Die laute, aber unbedeutende Minderheit
Von Claudio Habicht. Aktualisiert am 18.11.2009
Studie
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«Lächerliche Kindsköpfe»
An den Unis Basel, Bern und Zürich protestieren die Studierenden gegen das Bologna-System und besetzen Hörsäle. Der Frust bei den Studierenden ist gross, so scheint es. Doch nicht alle von ihnen stehen hinter der Protestaktion, wie die Kommentare bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen.
«Die sollen besser ihre Hausaufgaben machen , als immer nur zu protestieren.» findet etwa User Richard Muggel. «Ich habe keine Zeit, diese arroganten, selbsternannten Studentenführer zu beklatschen.» Insgesamt kommen die Protestierenden eher schlecht weg: «‹Uni von unten› ist eine lächerliche Gruppe von Kindsköpfen, die Spass daran finden, Revolution zu spielen», schreibt Leser Raul Simoni. «Sie repräsentieren auf keinen Fall die Meinung der Mehrheit der Studenten.» Und auch Peter Kunze findet: «Dieser Protest ist selten unnötig und eine Showbühne für Möchtegern-Revoluzzer.»
Voten wie «Bologna ist ein Riesenfehler!» dagegen sind in der Minderheit. Nur wenige Kommentatoren teilen die Meinung von User Dusan Nedeljkovic, der schreibt: «Die Forderungen der Studenten sind durchwegs legitim.»Einige vollführen in ihrem Kommentar gar einen Rundumschlag gegen die Uni («Die Unis sind undemokratische Institutionen»), sprechen von «katastrophalen Organisationsmängeln» und «didaktisch unfähigen Dozenten».
Die Proteste gegen die Bologna-Reform haben sich auf die ganze Deutschschweiz ausgebreitet. Studierende halten die Aulen der Universitäten Zürich, Basel und Bern besetzt und lehnen sich unter anderem gegen die Verschulung des Studiums, Präsenzkontrollen, Studiengebühren und den Einfluss der Privatwirtschaft auf. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist den rund 1000 Aktivisten dabei sicher – lange liegen die letzten Studentenproteste in der Schweiz zurück.
Die meisten Studierenden können jedoch nichts mit den Aktionen anfangen: Sie sind – trotz der grossen Umwälzungen im universitären Bildungssystem (Siehe Box) – mit ihrem Studium zufrieden. Das hat die Umfrage «Studieren nach Bologna – die Sicht der Studierenden» im September gezeigt. Die Studie, die von der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) zusammen mit den Studentenverbänden durchgeführt wurde, ist die erste ihrer Art in Europa. «Bei den Studierenden hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Bologna-Reform Realität ist», sagt Sabine Felder, Bologna-Zuständige bei der CRUS.
«Punkte sammeln» wird kritisiert
Bei den Verantwortlichen ist man sich bewusst, dass es noch einiges zu verbessern gibt. So beklagen sich die Studierenden beispielsweise, dass die ECTS-Punkte, die für Studienleistungen vergeben werden, heute nur als Kreditpunkte dienten. «Punkte sammeln», heisst das um Uni-Jargon. Dabei sieht das System vor, dass die Studierenden anhand der Punkte auch ihr Arbeitspensum festlegen und ihre Leistungsnachweise planen sollten.
Ein weiteres Problem ist, dass viele Studierenden Mühe haben, Studium und Nebenjob unter einen Hut zu bringen – Der Studienplan sei zu dicht. «Gewisse Studienrichtungen werden für Personen aus weniger begüterten Verhältnissen schlicht ‹unstudierbar›», heisst es in der Studie. Trotz der Kritikpunkte ist die CRUS optimistisch: «Die Umsetzung des Bologna-Prozesses in der Universitäten befindet sich auf gutem Weg.»
In zehn Jahren weiss man mehr
Das neue Hochschulmodell wurde vor zehn Jahren beschlossen: In Bologna unterzeichneten 29 europäische Länder – darunter auch die Schweiz – einen entsprechenden Vertrag. Sie legten folgende Ziele fest: Die Abschlüsse sollten untereinander vergleichbar sein, ein Studium soll in zwei Abschlüsse aufgeteilt werden (Bachelor/Master) und die Studienleistungen sollen gleich bewerten werden (ECTS-System). Zudem sollten Studenten an jeder Universität ihr Studium anfangen oder fortsetzen können.
Ob das neue System zehn Jahre nach der Einführung zwei der wichtigsten Ansprüche erfüllen kann, ist nach wie vor unklar: eine kürzere Studiendauer und weniger Studienabbrecher. Bislang wurde erst untersucht, wie sich die Abschlussquote mit der Einführung des Bachelors im Vergleich zum früheren Lizentiat verändert hat – Äquivalent zum Lizentiat wäre jedoch der Master. «Es gibt noch zu wenige Studierende mit Master-Abschlüssen, um vergleichen zu können», sagt Felder. Laut dem Bologna-Barometer 2009 des Bundesamts für Statistik haben 70 Prozent der Studierenden nach fünf Jahren Studium einen Bachelor-Abschluss in der Hand, bei den Lizentiaten und Diplomen waren es nach zehn Jahren 67 Prozent.
Handfeste Aussagen lassen sich demnach erst in einigen Jahren machen. «Was die Umsetzung betrifft, brauchen wir weitere zehn Jahre», sagt der Philosoph Walther Zimmerli, Verfasser eines Weissbuchs zur «Zukunft Bildung Schweiz» in der «Neuen Zürcher Zeitung». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.11.2009, 14:08 Uhr
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