«Das entlarvt die Heuchelei der Katholiken»
Herr Pellanda, sind Sie ein Provokateur?
Was soll diese Frage? Ich bin weder ein Provokateur, noch lasse ich mich leicht provozieren. Ich stelle zurzeit im Museum für moderne Kunst in Ascona aus. Unter meinen Installationen und Bildern gibt es drei politische Werke, darunter auch «L’importanza di una notte italiana», meine Marienbild-Installation (siehe Bild auf Seite 63). Damit will ich die Verlogenheit der katholischen Kirche mit Blick auf die menschliche Sexualität und die Unterdrückung der Frau anprangern. Natürlich, die Kirche San Pietro gegenüber dem Museum stellt das Werk in einen brisanten Kontext. Das war aber auch meine Absicht. Wer hat zuerst protestiert?
Das kam schleichend. Das Werk hing prominent im Innenhof, war nicht zu übersehen. Beim Einrichten der Ausstellung bemerkte ich immer öfter, wie völlig unbeteiligte Leute kopfschüttelnd vor der Installation standen. Da kam mir ein alter Trick zugute: Obwohl ich fliessend Italienisch spreche, gab ich mich als Ignorant. Dadurch redeten die Leute in meiner Anwesenheit offen über mich und meine Kunst. Und was wurde gesagt?
Die meisten waren empört, regten sich auf oder bekreuzigten sich. Es war schnell einmal klar, dass mein Kunstwerk dort nicht hängen bleiben durfte. Die Kuratorin Mara Folini setzte sich mit den Gemeinderäten zusammen und erreichte immerhin, dass die Ausstellung nicht zensuriert wurde. Man einigte sich darauf, dass mein Marienbild an einem Ort aufgehängt wurde, wo es kaum auffällt. Haben Sie sich nicht aufgeregt?
Nein, aber ich habe erreicht, dass sich die Leute aufregen. Nicht hingegen, dass sie die Provokation hinterfragen - eine echte Reflexion hat nicht stattgefunden. Man hat nicht mal mit mir persönlich gesprochen, sondern einfach über meinen Kopf hinweg entschieden. Und damit können Sie leben?
Die Geschichte ist eine weitere tragisch-komische Episode in meinem Leben. Ich konnte das Ganze aus der Distanz beobachten, es war eine Art Theatervorführung, eine Performance, bei der ich gleichzeitig Hauptfigur und Zuschauer war. Unerhört ist, dass ich in der gleichen Ausstellung riesige Aktbilder von blutjungen Frauen zeige. Darauf sieht man alles - nur die Gemüter der kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten wurden nicht erregt. Das gibt mir zu denken und verdeutlicht noch stärker die herrschende Heuchelei unter den Katholiken. Die ganze Empörung konzentrierte sich auf mein Marienbild. Das musste weg, dafür liess man meine anderen Bilder in Ruhe. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Sehen Sie, in der Kirche gegenüber wird geheiratet. Oft findet anschliessend im Hof des Museums der Hochzeitsapéro statt, auch während der Ausstellung. Da darf eine solche Darstellung doch nicht sein! Dabei bin ich mir sicher, dass es Jahrzehnte her ist, seit hier jemand gänzlich unbefleckt geheiratet hat. Da findet eine Flucht vor der Realität statt. Die generalstabsmässige Unterdrückung der Frau in der katholischen Welt schreitet voran. Und wie geht es Ihnen heute? Dieses Erlebnis ist ein paar Tage her.
Ich bin ruhig geblieben. Wahrscheinlich erwartete man, dass ich mich grenzenlos aufrege und insistiere, dass die Installation bleibt, wo sie ist. Das ist aber nicht meine Art, denn ich will meine Kunst auch verkaufen. Ich halte es wie Wilhelm Busch, der einst sagte: «Und wie es mit Recht geschieht, auf die Kunst folgt der Profit.» * Marco Pellanda, 54, lebt mit seiner Partnerin in Küsnacht. Der Künstler stellt zurzeit im Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona aus. Die Ausstellung dauert noch bis zum 31. Oktober 2009.
Marco Pellanda über Frust und Lust an Skandalen: «Warum sollte ich mich aufregen?» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.09.2009, 02:03 Uhr
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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