Wie organisiert man eine Revolution?
Von Felix Schindler. Aktualisiert am 18.11.2009
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Sie sind vielleicht 100 junge Männer und Frauen, Studierende, die über Nacht zu Besetzern wurden. Sie befürchten, dass die Uni der Privatwirtschaft zum Frass vorgeworfen wird. Und seit sie den Kollegen aus dem Ausland nachgeeifert haben, erhalten sie nun die volle Aufmerksamkeit der Medien – und könnten ihre Befürchtungen so mit einer breiten Öffentlichkeit teilen.
Das Plenum diskutiert, das Plenum sagt Nein
Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich – die Besetzer drohen schon in den Anfängen über ihre Vorstellungen einer gerechten, basisdemokratischen Welt zu stolpern. So muss der Vertreter der Besetzer, der mit den Medien sprechen kann, erst durch das «Plenum» gewählt werden. Dieser sagt den Journalisten dann: «Wir besprechen derzeit alle inhaltlichen Fragen im Plenum. Journalisten haben dabei keinen Zutritt.»
Wer sich trotzdem in den Hörsaal KOH-B10 schleicht, wird nach kurzer Zeit freundlich, aber bestimmt hinausgewiesen. Während der kurzen Zeit, die der Journalist Zeuge der inhaltlichen Debatte wurde, stimmten die Besetzer darüber ab, ob man den Journalisten erlauben solle, im Hörsaal Fotos zu machen.
Lobbyisten der Wirtschaft treffen die wichtigen Entscheidungen an der Uni
Dabei hätten es die Anliegen der Studierenden durchaus verdient, von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Unter dem Schlachtruf «Keine Ökonomisierung der Bildung» fordern sie, dass sich die Uni nicht von der Privatwirtschaft vereinnahmen lässt. «Bereits jetzt sitzen im Unirat ein Ex-CEO der Credit Suisse und der Präsident der Forschungskommission der Economiesuisse (Anm. d. Red.: Hans-Ulrich Doerig und Andreas Steiner). Diese Leute treffen wichtige Entscheidungen für die Uni und dabei ist klar, dass sie die Interessen der Wirtschaft wahrnehmen», sagt ein gewähltes Mitglied der «Arbeitsgruppe Medien», das keinesfalls namentlich genannt werden will. Ausserdem stören sich die Studierenden an den Präsenzkontrollen. Beanspruchen sie nicht einfach ein Recht zum Schwänzen? «Viele Studierende müssen neben dem Studium arbeiten. Für jene wird es immer schwieriger, ein Studium zu absolvieren. Ausserdem kommt es sowieso kaum je zu Diskussionen. Viele Professoren sagen in ihren Vorlesungen lediglich, was wir bis zu den Prüfungen alles lernen müssen. Das kann man sich genauso als Podcast herunterladen», sagt der Mediensprecher.
«Wenn Sie mein Gesicht pixeln, sehe ich aus wie ein Verbrecher»
Trotzdem verbringt der Mediensprecher einen Grossteil seiner Zeit damit, den Journalisten zu erklären, warum er nicht einmal anonymisiert auf einem Bild oder einen Videobeitrag gesehen werden kann: «Wenn Sie mich im Bild zeigen, riskiere ich Sanktionen von der Unileitung. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand, der sich exponiert, Schwierigkeiten bekommt.» Er verweist ausserdem auf einen Vorstoss der SVP im Zürcher Gemeinderat, in dem Claudio Zanetti forderte, das missliebige Stundenten leichter exmatrikuliert werden können. «Doch wenn Sie mein Gesicht pixeln, sehe ich aus wie ein Verbrecher. So wollen wir auch nicht wahrgenommen werden.»
Also laden Besetzer die Medienschaffenden zu einer fingierten Plenumsdiskussion ein, an der die Fotografen ihre Bilder schiessen sollen und die Kameramänner ihre Videos. Und wenn es wieder spannend wird, werden sie erneut vor die Tür gestellt. Der Termin für die erste Medienkonferenz steht – und die Revolution ist vorerst vertagt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.11.2009, 16:52 Uhr
Schweiz
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