«Er ist ein Manipulator»

Westschweiz-Korrespondent Philippe Reichen spricht zum Prozessauftakt über die Wendung im Fall Marie, ihre Auswirkungen und sagt, wie die Familie des Opfers reagiert hat.

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Der mutmassliche Mörder von Marie, Claude D., will plötzlich seinen Verteidiger wechseln. Weshalb?
Er gab vor Gericht an, sein Vertrauen in Pflichtverteidiger Loïc Parein verloren zu haben. Konkrete Gründe nannte er nicht, darüber kann man nur spekulieren. Eine Möglichkeit ist die CD-Affäre: Parein liess eine CD mit Daten über Claude D. in der Zelle, offenbar soll es sich hierbei um ein Missverständnis gehandelt haben. Der Datenträger wurde bei einer Durchsuchung, angeordnet von Parein, beschlagnahmt. Jacques Barillon, der Anwalt der Opferfamilie, vermutet jedoch einen Akt der Machtausübung: Obwohl er der Angeklagte ist, möchte er selber über den Prozess bestimmen.

Was sagte Verteidiger Parein dazu?
Für ihn ist die Sache klar: Wenn ein Mandant das Vertrauen in seinen Verteidiger verloren hat, gibt es keine andere Möglichkeit, als diese Forderung zu akzeptieren. Dies würde den ganzen Prozess massiv verzögern, schliesslich arbeitete Parein drei Jahre lang an diesem Fall.

Insbesondere für die Familie von Marie dürfte das alles andere als leicht sein.
Vater Antoine Schluchter sagte, eine Verzögerung wäre für die Verarbeitung fatal. Die Familie hat sich für diese Woche freigenommen, Maries Schwester Laetitia ist aus den USA, wo sie Architektur studiert, extra angereist.

Wie hat die Familie Schluchter auf Maries Mörder reagiert?
Gar nicht. Ohnehin war es um Claude D. ruhig, es gab auch keine Proteste oder sonstige Kundgebungen vor und im Gerichtssaal.

Welchen Eindruck machte Claude D. vor Gericht?
Er ist ein Manipulator – rhetorisch äusserst beschlagen – und agierte praktisch als sein eigener Verteidiger. Dabei ist er eigentlich eher unscheinbar, mit rundlichem Gesicht und Körper. Fast schon unglaublich war, wie er angab, genügend Sensibilität zu haben, um zu wissen, was ein allfälliger Wechsel des Pflichtverteidigers für die Opferfamilie bedeuten würde.

Wie geht es nun weiter?
Das Gericht muss nun zunächst entscheiden, ob Claude D. einen neuen Pflichtverteidiger bekommt. Speziell: Der Angeklagte schickte den Brief mit diesem Antrag am 3. März, also kurz vor der Verhandlung. Mehr wurde bisher noch nicht besprochen. Die Entscheidung ist für 13.30 Uhr angesetzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2016, 13:57 Uhr

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