Schweiz

Uni-Besetzer: «Herr Rektor, Ihr Posten könnte eingespart werden»

Uni-Rektor Andreas Fischer hat sich den Fragen der Studierenden gestellt – und fordert sie auf, den besetzten Hörsaal innerhalb von 48 Stunden zu räumen. Sonst erwäge die Uni eine Strafanzeige.

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Kurz vor 18 Uhr füllt sich der besetzte Hörsaal KOH B-10. Studenten schieben die Matratzen am Boden zur Seite, jemand entfernt die Notiz «Wer will nach Wien? Noch 4 Plätze im Auto!» vom Hellraumprojektor, und der Moderator justiert sein Jackett. Er dankt den rund 500 anwesenden Studierenden für ihren Einsatz und dem Rektor für seine Anwesenheit. Auf der Folie 1 steht: «Mehr Geld für Bildung». Ein Student greift zum Mikrofon und fragt: «Herr Fischer, Sie haben gesagt, Sie wären froh um mehr Geld in der Bildung. Wie werden Sie dafür im Kantonsrat kämpfen?» Viele Studierende schwenken die Hände in der Luft – eine Geste der Zustimmung, die an die Teletubbys erinnert.

Der Rektor spricht von den härteren Zeiten, die auf uns zukämen und dem Sanierungspaket, das der Kantonsrat angekündigt hat. «Die Steuereinnahmen gehen zurück, meine Damen und Herren.» Er werde das Gespräch mit den Regierungsräten suchen und sich einsetzen, aber das Budget passiere im Kantonsrat. «Kreise, denen Sie nicht fernstehen, haben in den letzten Jahren Steuererleichterungen für Reiche und Firmen erwirkt», kontert ein Student. «Bitte lassen Sie mich persönlich aus dem Spiel», sagt Fischer, «ich vertrete hier die Uni.» Er könne auch kein Budget vom Baum schütteln. Die nächste Frage: «Ihr Posten ist ein repräsentativer Posten, der könnte eingespart werden.» Hände wedeln durch die Luft. Antwort: «Das muss ich nicht kommentieren.»

«Machen Sie Karriere an der Uni»

Ein Student fürchtet, die Bildung an der Uni werde zugunsten der Forschung vernachlässigt, um in Rankings gut abzuschneiden. Der Rektor antwortet, Forschung und Lehre seien eng verknüpft, mehr als 60 Prozent aller Mittel würden aber für Stellen ausgegeben. Eine Studentin brüllt dazwischen: «Jawohl! Für 19 Franken die Stunde für eine Putzfrau!» Es wird geklatscht, das Klatschen gerügt, und Hände wedeln durch die Luft. «Wir wollen eine Frau, jetzt!», ruft jemand dazwischen. Eine Studentin greift nach dem Mikrofon: «Wie viele leitende Positionen werden an der Uni von Frauen besetzt?» Spontanes Klatschen, man mahnt sich gegenseitig zu wedeln und wedelt. Der Rektor antwortet, mit 56 Prozent seien die Frauen während des Studiums in der Mehrzahl, im Mittelbau seien die Geschlechter dann gleich gut vertreten, weiter oben seien die Frauen aber leider untervertreten. «Ich appelliere an Sie, liebe Damen, machen Sie Karriere an der Uni!»

«Marx und Emile Durkheim sind Fremdwörter für uns»

Ein Student kritisiert die Politik der leeren Kassen und den Markt, der die Bildung bestimmt, und fordert, den Uni-Rat abzuschaffen. Jemand legt Folie 2 auf: «Keine Macht den privatwirtschaftlichen Interessen an der Uni». Fischer antwortet, man sei stolz, eine staatliche Uni zu sein, und die Drittmittel kämen schliesslich den Studierenden zugute. Zur Zusammensetzung des Uni-Rats, «unseres Chefs», könne er sich nicht äussern.

Zur Folie 3 «Bologna nicht so!» folgt Kritik zur Reform. «Wir lesen keine Primärliteratur, Marx und Emile Durkheim sind Fremdwörter für uns!» – «Warum werden die meisten Seminare in der Psychologie von Studenten selbst gehalten?» – «Bildung soll doch nicht nur Lehre sein, sondern auch kritisches Denken!» – «Meine Punkte aus Barcelona sind hier nichts wert!» Der Rektor hört zu, macht sich Notizen und antwortet: Er könne sich nicht in die Lehrpläne einmischen, diese gelte es in der jeweiligen Fakultät zu thematisieren. Die Reform sei noch relativ neu, und es gebe Detailfragen zu klären. Bildung sei eine Vertiefung des eigenen Wissens, die jeder auch selbst steuern könne.

Räumungsfrist verlängert

Nach rund 90 Minuten Diskussion sagt der Rektor: «Ich freue mich, dass Sie sich engagieren. Aber Ihre Besetzung freut mich nicht durchwegs.» Sein Angebot: Wenn die Studierenden den Hörsaal bis Dienstagmorgen verlassen, stelle er ihnen einen anderen Raum auf Zeit zur Verfügung. Ansonsten behalte sich die Uni vor, allenfalls Strafanzeige einzureichen. Die Studentinnen und Studenten schreien, johlen und reklamieren. Fischer willigt ein, die Räumungsfrist bis Mittwochabend zu verlängern. Eine Studentin sagt: «Es gibt zwei Arten von Freiheit. Die Freiheit, zwischen zwei Dingen wählen zu können, oder die Freiheit, neue Wege zu formen. Wir wollen das Zweite!» Alle klatschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2009, 08:36 Uhr

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