Schweiz

«Wenn ich einmal zurückkomme, werde ich ein Fremder sein»

Die Frau von Libyen-Geisel Rachid Hamdani erzählt erstmals, was sie zu Hause durchmacht. Und sie spricht über den aktuellen Zustand ihres Mannes.

Wartet seit 16 Monaten auf ihren Mann: Bruna Hamdani in ihrem Haus.

Wartet seit 16 Monaten auf ihren Mann: Bruna Hamdani in ihrem Haus.

Aus dem Familienalbum: Rachid Hamdani im Urlaub.

Aus dem Familienalbum: Rachid Hamdani im Urlaub.

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Am 17. September schickte Bruna Hamdani ihrem in Libyen festgehaltenen Ehemann eine E-Mail mit Fotos der zwei Enkelkinder. Sie waren auf die Welt gekommen, während er in Libyen festsass. «Das sieht alles sehr schön aus», schreibt ihre Ehemann Rachid zurück. «Wenn ich einmal zurückkomme, werde ich ein Fremder sein. All diese Kleinen sehen sehr glücklich aus. Es ist wirklich eine Strafe, das alles zu verpassen.» Zu seiner eigenen Person sagt er, es gebe nichts Neues zu berichten. Dies berichtet das Westschweizer Magazin «l'Illustré». Alles sei irgendwie eingeschlafen. Also gedulden wir uns und irgendwann geht die Sonne dann wieder auf. Und er schliesst die E-Mail mit den Worten: «Mach dir keine Sorgen.» Bruna Hamdani erzählt im Magazin erstmals ausführlich, was sie durchgemacht hat, seit ihr Mann in Tripolis festgehalten wird. Sie habe zuerst die Wochen gezählt, erzählt die Frau. Sie habe stets gewusst, wann Flugzeuge aus Tripolis in Genf landen. Und sie habe sich immer gesagt, dass ihr Mann Rachid vielleicht in einem der nächsten Maschinen sitzen würde. Seit der Flugbetrieb zwischen Libyen und der Schweiz eingestellt wurde, habe sie angefangen die Monate zu zählen, sagte sie gegenüber «l'Illustré».

«Das ist inakzeptabel»

Seit fünf Wochen habe sie nun von ihrem Mann und der anderen Geisel Max Göldi nichts mehr gehört. «Das ist inakzeptabel, dass nicht einmal die Diplomaten das Recht haben, sie zu sehen, sagt die Frau. Das Schlimmste sei, dass man nicht wisse, ob die beiden Geiseln noch zusammen sind, wie es ihnen geht, und vor allem unter welchen Bedingungen sie festgehalten werden», sagt sie. «Die Libyer haben gesagt, dass es den beiden gut geht. Aber wie können wir ihnen glauben?» Die letzten 16 Monate habe sie zwischen Hoffen und Bangen verbracht. Sie wisse schon nicht mehr, wie viele Male man ihrem Mann gesagt habe, es handle sich bloss noch um Tage, bis sie ausreisen könnten. Letzten Dienstag hat Hamdani seinen 69. Geburtstag gefeiert, den zweiten in Gefangenschaft. Der Mann ist Maschineningenieur. Er hat drei Jahre in Algerien gearbeitet. Zwischen 1977 und 1978 war er bereits einmal in Libyen. Seine Frau Bruna reiste damals laut «l'illustré» mit ihm. «Wir haben drei Wochen in Libyen verbracht, erzählt sie. Bruna Hamdani war beeindruckt von der Schönheit dieses Landes und von der Freundlichkeit der Einheimischen. Die Frau erzählt auch, dass ihr Mann vor 30 Jahren bereits einmal wegen einer Visa-Geschichte in Libyen blockiert war. «Wir hatten damals eben unser Haus fertiggestellt. Ich musste dann allein zügeln.»

Geplant waren drei bis fünf Tage

Rachid Hamdani reiste diesmal für die Baufirma Stucky nach Libyen. Der Aufenthalt sollte nicht länger als 3 bis 5 Tage dauern. Bruna Hamdani begleitete ihrem Mann am 18. Juni 2008 nach Genf-Cointrin. Bei der Fahrt zum Flughafen hätten sie am Radio gehört, dass Hannibal Ghadhafi in Genf verhaftet und wieder freigelassen worden sei. «Wir haben uns aber nichts dabei gedacht», sagt sie. Einen Tag später wurde Rachid verhaftet». Nach 10 Tagen Haft wurde er entlassen und hielt sich die erste Zeit vor allem in der Botschaft auf. Dort habe er es aber nicht mehr ausgehalten und sei arbeiten gegangen. In Misratha, 250 Kilometer östlich von Tripolis, versuche er einen Terminal aufzubauen für den Import von Zement. Sie habe während dieser Zeit über E-Mail oder Telefon fast täglich mit ihm Kontakt gehabt. Bruna Hamdani erzählt gegenüber «l'illustré» auch von jenem 25. August, als der Bundesratsjet in Richtung Tripolis abhob - fünf Tage, nachdem sich Bundespräsident Hans-Rudolf Merz in Tripolis für die Verhaftung Hannibal Qadhafis entschuldigt hatte. «Das war der schlimmste Tag. Wir haben damals angefangen, an die Rückkehr der zwei Geiseln zu glauben.» Sie sei stündlich vom EDA und vom Finanzdepartement informiert worden. Nachdem sie stundenlang gewartet habe, habe sie ihren Mann angerufen. Der habe ihr gesagt, sie würden ebenfalls seit Stunden warten. Es werde kaum etwas passieren. Sie solle schlafen gehen und sich keine Sorgen machen. Um Mitternacht habe sie dann aus Bern die Meldung erhalten, dass die zwei Schweizer nicht in dieser Nacht zurückkehrten.

«Bereit Hannibal Ghadhafi zu treffen»

Bruna Hamdani ist der Familie Ghadhafi nicht böse. Sie könne diese Haltung verstehen. «Ich bin bereit, Hannibal Ghadhafi zu treffen und mit ihm über den Zwischenfall in Genf zu diskutieren.» Sie sei ausgebildete Sozialarbeiterin. Sie habe die Hoffnung nicht verloren, dass die zwei Schweizer bald freikommen. (mos)

Erstellt: 29.10.2009, 10:07 Uhr