 Stunden lang, ohne zu schlafen. Sie sagten, dass sie Tripolis nur mit den Krankenschwestern an Bord verlassen würden. Sie hatten offenbar die richtigen Argumente. Madame Sarkozy und Frau Ferrero-Waldner waren für mich die Gesichter der Freiheit.
Zwei Schweizer werden derzeit auch von Libyen festgehalten. Wie kann man Ihnen helfen?
Die Geiseln dürfen nicht vergessen werden. Es ist wichtig, dass die Medien jeden Tag über sie schreiben.
Lässt sich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit in der Gefangenschaft irgendwie unterdrücken?
Ich habe im Gefängnis sehr viel geweint. Die libyschen Wächterinnen sagten mir dann: «Es lohnt sich nicht, du bekommst nur Kopfschmerzen, aber ändern kannst du gar nichts. Dein Schicksal liegt nicht in deinen Händen.» Ich habe mir das zu Herzen genommen, ich bin jetzt nicht mehr so emotional wie früher, ich reagiere gelassener auf Schwierigkeiten. Meine einzige Aufgabe in Libyen war zu überleben. Das habe ich geschafft. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2009, 08:20 Uhr
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26 Kommentare
Hut ab und Ehrfurcht vor dieser Frau, und was sie erlebt und überlebt hat. Meine Frage: hat der Bundesrat damals oder jetzt einen Workshop oder ein Brainstorming konkret zu dieser Problematik gemacht. Ja oder Nein? Lobbyisten und politische Berater bleiben draussen! Antworten
Die Geschichte der Krankenschwestern ist sehr viel tragischer als die der schweizer Geiseln und es steht für mich ausser Diskussion diese zu vergleichen. Wir Schweizer bringen es ja nicht einmal fertig im eigenen Land einheitlich aufzutreten mit unseren "Kantönligeist" wie sollen wir da als starkes Land gegen aussen auftreten!? Qadhafi oder Ghadhafi - EINIGKEIT... Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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