«Fällt ein Wanderer den Hang hinunter, ist das eine Randnotiz»

Wie gefährlich sind Mutterkühe für die Wanderer wirklich? Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bauernverbandes, nimmt Stellung.

Der Beschützerinstinkt einer Mutterkuh kostete einer Frau das Leben (Archivbild).

Der Beschützerinstinkt einer Mutterkuh kostete einer Frau das Leben (Archivbild). Bild: Keystone

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Herr Heller, kürzlich ist eine Wanderin, die zwischen Mutterkühen hindurchgehen wollte, so schwer verletzt worden, dass sie noch am Unfallort starb. Haben wir Menschen verlernt, wie wir uns in der Natur zu verhalten haben?
Auf jeden Fall! Das soll aber kein Vorwurf sein, sondern ist mehr der normale Lauf der Zeit. Nicht jeder Mensch besitzt einen Bauernhof oder die Nähe zu unseren Nutztieren, die Leute entwickeln sich immer weiter weg vom Land, die meisten wohnen in der Stadt.

Das bedeutet für die Bauern also, dass sie die Passanten auf die mögliche Gefahr aufmerksam machen müssen.
Ein Bauer muss sich selber schützen, denn schlussendlich ist er für jeden Schaden, den seine Tiere anrichten, haftbar. Auch in diesem tragischen Fall hat der Staatsanwalt ein Verfahren eröffnet, da wird die Schuldfrage geprüft. Grundsätzlich liegt die Verantwortung aber nicht nur bei den Landwirten, auch die Gegenpartei muss ihren Teil zur Aufklärung beitragen.

Als Alternative zur Milchproduktion werden immer mehr Mutterkühe gehalten. Ist dadurch das Risiko für Wanderer gestiegen?
Natürlich muss man vorsichtiger sein, wenn man auf eine Herde trifft, in der männliche Tiere oder Mutterkühe anwesend sind. Aber ein komplett risikofreies Wandern ist ohnehin eine Illusion, die mediale Beachtung ist halt eine ganz andere. Wenn ein Wanderer den Hang hinunterfällt, ist das ebenso tragisch, wird in den Medien aber nur als Randnotiz erwähnt. Verletzungen, die durch Kühe verursacht werden, sind seltener und vor allem überraschender, deshalb ist der emotionale Bezug umso grösser. Es wäre aber falsch, eine Kuh plötzlich in die Kategorie der Raubtiere zu verfrachten.

Weshalb wehren Sie sich gegen die Auszäunung aller Mutterkuhherden in der Nähe von Wanderwegen?
Weil es schlicht und einfach nicht realisierbar ist. Ausserdem gibt es viele Weiden, bei denen es gar keinen Sinn machen würde, diese auszuzäunen. Wenn ein solch tragischer Fall wie derjenige von Laax passiert, bewerfen sich Wanderer und Bauern immer mit Maximalforderungen. Erst dann setzen sich die Parteien hin und erarbeiten gemeinsam realistische Massnahmen.

Welche Massnahmen müssen Ihrer Meinung nach konkret getroffen werden?
Man muss die Menschen über den Instinkt der Tiere sensibilisieren, beispielsweise mittels der vorhandenen Wanderbüchlein. Ebenso müssen sich alle Parteien immer wieder hinterfragen. Wie frequentiert wird ein Wanderweg benutzt, lohnt es sich, diesen zu erhalten? Oder für die Bauern: Macht es in ihrem Fall Sinn, die Mutterkuhherde doch auszuzäunen? Wurde genügend beschildert? Eine Pauschallösung kann nicht getroffen werden, man muss die Fälle individuell prüfen.

Was erwarten Sie als Landwirt von den Wanderern?
Dass sie sich in der Natur respektvoll verhalten und vor allem die Warnschilder beachten. Wir können noch so viele Informationen aussenden, aber wenn diese nicht empfangen werden, sind wir machtlos. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2015, 15:16 Uhr

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